Goodyear philippsburg
AUS UND VORBEI: Für das vor 50 Jahren eröffnete Reifenwerk von Goodyear in Philippsburg gibt es keine Zukunft mehr. | Foto: htz

Sozialplan unterschrieben

Aus für Reifenwerk besiegelt: Goodyear Philippsburg macht dicht

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Jetzt ist es amtlich: Das Goodyear-Reifenwerk in Philippsburg wird geschlossen. Das ist das Ergebnis der monatelangen Verhandlungen zwischen Betriebsrat und dem Management des Reifen-Konzerns. Die 880 betroffenen Arbeitnehmern wurden am Freitag auf einer Betriebsversammlung über das Verhandlungsergebnis informiert.

Der Interessenausgleich und der dazugehörige Sozialplan wurden von den Verhandlungspartnern unterzeichnet. Das teilte die Gewerkschaft IG Bergbau, Chemie, Energie (BCE) sowie die Goodyear-Geschäftsführung übereinstimmend mit. Wann die ersten Kündigungen ausgesprochen werden, ist noch nicht bekannt. Das Unternehmen will das Werk bis zum Jahresende schließen.

Mit dem Ergebnis können vor allem die älteren Beschäftigten der Jahrgänge vor 1960 zufrieden sein. Ihnen winkt eine vorzeitige, bezahlte Freistellung. Weniger gut sieht es für jüngere Kollegen aus. Die Transfer-Gesellschaft ist offenbar auf die Laufzeit von einem Jahr angelegt, allerdings soll die Kündigungsfrist verdoppelt werden – wer in dieser Zeit keine neue Arbeitsstelle findet, wird arbeitslos. Zum Vergleich: Bei der Schließung von Nokia-Siemens-Networks in Bruchsal war eine Laufzeit von 25 Monaten bis Ende 2015 vereinbart worden.


 Von Werner Schmidhuber
Optimismus und Enttäuschung, Hoffnung und Resignation, das alles ist am Freitag vor und nach der Betriebsversammlung bei der Belegschaft in Philippsburg zu spüren. „Ich glaube gar nichts mehr, die lügen doch alle“, wiegelte ein junger Mann eine Frage ab. Teilweise gelobt wurden die ausgehandelten Abfindungen „in erfreulicher Höhe“, die dabei vorgenommene Berücksichtigung der Betriebszugehörigkeit und, wenn auch nicht von allen, die Möglichkeiten der beruflichen Weiterqualifizierung. „Ich hätte mir ein besseres Ergebnis gewünscht“, läßt Yusuf, ein junger türkischstämmiger Mitarbeiter aus Waghäusel, wissen. „Ich stehe mitten im Leben, verliere Job, war gut bezahlt, jetzt Probleme mit Hauskauf. Muss erst woanders was finden.“ So angenehm manche Abfindungen auch sein mögen, den meisten Goodyear-Arbeitern geht es um eine längerfristige Perspektive. „Ich kann sicherlich mit dem Ergebnis leben“, meint ein 58-jährige Wahl-Philippsburger, der im Gegensatz zu seinem jüngeren Kollegen keine kleinen Kinder mehr hat. Unter der äußerst angespannten Belegschaft: Pfarrer Andreas Riehm-Strammer und Bürgermeister Stefan Martus, die ganz kurzfristig an der Betriebsversammlung teilnehmen durften. „Das Werk könnte ohne weiteres erhalten werden. Unmöglich, was sich hier die Verantwortlichen leisten“, betonte der  Seelsorger.             

 Goodyear-Chef: Neue Karriere-Perspektiven

Goodyear-Deutschland-Chef Jürgen Titz sprach von „faire Abfindungen“ und „Erschließung neuer Karriere-Perspektiven“. Die gewählte Transfer-Gesellschaft  sei darauf spezialisiert, gemeinsam mit den Mitarbeitern individuell zugeschnittene Lösungen zu entwickeln, welche deren Einstieg in eine neue Beschäftigung erleichtern. „Wir sind uns bewusst, welche Auswirkungen die Schließung des Werks für unsere Mitarbeiter haben wird. Daher gilt ihnen unser aufrichtiger Dank für ihre anhaltende Professionalität während dieser schwierigen Zeit,“ so Titz.

Bürgermeister: Schließung bleibt Ungeheuerlichkeit

Philippsburgs Bürgermeister Stefan Martus sagte: „Vor dem Hintergrund, dass die Schließung für die Goodyear-Geschäftsführung nicht verhandelbar war, ist das Ergebnis ein Erfolg für die Beschäftigten, insbesondere für die älteren Jahrgänge.“ Gleichwohl bleibe „die Schließung mit fadenscheiniger Begründung eine Ungeheurlichkeit“, so Martus. Goodyear ist der größte Arbeitgeber der Stadt Philippsburg.

Erschütterung bei Betriebsrat und Gewerkschaft IG BCE

Auch bei der Gewerkschaft IG BCE zeigte man sich erschüttert über die nun besiegelte Werksschließung, die Unternehmensangaben zufolge bis zum Jahresende umgesetzt werden soll. Schließlich habe der Betriebsrat „im Rahmen eines von ihm beauftragten Gutachtens ein schlüssiges und wirtschaftlich nachhaltiges Alternativkonzept“ zur Schließung vorgelegt.

Hier soll ein nach wie vor modernes Reifenwerk platt gemacht werden, ohne dass es dafür nachvollziehbare Gründe gibt. Das ist und bleibt eine riesengroße Sauerei.

