Fachmann in Sachen Nachhaltigkeit ist Thomas Brandt vom Biomarkt Füllhorn in Bruchsal. Im Zuge der Corona-Krise werden lose Nüsse und Trockenfrüchte aus hygienischen Gründen zwar wieder in Tüten verpackt, Verkäufer tragen einen Mundschutz. Aber Klimawandel und die Folgen werde trotz Corona nicht unwichtiger, so Brandt.

Weniger ist oft mehr

Verbraucher und Verpackung: Darum liegt Nachhaltigkeit trotz Corona in Bruchsal im Trend

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Ob bio oder konventionell – im Einzelhandel nutzen Kunden zunehmend Mehrwegnetze oder eigene Gläser. Nachhaltigkeit liegt trotz oder gerade wegen Corona im Trend. Denn die Zwangspause hat vielen Verbrauchern gezeigt, dass weniger oft mehr ist.

„Ach das ist es, was meine Oma immer genommen hat!“ Wenn Karin Schlarb aus Obergrombach ihre selbst hergestellten Bienenwachstücher auf den Märkten angeboten hat, war das Interesse immer groß – und der Aha-Effekt.

Bereits zu Ur-Omas Zeiten gab es Wachstücher. Diese wurden aus einem Stück Baumwollstoff und Bienenwachs meist selbst hergestellt. Auch wenn der Corona-Virus unser Leben ziemlich auf den Kopf stellt: Die Einschränkungen für die globale Wirtschaft und im internationalen Flugverkehr haben – zumindest übergangsweise – auch positive Effekte für das Welt-Klima, wie das Umweltbundesamt feststellte.

Dass die Klimakrise nach wie vor unsere Zukunft bedroht, darauf haben in Bruchsal Mitglieder von „Fridays for Future“ und „Parents for Future“ zuletzt am 24. April aufmerksam gemacht.

Kunden kommen mit Gläsern und Dosen

Das Thema Nachhaltigkeit steht bei Konsumenten trotz Corona weit oben auf dem Einkaufszettel. „Ich war überrascht, wie schnell sich das herumgesprochen hat“, erzählt Andrea Ilchmann aus Waghäusel, die seit dem 2. Mai immer samstags mit ihrem Unverpackt-Wagen „Sell & ebbes“ auch auf dem Bruchsaler Wochenmarkt steht.

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Bereits am späten Vormittag standen die ersten Kunden mit Gläsern und Dosen am Stand, um lose Haferflocken, Hülsenfrüchte oder Gewürze zu kaufen. „Endlich“ wurde Ilchmann mit ihrem Wagen begrüßt, der seit Oktober auch in Wiesental und Kirrlach steht.

Bis auf Nudeln laufe der Verkauf von unverpackten Waren gut, so die 56-Jährige: „Damit haben sich in der Corona-Krise wohl viele eingedeckt.“ Für die, die kein Schraubglas oder keine Tüte dabei haben, hat sie notfalls eine Verpackung.

Mit einem Unverpackt-Wagen steht Andrea Ilchmann jetzt auch samstags auf dem Bruchsaler Wochenmarkt | Foto: pr

Auch die Industrie hat längst auf die neuen Kundenbedürfnisse reagiert: Mehrwegnetze in Frischeabteilungen; eigene Tupperdosen an der Fleisch- und Käsetheke; lose Waren in Papier- statt Plastiktüten und Kunststoffbehälter aus 100 Prozent Altplastik.

Bereits seit drei bis vier Jahren wird beim Biomarkt Fülhorn im Bruchsaler Saalbachcenter Obst und Gemüse verstärkt lose gekauft. „Zwei Kilo Äpfel, die auf dem Kassenband herumkullern, sind zwar umständlich, aber ich freue mich über jede Tüte, die ich nicht verbrauche“, erzählt Geschäftsführer Thomas Brandt.

Das Thema Nachhaltigkeit und Verpackung hat der Verbraucher beim Einkauf also selber in der Hand. In Plastiktüten werden bei ihm aus Frischegründen nur noch Möhren angeboten. Die Tüten für Gemüse sind aus 85 Prozent Zuckerrohrabfällen.

