Zum Rektor befördert wurde der Karlsruher Volksschullehrer Otto Härdle (stehend, Fünfter von links) nach dem Zweiten Weltkrieg. Das Foto zeigt das Kollegium der Tullaschule II im April 1958.
Zum Rektor befördert wurde der Karlsruher Volksschullehrer Otto Härdle (stehend, Fünfter von links) nach dem Zweiten Weltkrieg. Das Foto zeigt das Kollegium der Tullaschule II im April 1958. | Foto: Privatbesitz

Geschichte

Wie der Karlsruher Lehrer und Ehrenbürger von Bruchsal Otto Härdle die NS-Zeit überstand

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Angepasst? Unangepasst? Wie sehr musste ein Lehrer, der ein überzeugter Sozialdemokrat war, sich verbiegen, um die Zeit des Nationalsozialismus überstehen? Das Generallandesarchiv Karlsruhe beleuchtet derzeit in einer kleinen Ausstellung das Schicksal des Karlsruher Lehrers und Bruchsaler Ehrenbürgers Otto Härdle.

Auch Berufs-Historiker stoßen manchmal durch Zufall auf ein Thema, das sie „packt“. Bei Jürgen Treffeisen, dem stellvertretenden Leiter des Generalarchivs Karlsruhe, war es ein Straßenschild, das er bei einem Sonntagsspaziergang in seinem Wohnort Bruchsal-Heidelsheim entdeckte. „Otto-Härdle-Weg“ steht da. Und zur Erläuterung heißt es: „Lehrer, Heimatforscher, Ehrenbürger. 1900–1978“.

Otto Härdle stand 1933 vor einem Dilemma

Die Lebensdaten gaben Treffeisen zu denken. „Wen ehrt die Stadt Bruchsal denn da?“, wollte er wissen. Und was trieb dieser Lehrer Härdle in den Jahren 1933 bis 1945 – der Zeit des Nationalsozialismus? Treffeisen begann zu recherchieren. Seine Ergebnisse des werden bis zum 24. April 2020 als Teil der Ausstellung „Wie viel Geschichte steckt in Dir? Nationalsozialismus in Karlsruhe“ im Generallandesarchiv präsentiert.

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Denn die Geschichte des Heidelsheimer Heimatforschers Otto Härdle ist auch die Geschichte jenes Otto Härdle, der seit 1929 als Hilfslehrer an der Volksschule Karlsruhe unterrichtete. Und der stand 1933 vor einem Dilemma.

Wege, Umwege und Kompromisse

Otto Härdle und seine Frau Berta waren aktive SPD-Mitglieder. Mehrfach hatten sie vor 1933 mit Leserbriefen und Artikeln in der sozialdemokratischen Zeitung „Volksfreund“ gegen die Nazis gewettert.

Mit der Folge, dass nach deren „Machtergreifung“ Polizei und SA bei den Härdles zu nächtlichen Hausdurchsuchungen anrückten. Und dass es für den Familienvater schwer werden sollte, die angepeilte Stelle als Hauptlehrer zu erhalten, die er brauchte, um seine drei Kindern zu ernähren.

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Seine Wege und Umwege, die Kompromisse, die Härdle schloss, zeichnet Treffeisen  in der Ausstellung „Wie viel Geschichte steckt in Dir?“ anhand von Dokumenten nach. Sie vermitteln eine Ahnung davon, wie schwer es gewesen sein muss, die innere Freiheit zu bewahren, während man sich gleichzeitig genötigt sieht, in gewissen Maße „mit den Wölfen zu heulen“.

Vorsitzender einer Spruchkammer wollte Otto Härdle nicht werden

Angepasst? Unangepasst? Otto Härdle, der nach dem Krieg einige Zeit in amerikanischer Gefangenschaft war, sollte im Juli 1947 den Vorsitz einer Karlsruher Spruchkammer übernehmen – und damit eine wichtige Rolle im Entnazifizierungsverfahren spielen. Aber er lehnte ab, wollte lieber Lehrer bleiben.

Doch hatte Härdle wohl auch Zweifel daran, ob es dem Aufbau einer Demokratie zuträglich sei, wenn man die Menschen vergrätzte, indem man sie als Hauptschuldige, Belastete, Minderbelastete, Mitläufer oder Entlastete einsortierte. „Er meinte, man solle das jetzt ruhen lassen“, sagt Treffeisen.

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Rektor der Tullaschule II in Karlsruhe

Noch im selben Jahr wurde Otto Härdle Rektor der Karlsruher Tullaschule II. Diese Stelle hatte er bis zu seinem Ruhestand 1966 inne. Danach war er mit großem Elan als Heimatforscher für Heidelsheim, Bruchsal und den Kraichgau aktiv. Otto Härdle starb 1978 – nach einem Autounfall zwischen seinen geliebten Wirkungsstätten Karlsruhe und Heidelsheim.