Hausarzt Siegbert Müller wollte eigentlich noch zwei Jahre arbeiten, doch daraus wird nichts. Mit Blick auf Vorgaben der Politik spricht er von „Unverschämtheit“.
Hausarzt Siegbert Müller wollte eigentlich noch zwei Jahre arbeiten, doch daraus wird nichts. Mit Blick auf Vorgaben der Politik spricht er von „Unverschämtheit“. | Foto: id

Kritik an Jens Spahns Politik

Weitere Praxis schließt in Bruchsal: „Es ist unverschämt, einem Arzt Vorschriften zu machen“

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Der Hausarzt-Notstand ist längst nicht mehr auf dörfliche Gemeinden beschränkt. Er hat inzwischen Mittelzentren wie Bruchsal erreicht. Nun hat auch Dr. Siegbert Philipp Müller seine Praxis geschlossen. Nicht etwa aus Altersgründen.

Von unserer Mitarbeiterin Irmgard Duttenhofer

„Eigentlich wollte ich noch zwei Jahre als Hausarzt tätig sein und mein 40-jähriges Dienstjubiläum feiern“, informierte er seine Patienten mit einem Praxisaushang. Aber triftige Gründe hätten ihn bewogen, bereits zum Jahresende seine Praxis als Hausarzt für Allgemeinmedizin zu schließen. Siegbert Müller hat aufgegeben, weil er die Vorgaben des Bundesgesundheitsministeriums nicht akzeptiert.

Er spricht von Unverschämtheit, einem Arzt, also einem Freiberufler, vorzuschreiben, wie er seinen Dienst zu erledigen hat. „Wer weniger als 25 Stunden arbeitet, muss sich erklären“, zitiert er die Vorgaben aus Jens Spahns Ministerium, wohl wissend, dass er und seine Kollegen oft die doppelte Stundenzahl pro Woche leisten. „Es ist unsere moralische Verpflichtung, die Patienten zu betreuen und zu versorgen“, sagt Müller, „da braucht es keine Vorschriften.

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Digitalisierung sorgt für neue Hürden

Die Digitalisierung baut zusätzliche Hürden auf. Rezepte und Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen sollen künftig auf digitalem Wege versandt werden. Das zwingt ihn, 12.000 Euro in die Hard- und Software seiner Praxis zu investieren. Folgekosten nicht eingerechnet. „Das steht in keinem Verhältnis“, so der Allgemeinmediziner. Wer nicht digitalisiert, dem werden Gebühren einbehalten. Das hat ihn bereits in den vergangenen zwei Monaten getroffen. „Es gibt einfach zu viel Bürokratie und in jedem Quartal kommen neue Änderungen hinzu, zum Beispiel bei der Abrechnung, bei der Budgetierung und so weiter.“

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Gerade die Digitalisierung will er nicht kritiklos akzeptieren. Was, wenn Rezepte durch Hacker verfälscht oder sensible Daten zum Beispiel an Arbeitgeber weitergeleitet werden? Solche Themen bereiten ihm Kopfzerbrechen. Vor 37 Jahren war er der jüngste niedergelassene Arzt in Bruchsal unter lauter älteren Kollegen. Jetzt ist er der Dienstälteste. Vor zehn Jahren hatten noch 14 Kollegen eine eigene Praxis für Allgemeinmedizin in der Kernstadt. Ab Januar werden es nur noch sieben sein.

„Viele Ärzte gefährden ihre eigene Gesundheit'“

Der heute 72-Jährige weiß nicht, wie die Kollegen auch seine Patienten mitversorgen sollen. „Viele arbeiten heute schon am Limit und gefährden ihre eigene Gesundheit.“ Jetzt steht seine Kündigung bei der Kassenärztlichen Vereinigung bevor. Dort wird die Nachfolge ausgeschrieben. Die Entscheidung über den Praxissitz fällt in jedem Fall der Zulassungsausschuss. Ob sich überhaupt ein Bewerber meldet, bleibt fraglich. „Die medizinische Aus- und Weiterbildung ist in Deutschland hervorragend, mit die Beste in der Welt“, lobt der scheidende Mediziner. „Aber das Leben wird uns von der Politik unendlich schwergemacht.“

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Er sieht zwei Möglichkeiten, um das Problem zu lösen. Entweder: Verstaatlichen, das heißt, jeder niedergelassene Arzt erhält ein Festgehalt. Oder den Umkehrschluss: Es gibt nur noch Privatpatienten, die mit den Füßen abstimmen, wohin sie gehen möchten. So würde sich die Arbeit der Krankenkassen reduzieren, sie könnten sogar fusionieren, meint der Mediziner. Siegbert Müller hatte 1982 die Praxis von Dr. Krämer, der einzigen weiblichen Allgemeinmedizinerin in Bruchsal, übernommen.

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„Gängelung“ frustriert Ärzte

Gemeinsam mit seiner Ehefrau, einer Zytologie-Assistentin, die er im Krankenhaus Bruchsal kennengelernt hatte, verlegte er seine Praxis wenig später in das Untergeschoss seines Wohnhauses in der Marchinistraße. Dort betreute er die Patienten, machte bis zu zehn Hausbesuche täglich, war für die fliegerärztlichen Untersuchungen zuständig und hat die Taucher betreut. Er hat sich als Suchtmediziner fortgebildet und Methadonsubstitutionen verabreicht, eine Gelbfieber-Impfstelle in der Praxis eingerichtet, weil er sich auch dazu qualifizierte.

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Parallel dazu war er Hausarzt und Lotse bei der Lebenshilfe und in Altenheimen und ist noch heute Vertragsarzt bei der Bereitschaftspolizei. Der Facharzt für Allgemeinmedizin ist frustriert: „Ich kenne meine Patienten seit 37 Jahren und weiß, was ich meinem Beruf schuldig bin. Da braucht es keine Gängelung.“