Exil-Theater bereitet Bühnenbild für "Eine Reise in den Süden" vor: Bernhard Wendel mit Ines Unser
Bella Italia im Bruchsaler Bahnhofsviertel: Bernhard Wendel und Ines Unser arbeiten am Bühnenbild für das Stück "Eine Reise in den Süden". | Foto: Martin Heintzen

Amateur-Theater in Bruchsal

Das „Exil“ hat seine Heimat gefunden

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Einen Süchtigen halten auch Temperaturen um den Gefrierpunkt nicht ab. „Theater ist wie Alkoholismus – entweder man ist trocken, oder man ist voll drin“, sagt Bernhard Wendel, künstlerischer Leiter und Mitbegründer des Exil Theaters. Und so wird an diesem Vormittag unweit der alten Güterhallen des Bruchsaler Güterbahnhofs gemalt, geschraubt und gesägt für das Bühnenbild der nächsten Premiere: „Eine Reise in den Süden“.

Theater ist wie Alkoholismus

Die Reise ins Exil begann für Wendel und etwa 30 aktive Theater-Amateure vor zehn Jahren mit der Abnabelung vom Koralle-Theater. „Ich habe immer schon Theater gemacht. Wenn es in der Schule keine AG gab, habe ich sie gegründet“, erzählt Wendel. Eine erste Spielstätte fand das „Exil“ in der Aula der Bruchsaler HLA, wo im Mai 2007 Molières „Tartuffe“ Premiere feierte. Drei Jahre später musste das Theater erneut ins Exil gehen: Das Wachstumsbeschleunigungsgesetz der Bundesregierung zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise führte zu Sanierungsarbeiten an der HLA, das Exil Theater suchte vorübergehend im Hauptgebäude des alten Güterbahnhofs Unterschlupf. Eine Rückkehr in die HLA war nicht möglich, doch Wendel fand einen Ausweg: Oliver Sauer von der Bruchsaler Schrauben- und Werkzeug GmbH (BSW) verpachtete dem Theater eine alte Werkshalle. „Er hat etwas übrig für verrückte Leute“, meint Wendel. Es mussten Wände eingerissen und die Stahlträger von Öl befreit werden, um sie feuerfest zu machen, viele Tausend Meter Kabel verlegt werden. „Wir haben alles selber gemacht“, sagt Wendel stolz. „Am 1. April 2010 durften wir rein, und am 11. Oktober war wie geplant Eröffnung.“ Das Ergebnis monatelanger Wochenend-Arbeit: die Premiere von „Hamlet“.

Droht dem Theater erneut das Exil?

Heute ist das Exil Theater Besitzer des Gebäudes, der Grund gehört nach wie vor der Stadt Bruchsal – und das könnte die Exilisten erneut ihrer Heimat berauben: Laut Pachtvertrag gibt es eine Abrissverpflichtung für das Gebäude, das im Herzen des Bruchsaler Großprojekts Bahnstadt steht. Doch Wendel lässt sich nicht beunruhigen. Im Gegenteil. Vorausgesetzt, der entsprechende Förderantrag wird bewilligt, werden im nächsten Jahr die Stadt Bruchsal, der Landesverband Amateurtheater Baden-Württemberg und der Förderverein des Exil Theaters zu je einem Drittel Sanierungs- und Umbauarbeiten mit etwa 150 000 Euro finanzieren. Das Lager wird modernisiert und um eine Werkstatt erweitert, ein Wasserschaden muss beseitigt werden, ein neues Dach soll obendrauf. „Und dann wollen wir noch eine Bachbühne bauen“, kündigt Wendel an: Direkt am Saalbach sollen die Zuschauer wie in einem Amphitheater auf Stufen sitzen, mit Blick über das Wasser auf eine kleine Freilichtbühne.

Sprungbrett ins Profi-Theater

Das Exil Theater ist eine feste Größe in der hiesigen Theaterszene, ungeachtet der Konkurrenz durch die Koralle und – nicht zu vergessen – die Badische Landesbühne. „Bruchsal ist eine Theaterstadt, irgendwie“, meint Wendel nachdenklich. „Wir haben mittlerweile einen Ruf“, sagt er. Man sei zudem gut vernetzt. Etwa fünf eigene Produktionen stellt das Amateurtheater jedes Jahr auf die Bühnenbretter, dazu kommen noch zehn Veranstaltungen von „Willi die Bühne“. Immer wieder wechseln Exil-Schauspieler vom Amateur- ins Profifach. Johannes Ayrle etwa studiert Schauspiel in Wien, Siri Wiedenbusch wurde im Sommer an der Filmuniversität Babelsberg angenommen.

Auch ein Hobby könne man eben mit einem gewissen Anspruch betreiben, findet Wendel: „Ein Modellflieger soll nicht nur gut aussehen, sondern auch abheben.“

Premiere

Zum Jahreswechsel zeigt das Exil Theater eine Deutsch-Italo-Musikrevue mit den Hits der 50er und 60er Jahre. In der Eigenproduktione „Eine Reise in den Süden“ bringt Regisseur Bernhard Wendel viele Disziplinen der Theaterkunst zusammen – Gesang, Komödie, Krimi und ganz viel Amore.   Der Termin bei der Silvester-Gala am 31. Dezember ist bereits ausverkauft.  Karten für die anderen Termine (30. Dezember, 6., 7., 8., 13., 15., 20. und 21. Januar, jeweils um 20 Uhr, an Sonn- und Feiertagen bereits um 17 Uhr) können unter www.exiltheater.de reserviert werden.

 

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