Im Dunkeln bleiben die Misshandlungen in Pflegeheimen oftmals. Manche Pflegebedürftige schämen sich oder haben Angst und äußern sich deshalb nicht dazu, andere können sich aufgrund ihres gesundheitlichen Zustands nicht äußern | Foto: dpa

Kripo Bruchsal ermittelt

Wenn Pfleger nicht pflegen, sondern prügeln

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Die Kripo Bruchsal ermittelt gegen den 20-jährigen Pflegehelfer, der eine 84-jährige Heimbewohnerin im Kreis Karlsruhe misshandelt hat. Eine Expertin erklärt, wie Angehörige von Pflegebedürftigen mögliche Misshandlungen entdecken können.

Allein die Vorstellung ist grausam, doch eine 20-Jährige hat es auf Video ansehen müssen: Ein Pflegehelfer schlägt mit der Faust eine 84-jährige Heimbewohnerin auf Arm und Oberkörper, dann beleidigt er sie. Die 20-Jährige hat das Video von dem ihr unbekannten Mann erhalten. Weil die Zeugin das Pflegeheim ausfindig machte, konnten Heimleitung und Polizei eingreifen. „Beide haben absolut richtig reagiert“, lobt der Karlsruher Polizeisprecher Ralf Minet. Der 20-jährige Täter wurde sofort freigestellt, die Kriminalpolizei Bruchsal ermittelt.

„Der psychische Schaden wird weitaus größer sein“

Der Tatort befindet sich jedoch nicht in Bruchsal, sagt Minet. Er möchte lediglich den nördlichen Landkreis Karlsruhe benennen, um den Ruf des Pflegeheims nicht zu schädigen. „Das kann in jeder anderen Einrichtung auch passieren.“ Aus den vergangenen zehn Jahren sei ihm aber kein solcher Vorfall bekannt.

Die Angehörigen von Bewohnern des Pflegeheims seien verständigt worden. Von Betroffenen selbst seien oft keine Aussagen zu erwarten. „Es handelt sich um Schwerstpflegefälle.“ Auch das 84-jährige Opfer habe keine Aussage machen können. Die Angriffe haben Hämatome und Hautrötungen an der Frau hinterlassen, aber: „Der psychische Schaden wird weitaus größer sein.“

Pflegehelfer arbeitete zuvor in anderer Einrichtung

Die Ermittler prüfen nun, ob es auch weitere Geschädigte aus einem anderen Pflegeheim gibt. Der 20-Jährige sei zuvor ein Jahr lang in einem Pflegeheim außerhalb von Baden-Württemberg tätig gewesen. Nach BNN-Informationen hat er seine Qualifikation in Bayern erlangt und dort auch gearbeitet, ehe er in den Landkreis Karlsruhe wechselte. Zurzeit wird von einer dortigen Behörde geprüft, ob ihm die Berufsqualifikation aberkannt werden kann. Der 20-Jährige ist laut Polizei nicht in Untersuchungshaft, da die Kriterien dafür – Wiederholungs-, Verdunklungs- oder Fluchtgefahr – ausgeschlossen wurden.

Etwa alle drei bis vier Jahre gebe es in diesem Bereich einen solchen Vorfall, sagt Georg Spranz von der Heimaufsicht des Landratsamts Karlsruhe. „In diesem Jahr ist es ein absoluter Einzelfall.“ Hinweise auf unangebrachtes Verhalten von Pflegern gebe es etwa einmal pro Monat, einmal jährlich schlimmere Vergehen. „In der Regel ist es verbale Gewalt.“

Expertin: Veränderungen stetig beobachten

Es ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen. „Es gibt ein großes Hemmnis bei Bewohnern und Angehörigen, darüber zu sprechen“, sagt Spranz. Bei Bewohnern kann Scham oder auch die Angst vor weiteren Taten eine Rolle spielen. „Angehörige befürchten Repressionen gegen ihre Anwohner.“ Die Heime seien voll ausgelastet, ein Ortswechsel falle da schwer. „Trotzdem sollte man es auf keinen Fall auf sich beruhen lassen“, betont Susanne Zank. Die Gerontopsychologin rät Angehörigen, die Situation genau zu beobachten. „Bei einem blauen Fleck wird man hören: Der Pflegebedürftige hat sich gestoßen. Das ist mitunter wirklich der Fall.“ Daher müsse man die Entwicklung beobachten.

„Ganz schwierig ist es, wenn die Person Demenz hat und sich nicht äußern kann.“ Mehren sich die körperlichen Anzeichen, könne das ein Hinweis sein. „Auch, wenn sich der alte Mensch verändert. Etwa, wenn er niedergeschlagen ist, obwohl er es sonst nicht ist.“ Wenn Angehörige einen Verdacht haben, sollten sie die Pflegedienstleitung vor Ort ansprechen. Als weiterführende Ansprechpartner gebe es die Heimleitung oder Heimaufsichtsbehörde.

Es gebe auch Aggressivität von Pflegebedürftigen, sagt Zank. Schaukele sich das hoch, sollten Pflegekräfte die Situation sofort verlassen und sich Hilfe von Kollegen holen. „Sehr häufig ist es Überlastung, das sehen wir auch bei pflegenden Angehörigen.“ Zank betont aber: „Das entschuldigt nichts.“