Herr der Pfeffermühlen: Helge Schäfer liebt als Hobby-Drechsler die Feinarbeit. Über die Pfeffermühlen sagt er: „Ich bin echt überrascht, dass junge Leute die so interessant finden.“
Herr der Pfeffermühlen: Helge Schäfer liebt als Hobby-Drechsler die Feinarbeit. Über die Pfeffermühlen sagt er: „Ich bin echt überrascht, dass junge Leute die so interessant finden.“ | Foto: Roth

Mit 45

Wie ein Bruchsaler seine Leidenschaft fürs Drechseln entdeckt hat

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Wie der gebürtige Bruchsaler Helge Schäfer (55) vor zehn Jahren sein neues Hobby entdeckt hat – und warum er am liebsten mit Obstholzsorten arbeitet.

Von unserer Mitarbeiterin Susanne Roth

Und dann hatte Helge Schäfer auf einmal ein Flugobjekt in seiner Werkstatt. Eines, mit dem er auf schmerzhafte Art und Weise Bekanntschaft machte. „Nach vier Tagen konnte ich erst wieder auf den Boden schauen“, sagt der Neibsheimer heute lachend. Eine Zehntelsekunde unkonzentriert an der Werkbank gewesen und schon flog ihm das Holzstück um die Ohren und traf sein Auge. „Da drüben steht es“, zeigt er – inzwischen wieder unversehrt – auf ein dekoratives, aber auch wahrhaft gewichtiges Dekorationsstück auf der Fensterbank. Nach zehn Jahren des Holzdrechselns kann so was immer noch passieren, wenn man nicht aufpasst an der Maschine. Muss also nicht unbedingt ein Anfängerfehler sein. Dennoch will Helge Schäfer nicht davon lassen, „aber Respekt“ habe er vor dem Gerät.

Die Wurzeln dieses diffizilen Hobbys reichen weit zurück. Der gebürtige Bruchsaler war viel bei seinen Großeltern und „der Opa“ nahm ihn auch gern mit in seine Werkstatt. Als Wagner drechselte dieser von der Radspeiche bis zur Rechenzinke alles Mögliche an Werkzeugen und Gebrauchsgegenständen. In der Werkstatt roch es gut nach Holz, da saß auch mal – während der Opa arbeitete – die ganze Familie um ein Ofenfeuer herum. Schöne Erinnerungen sind das. „Allerdings kamen dann erst mal andere Dinge“, erzählt Helge Schäfer (55) und meint damit Ausbildung, Beruf, Familie.

Der im Werkzeugbau in einer Pforzheimer Firma tätige Schäfer entdeckte dann durch seinen Bruder vor zehn Jahren das Hobby Drechseln. Der fragte ihn, ob er nicht für seine Mitwirkung am mittelalterlichen Peter-und-Paul-Fest seinen Trinkbecher selbst drechseln wolle. Er wollte. Und kann seitdem nicht mehr die Finger davon lassen. „Es gibt Wochen, da mach ich nichts, dann wieder jeden Tag – wenn man gerade einen guten Lauf hat.“ Den guten Lauf hat „man“ dann, wenn man sich gut konzentrieren kann und jede ruhige Handbewegung sitzt – siehe Flugobjekt. Denn die Maschine, deren Drehwerk bis zu 3000 Umdrehungen pro Minute vollzieht, ist das Herzstück des Drechselns. Von Hand geht da nichts. „Man muss wissen, welches Werkzeug man verwendet“, sagt Schäfer.

Er liebt, wie er sagt, vor allem die Obstholzsorten. Die sind generell wegen ihrer hohen Dichte und Festigkeit ein Material, was Helge Schäfer gern verwendet. Und gern riecht: Die Geruchsentfaltung beim Drechseln lässt genaue Rückschlüsse auf die Obstsorte zu. Oder das afrikanische Wenge-Holz: „Das riecht nach Schokolade“, sagt er lachend.

Wenn er die Tür zur Werkstatt öffnet, dann ist es, als betrete man eine andere Welt. „Hier kann ich komplett abschalten, das ist ein guter Ausgleich zur Arbeit“, sagt Schäfer und zeigt, wie er ein Werkstück in die Drechselbank einspannt. Er drechsle, so erklärt er, immer von außen nach innen: Erst kommt die grobe Form, die auch je nach Eigenleben des Holzes beim Drechseln anders ausfallen könne, dann wird innen ausgehöhlt. Ein Teil seiner Drechselbank besteht aus einem Erbstück – von Opas Bank. Der Rest seiner Drechselbank aus den 1940er Jahren entspricht noch den heutigen Reglementierungen (Thema Sicherheit). Die alte Bank vom Opa ist unter dem Dachgebälk verstaut. „Die gebe ich nicht her.“ Man merkt: Helge Schäfer hängt an Dingen. Sie haben eine Bedeutung für ihn. Und auch jedes Stück Holz ist für ihn etwas Besonderes, fast wie ein Lebewesen, dem er sich intuitiv nähert.

Helge Schäfer hat sich inzwischen in Seminaren im Allgäu eine so große Fertigkeit erworben hat, dass er neuerdings bei hochwertigen Schreibgeräten angekommen ist. Wenn er wieder auf einen Kunsthandwerkmarkt geht, dann hat er zum ersten Mal auch von ihm kreierte Trinkbecher „to go“ dabei, mit einem Mantel aus Holz und einem herausnehmbaren und leicht zu reinigenden Innenteil. Und dann wird er auch seine neueste Kreation einer Pfeffermühle dabei haben, die wie eine Bierflasche mit Bügel aussieht. Überhaupt die Pfeffermühlen: „Ich bin echt überrascht, dass junge Leute die so interessant finden.“