Der Klimawandel ist das drängendere Problem für die Menschen

Thomas Brandt, Geschäftsführer Biomarkt Fülhorn in Bruchsal

Brandt ist quasi Fachmann für Nachhaltigkeit. Seit 1984 ist er bei der Füllhorn-Kette mit dabei, die seit fast 40 Jahren mit vier Märkten in der Region für Bioqualität stehen. Neben der Filiale im Saalbachcenter gibt es weitere Geschäfte in Weingarten, Karlsruhe und Landau.

„Es gab immer wieder Stagnationen, aber der Markt hat sich stetig nach oben entwickelt“, so Thomas Brandt. In der Corona-Krise haben die Kunden seltener, dafür umsatzmäßig mehr eingekauft, so seine Beobachtung.

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Auch das Thema Nachhaltigkeit gerät im Ringen um Abstandsregeln und Hygienevorschriften etwas in den Hintergrund. So haben die losen Nüsse und Trockenfrüchte eine Verpackung erhalten. „Aber der Klimawandel wird sich mit der Trockenheit wieder bemerkbar machen und ist für die Menschen das deutlich drängendere Problem“, ist Brandt überzeugt. Für ihn bietet der wirtschaftliche Shutdown nun die Chance auf einen ökologischen Umbau.

Discounter und Bioladen profitieren voneinander

Mehr als ausgezahlt hat sich für den Biomarkt-Geschäftsführer die unmittelbare Nachbarschaft zu Rewe, Aldi oder der Drogeriemarktkette dm im Saalbachcenter. Teilweise haben diese Anbieter die gleichen Produkte. Kunden sind bei Aldi oder Rewe und dann beim Füllhorn anzutreffen. Sie profitieren von der Vielfalt des Angebots – ob bio oder nicht – und einem gemeinsamen Einkaufswagen.

Handel sieht Verpackung als Problem

Zwar gibt und gab es laut Brandt den 100-prozentigen Bio-Käufer, aber zunehmend vermischen sich die Gruppen, soziale Schichten und Altersklassen. „Wir haben die Oma, die sich hier den Grünkern für die Suppe mahlen lässt, genauso wie Schüler“, erzählt er. Wenn man in Zukunft im nachhaltigen Segment wachsen wolle, gehe das nur gemeinsam.

Auch bei den konventionellen Supermärkten habe man das Thema Verpackung längst als Problem erkannt. Statt Paprika im Dreier-Plastik-Pack gibt es auch wieder loses Gemüse. Neben der Plastiktüte werden bei Edeka nun Papiertüten für Möhren und Co. ausgelegt. Die Drogerie dm führt längst Shampoo in Seifenform, Putz- und Waschmittel zum Nachfüllen und in recycelten Kunststoffen sowie Bienenwachstücher zum Einwickeln und Abdecken von Speisen.

Die stellt Karin Schlarb aus Obergrombach seit einem Jahr mit Hilfe einer Warmhalteplatte, Baumwollstoff und Bienenwachs vom Bio-Imker aus dem Kraichgau selber her. Den Anstoß, Plastik- oder Alufolien beim Verpacken von Lebensmitteln möglichst zu vermeiden, gab eine Neuseelandreise 2019: „Dort gab es die an jeder Ecke“, so Schlarb.

Zuhause hat sie lange recherchiert und ausprobiert – und die Produktion mittlerweile als Gewerbe angemeldet. Unter www.beeo-fresh.de vertreibt sie die Tücher online, die mit einer Mischung aus Bienenwachs, Baumharz Pflanzenöl Pfanzenöl behandelt werden. „Durch die Wärme der Hand passen sich die Tücher der Form der Schüsseln an“, sagt Karin Schlarb.

Nach ihrer Erfahrung wirke das Bienenwachstuch antibakteriell und lässt die Lebensmittel atmen. Bis zu einem Jahr seien die Tücher wiederverwendbar und auffrischbar. Anschließend könne man sie kompostieren oder als Anzündhilfe für den Kamin nutzen.