So nah wie möglich: Fotografen suchen nach dem besten Hintergrund und schönstem Licht, um die Kühltürme abzulichten – bevor diese fallen.
So nah wie möglich: Fotografen suchen nach dem besten Hintergrund und schönstem Licht, um die Kühltürme abzulichten – bevor diese fallen. | Foto: Schmidhuber

Der Kampf ums letzte Foto

Vor der Sprengung halten viele Hobby-Fotografen Erinnerungen an die Kühltürme in Philippsburg fest

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Ein beachtliches Gewimmel herrscht seit Tagen auf der Rheinschanzinsel und auf den nahe gelegenen „Aussichtsplätzen“. Dort rangeln sich alle Generationen darum, an die letzten Aufnahmen von den beiden Kühltürmen als den „Wahrzeichen“ Philippsburgs und der Region zu kommen. Am 14. oder 15. Mai sollen die Kühltürme gesprengt werden – ohne Möglichkeit, dabei zuzuschauen.

Von unserem Mitarbeiter Werner Schmidhuber

Mitunter gleichen sie fast einer Invasion: So große Menschenansammlungen sind selten gewesen in dem halben Jahrhundert Kernkraftwerksgeschichte – einschließlich der „Tage der offenen Tür“ des AKW, die einzelnen Informationsveranstaltungen oder die Demonstrationen gegen Atomkraft.

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Es geht um den idealen Hintergrund und die perfekten Lichtverhältnisse

Auf den Zufahrtsstraßen, an Parkbuchten und auf dem Wiesengelände tummeln sich, wohl bis dahin, Hunderte von Türmeguckern und Hobbyfotografen: Sorgenkinder der Polizei, weil manche die Verkehrswege für sich vereinnahmen, um ein besonders gutes Bild einzufangen. Ob mit einfachem Handy, hochwertigem Fotoapparat oder mit professioneller Kamera, fast allen Zaungästen geht es darum, den idealen Hintergrund zu finden und die idealen Lichtverhältnisse einzufangen.

Vor allem jüngere Leute lassen sich vor den „Zwillingen“, die sie auch „Max und Moritz“ nennen, ablichten oder verewigen sich auf Selfies, darunter Schüler, ehemalige Mitarbeiter, obendrein eine orientalische Großfamilie mit verschleierten Frauen.

Fotoaufruf: Schickt uns für eine Leser-Bildergalerie eure schönsten Aufnahmen der Kühltürme per Mail an online@bnn.de. Gerne mit eurer Geschichte, wann das Bild entstanden ist und welche Erinnerungen ihr mit den Kühltürmen verbindet.

Menschen von überall her wollen ein Erinnerungsfoto mit den Kühltürmen

Von überall her strömen die bekennenden Abschiednehmer, einheimische im engeren Sinne, vorwiegend aus Philippsburg mit den Stadtteilen, Oberhausen-Rheinhausen und Waghäusel. Aber auch Bruchsaler und Speyerer gaben sich ein Stelldichein, Heidelberger und Landauer, auffallend viele Pfälzer und badische Kurpfälzer. So bilden sich immer wieder Autoschlangen. Die sportlichsten Zuschauer kommen mit dem Fahrrad, einer eilt sogar mit einem City-Roller herbei. Gekämpft wird um den besten Platz, niemand darf die Sicht versperren, sonst gibt es Zurufe und Ermahnungen.

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Eine letzte Erinnerung an die guten alten Kühlturmzeiten will Peter Disson aus Oberhausen mitnehmen. Er ist aktives Mitglied im „Fotoforum“. Der ehemalige Lehrer rückt mit Stativ an, um zu einer perfekten Schlussaufnahme zu kommen. Wie viele andere Späher denkt er: Wer weiß in 20 Jahren noch, wie die zwei 153-Meter-Kolosse ausgesehen haben?

Trauer und Freude über die Sprengung der Kühltürme liegen eng beieinander

Traurig ist Klara Albrecht aus Philippsburg. Von ihren „Lieblingen“, wie sie das Turmpärchen nennt, hat sie bereits mehr als 1.000 Bilder mit allerlei Hintergründen geknipst. Nach dem Abriss hat sie vor, ein komplettes Fotobuch herauszugeben.

Eine andere Sicht der Dinge hat Sonja Cavar aus Wiesental. Seit ihrer Jugend ist sie eine Atomkraftgegnerin und deshalb froh, dass der Reaktor zurückgebaut wird, den sie als Bedrohung empfindet. Die „Endphase“ will sie mit ihrem Apparat festgehalten haben. Ihre Walkingstrecke führt in die Nähe der Kühltürme, von wo aus sie eine Fotosession gemacht hat.

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Etliche Bilder und Dokumente aus den 50 Jahren Kraftwerk hat Thea Geiger-Heiler, „Grand Dame“ der Philippsburger Kommunalpolitik, gesammelt, jetzt ganz aktuelle. Als Juniorchefin des Sägewerks Heiler kam sie oft aufs Gelände, lieferte das ganze Holzmaterial und erlebte die komplette Bauzeit hautnah mit. Der große, aber unerfüllbare, Wunsch mancher Fototouristen ist es: Bei der Sprengung dabei zu sein und einen Schnappschuss der Explosion aus der Nähe zu erzielen.