Fünf Jahre lang war Erich on tour. Wohnsitzlos, ohne festes Einkommen. Viele Bruchsaler kennen den Mann inzwischen, der seit Juli Tag für Tag zwischen Stadtkirche und Rathaus eine kleine Decke ausrollt und selbstgehäkelte Armbändchen anbietet. | Foto: Duttenhofer

Bruchsaler zeigen Solidarität

Obdachlos in Bruchsal: Erichs Leben auf der Straße geht zu Ende

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An seinem 66. Geburtstag kehrt er Bruchsal den Rücken und fährt zurück nach Hause, nach Bayern. Fünf Jahre lang war Erich on tour. Wohnsitzlos, ohne festes Einkommen. Viele Bruchsaler kennen den Mann inzwischen, der seit Juli Tag für Tag zwischen Stadtkirche und Rathaus eine kleine Decke ausrollt und selbstgehäkelte Armbändchen anbietet.

Von Irmgard Duttenhofer

Die Menschen grüßen freundlich, bringen ihm Essen und Getränke mit, eine Frau wäscht seine Kleidung, ein Ehepaar lässt ihn regelmäßig duschen. Er revanchiert sich mit selbstgehäkelten Armbändchen. Auch dank Facebook ist Erich mittlerweile bekannt.

Am Freitag ist Schluss mit diesem Vagabundenleben. Dann fließt Rente. Damit kann er sich eine Mietwohnung und den Unterhalt finanzieren. Er freut sich auf diesen neuen Lebensabschnitt, drei Kilometer vom Chiemsee entfernt, in der Stadt, in der er seine Jugend verbrachte. So erzählt es Erich.

Update/ Hinweis der Redaktion
Die Geschichte um Erich bewegt viele Bruchsaler. Das zeigen die Reaktionen in den sozialen Netzwerken, seit dieser Text online ist. Nach der Veröffentlichung haben die Redaktion mehrere Hinweise von Menschen erreicht, die an Erichs Geschichte zweifelten. Vieles von dem, was Erich erzählt hat, lässt sich nicht endgültig überprüfen. Weitere Recherchen haben aber ergeben, dass er vor seinem Aufenthalt in Bruchsal bereits in Aalen gelebt und dort ähnliche, aber teils auch widersprüchliche Geschichten erzählt hat. Außerdem soll er dort seinen Tod vorgetäuscht und die Stadt dann Richtung Bruchsal verlassen haben. Unsere Spurensuche im Artikel.

27 Städte bereist

27 Städte hat er in den vergangenen fünf Jahren angeblich bereist. Zu Beginn nur Großstädte. Bald erkannte er, auf welch gefährlichem Terrain er sich bewegte. „Jedes Stadtviertel wird von einer anderen Gang beherrscht“, das ist manchmal lebensgefährlich. Danach hat er sich auf Mittelzentren konzentriert und kam dabei auch nach Bruchsal.

Die Bruchsaler sind wunderbar, ich war in keiner Stadt so lange wie hier.

„Die ersten drei Wochen waren schwierig, hab’ kaum was verkauft“, erinnert sich Erich. Danach hatten sich die Menschen an ihn gewöhnt, mit ihm geredet, sich für ihn interessiert, auf Facebook gepostet, dass er finanzielle Unterstützung braucht.

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Inzwischen hat er Stammkunden, die immer wieder Armbänder kaufen oder ihm einfach nur im Vorbeigehen ein Lächeln schenken. „Die Bruchsaler sind wunderbar, ich war in keiner Stadt so lange wie hier“, schwärmt der Rentner.

Erich war 44 Jahre lang berufstätig, zuletzt als Betriebsleiter. | Foto: Duttenhofer

Erich hat sich selbst wegrationalisiert

Erich war 44 Jahre lang berufstätig, zuletzt als Betriebsleiter. Als ein Großkunde absprang und Entlassungen drohten, erarbeitete er mit dem Betriebsrat den Sozialplan und rationalisierte sich selbst weg. So erzählt er die Geschichte. Seine Entschädigung von 160.000 Euro wurde demnach von einem Banker veruntreut. Der Banker ging in den Knast, Erich landete auf der Straße.

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Ehefrau kam beim Autounfall ums Leben

„Wenn meine Frau noch gelebt hätte, wäre das nicht passiert“, sagt Erich. Die Frau kam nach seinen Angaben 2010 bei einem Autounfall ums Leben. Zwei Jahre später wurde bei ihm Krebs diagnostiziert, berichtet er. In Bayern galt er als austherapiert. In Heidelberg wurden ihm immerhin 20 Prozent Überlebenschance eingeräumt.

„Dann nehm‘ ich die 20 Prozent“, sagte er den Ärzten und lacht noch heute über diesen Scherz. Sieben Mal wurde er inzwischen in Heidelberg operiert. Sieben Chemotherapien schlossen sich an. Drei weitere Tumore sind diagnostiziert worden. Er vertraut auch weiterhin auf seinen 20-Prozent-Joker.

Übernachtung im Wald macht ihm nichts aus

Erich distanziert sich von den anderen Wohnsitzlosen. „Die nehmen mich nicht ernst, beschimpfen und bestehlen mich“, sagt er. Weil er keinen Alkohol trinkt und Armbänder anfertigt, sei er ein Außenseiter.

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„Schuld“ an seiner Abstinenz sei übrigens die Bundeswehr, erklärt Erich. Bei der Pioniertaufe musste er Schnaps trinken. Diese Erfahrung hat ihm angeblich für den Rest seines Lebens gereicht.

Etwas Positives kann er der Zeit bei den Gebirgspionieren aber doch abgewinnen. Als Wohnsitzloser übernachtete er, zu seiner eigenen Sicherheit, die vergangenen fünf Jahre im Wald. Dort zu überleben, das habe er bei der Bundeswehr gelernt, sagt er.