Hier wurde der Kalikokrebs in Blankenloch entdeckt: Reiner Dick, Umweltbeauftragter der Stadt Stutensee, zeigt die Stelle, an der die amerikanischen Flusskrebse auftauchten. | Foto: Manfred Spitz

Stutensee: Besorgt um Biotope

Kalikokrebs in der Alten Bach bei Blankenloch entdeckt

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Jetzt hat er auch Stutensee erreicht: der Kalikokrebs. Vor zwei Wochen entdeckte eine Spaziergängerin, die mit ihrem Hund an der Alten Bach in Blankenloch unterwegs war, den gefräßigen Flusskrebs und erzählte es einer Bekannten. Die machte Fotos und zeigte sie Reiner Dick, dem Umweltbeauftragten der Stadt Stutensee.

Fotos an die PH Karlsruhe geschickt

„Das war am 23. Juli“, sagt Reiner Dick. „Dann haben wir gegoogelt und die Handyaufnahmen ans Landratsamt sowie an die PH Karlsruhe geschickt.“ An der Pädagogischen Hochschule (PH) gibt es mit Professor Andreas Martens, Alexander Herrmann und Andreas Stephan ausgewiesene Experten, die den Amerika-Einwanderer erforschen. „Von dort ist dann die Bestätigung gekommen, ja es ist der Kalikokrebs“, macht Reiner Dick gegenüber den BNN deutlich.

Reiner Dick selbst sah an dem Gewässer nur ein paar Schritte vom Blankenlocher Schulzentrum entfernt, „selbst auch welche“. Die Kalikos würden, so habe er erfahren, bereits die Alte Bach von Durlach bis Stutensee besiedeln. „Das habe ich nicht gewusst“, sagt Dick. Die Alte Bach mündet bei Staffort in die Pfinz-Korrektion.

Verdächtige Krebse sollten gemeldet werden

„Wir sind noch dabei zu Erfassen, wie weit die Art auf dem Stadtgebiet Karlsruhe und in den Gewässern um die Stadt vorkommt“, teilte Alexander Herrmann von der PH Karlsruhe auf Anfrage mit. Man könne das Vorkommen anhand der bisher vorliegenden Daten nicht genau einschätzen und sei damit beschäftigt, das zu erheben: „Sollte die Bevölkerung Krebse über Land wandern sehen, darf sie diese gerne an uns melden.“ Und zwar unter: flusskrebse@mail.de

Frisst alles, was ihm in die Quere kommt, kann über Land wandern und vermehrt sich explosionsartig: Der Kalikokrebs. | Foto: Karsten Grabow/dpa

Reiner Dicks Rathaus-Kollegin Tina Vitale von der Stadtkasse hat Bekanntschaft mit den Kalikos gemacht und fotografiert. „Am ersten Tag habe ich sechs gesehen, dann wurden es immer mehr. Der Graben war voll davon. Auch auf dem Weg sind die Burschen gelaufen – und haben die Scheren gestellt“, schildert sie ihre Eindrücke.

Kalikokrebs breitet sich rasend schnell aus

In den frühen 1990er Jahre ist der Kalikokrebs erstmals in Deutschland, genauer in der Nähe von Baden-Baden, aufgetaucht. Seither breitet sich Orconectes immunis, so der wissenschaftliche Name des gefräßigen Flusskrebses, der ursprünglich in Nordamerika zuhause ist, rasend schnell aus. Der Kalikokrebs ist eine der gefährlichsten invasiven (eingeschleppten) Arten. Die Tiere fressen alles, was ihnen vor die Scheren kommt. Einheimische Amphibien und Insekten, etwa Libellen, fallen ihnen zum Opfer. Oder sie nehmen ihren Lebensraum in Beschlag.

Wohl zu zig-Hundertausenden, die genaue Zahl kennt niemand, eroberten die Kaliko-Invasionstruppen den Oberrhein und seine Auengewässer flussabwärts bis Worms. Ebenso benachbarte Kanäle und Bäche. Weil sie in der Lage sind über Land zu wandern, können sie auch Gewässer abseits von Flüssen erreichen. Das weiß Reiner Dick und ist besorgt, dass die Kalikokrebse womöglich in die alten Fischteiche in der Nähe der Alten Bach, in die Baggerseen in Blankenloch und Staffort oder in sonst eines der Stutenseer Biotope gelangen.

Wir sind schon etwas ratlos, weil wir nicht wissen, was wir tun können

„Der renaturierte Bereich bei den Pfennigerwiesen, wo wir einen Maisacker in eine Auenlandschaft umgewandelt haben, könnte für die Kalikokrebse ein super Rückzugsgebiet sein. Für die Krebse wäre das ein Paradies. Für den Naturschutz eine Katastrophe“, sagt Reiner Dick: „Wir sind schon etwas ratlos, weil wir nicht wissen, was wir tun können. Man steht als Kommune ziemlich im Regen“, hofft er auf raschen Experten-Rat.

In der Alten Bach bei Blankenloch

Aufgetaucht sind die Kalikos in Blankenloch am Zufluss eines Wiesengrabens in die Alte Bach. Dort, wo vor der Röhre das Wasser sprudelt, wurden sie entdeckt. Zuletzt haben sie sich aber rar gemacht. „Ob sie sich eingegraben oder sich hier schon durchgefressen haben und weitergezogen sind?“, rätselt Reiner Dick – und bangt zugleich.

In Rheinstetten ein Biotop zerstört

Der Kalikokrebs kann ganze Biotopvernetzungen ausradieren. In Rheinstetten hatte er vor ein paar Jahren ein klares Gewässerbiotop zu einem milchkaffetrüben, toten Tümpel gemacht. Das Gewässer ist inzwischen teilsaniert. Kiesaufschüttungen an den Uferbereichen verhinderten, dass der Kaliko Gänge gräbt, in die er sich bei Trockenheit zurückziehen kann. Denn wohl fühlt der sich überall wo es lehmigen Untergrund gibt. Und Barrieren aus Holzstämmen helfen anscheinend, die Tiere vom Wandern abzuhalten.

Nicht auf EU-Liste der invasiven Arten

Dennoch: Los wird man den Kalikokrebs in Deutschland nicht mehr, darin sind sich die Experten einig und kritisieren, dass er auch in der 2017 erweiterten EU-Liste invasiver Arten nicht zu finden ist.

 

Stichwort: Kalikokrebs:  – Der Kalikokrebs ist ein aus Nordamerika stammender Flusskrebs, der meist eine Körperlänge von etwa neun Zentimeter erreicht. Er wurde 1993 vermutlich von Soldaten der kanadischen Airbase auf dem Gelände des heutigen Baden-Airparks aus Aquarien ausgesetzt. Seither breitet er sich massiv aus – und frisst die Gewässer leer. Einheimische Amphibien und Insekten fallen ihm ebenso zum Opfer wie Pflanzen. Biologen vermuten, dass er inzwischen in den Gewässern entlang des gesamten Oberrheins zu finden ist. Er tritt auch schon in Rheinland-Pfalz auf. Kalikokrebse vermehren sich schnell, sie können auch über Land wandern und in neue Gewässer vordringen. Adam Schnabler, Nabu-Experte für Flusskrebse, hält den Kaliko für eine der bedrohlichsten invasiven Arten in Deutschland überhaupt. Er nennt ihn „eine richtige Killermaschine“.