Durch Umstrukturierungen hätte demnach das Werk Philippsburg in ein „Kompetenzzentrum für kleinere Reifengrößen“ weiterentwickelt werden können,  kombiniert mit einem nur moderaten Personalabbau. Gewerkschafts-Bezirksleiter Karsten Rehbein beklagt, dass die Arbeitgeberseite keine nachvollziehbaren Gründe nennen konnte, „warum ein solch überzeugendes Konzept nicht umgesetzt werden kann“. Für die IG BCE Karlsruhe sei die Haltung des Arbeitgebers weder nachvollziehbar noch wirtschaftlich sinnvoll. „Hier soll ein nach wie vor modernes Reifenwerk platt gemacht werden, ohne dass es dafür nachvollziehbare Gründe gibt. Das ist und bleibt eine riesengroße Sauerei“, so Rehbein.

Ausstieg aus dem Produktionsstandort Deutschland?

Es dränge sich der Verdacht auf, dass die Schließung des Werkes Philippsburg den Einstieg in den Ausstieg aus dem Produktionsstandort Deutschland darstelle. Aufgrund der fehlenden Bereitschaft der Geschäftsführung, über den Erhalt von Arbeitsplätzen in Philippsburg auch nur nachzudenken, sah es nunmehr der Betriebsrat nicht mehr für sinnvoll und machbar an, weiter um den Erhalt zu kämpfen.

Goodyear Werksschließung
ENTTÄUSCHUNG: Viele Reifenbauer in Philippsburg verlieren nun ihre Jobs. Das Bild zeigt Beschäftigte am Tag nach dem Bekanntwerden der Schließungspläne. | Foto: str

Im Oktober ließ Goodyear die Bombe platzen

Im vergangenen Oktober hatte die Geschäftsführung der Goodyear Dunlop Tires Germany GmbH die knapp 890 Mitarbeiter am Standort Philippsburg über die Schließungspläne bis zum Jahresende 2017 informiert. Eine Nachricht, die wie eine Bombe einschlug, obwohl es aus heutiger Sicht durchaus Vorzeichen gab: Im Jahr zuvor hatte Goodyear Dunlop den Standortsicherheitspakt für die 7.500 Beschäftigten in den sieben Standorten einseitig gekündigt.

Management verteidigt Pläne

Die Entscheidung zur Schließung hatte Jürgen Titz als Vorsitzender der Geschäftsführung unter anderem bei einer öffentlichen Veranstaltung in der Philippsburger Festhalle mit einem geänderten strategischen Fokus von Goodyear begründet. Titz hatte argumentiert, Goodyear wolle der wachsenden Nachfrage in den hochwertigen Segmenten des weltweiten Reifenmarktes nach Premium Reifen gerecht werden und weniger in die Segmente des Reifenmarktes investieren, welche geringes Wachstum aufweisen oder rückläufig seien.

Gespräche waren „hart aber fair“

Trotz der aus Sicht vieler Beobachter unglaubwürdigen Begründung für die Schließungspläne hat sich das Management um Jürgen Titz nun durchgesetzt. Allerdings wohl zu einem gewissen Preis: Gewerkschaftsvertreter zeigten sich letztendlich zufrieden mit dem Verhandlungsergebnis. Die Gespräche seien „hart aber fair“ gewesen, so hieß es. In den Verhandlungen um einen Sozialplan stand laut IG BCE „neben einer gut dotierten Abfindungsregelung, die Gründung einer solide ausfinanzierten Transfergesellschaft im Mittelpunkt der Gespräche“.

Ergebnis in Philippsburg „ein Novum in der Region“

In einer Mitteilung der Gewerkschaft heißt es: „Der Betriebsrat und die IG BCE verfolgen damit das Ziel, möglichst alle Mitarbeitenden bei der beruflichen Weiterqualifizierung und Neuorientierung zu unterstützen. Dazu sieht der Sozialplan auch Mittel vor, die unmittelbar und ausschließlich für die Qualifizierung zu verwenden sind. Auch für die rentennahen Jahrgänge konnte eine attraktive Lösung gefunden werden. Damit konnte insbesondere für die älteren Beschäftigten, die teilweise gesundheitlich – bedingt auch durch die Schichtarbeit – angeschlagen sind, ein guter Übergang in die Rente verschafft werden. Diese Regelung umfasst die Jahrgänge bis 1960 und stellt mit den verwendeten Instrumentarien ein Novum in dieser Region dar.“

Schwierige Situation für viele Beschäftigte

In den nächsten Wochen sollen die Inhalte des Sozialplans jedem Betroffenen ausführlich erklärt werden. Dies geschieht im Rahmen von sogenannten „Perspektiv-Workshops“, die im Werk durchgeführt werden.
Mit Unterstützung von externen Trainern sollen sie darüber hinaus die Möglichkeit erhalten, die für sie schwierige Situation gemeinsam zu besprechen und Ansatzpunkte für eigene neue Perspektiven herauszuarbeiten, so hieß es.

Die Goodyear Dunlop Tires Germany GmbH ist Teil des weltweit agierenden Reifenherstellers Goodyear. Das Unternehmen beschäftigt in Deutschland rund 7.600 Mitarbeiter an insgesamt sieben Standorten und betreibt hier unter anderem sechs Produktionsstätten sowie ein Zentrum für Forschung und Entwicklung. Darüber hinaus koordiniert es die Logistikaktivitäten der Unternehmensgruppe für den europäischen Raum. Zum Konzernportfolio gehören die Reifenmarken Goodyear, Dunlop, Fulda, Sava und Debica.

So berichtete BNN.de zuletzt über die schwierigen Verhandlungen: