Blick aus der Luft: Ortsansichten wie diese von Steinbach aus dem Fundus von Roland Seiter waren stark verbreitet.
Blick aus der Luft: Ortsansichten wie diese von Steinbach aus dem Fundus von Roland Seiter waren stark verbreitet. | Foto: Seiter

Motive aus der Region

150 Jahre Postkarte: Grüße aus alter Zeit erfreuen mittelbadische Sammler bis heute

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Am 1. Juli 1870 wurde in Baden eine postalische Neuerung eingeführt: die „Correspondenzkarte“. Die Ansichtskarte trat einen raschen Siegeszug an, viele Jahrzehnte lang wurden mit ihr Urlaubsgrüße oder andere kurze Nachrichten verschickt. Ihre Bedeutung ist in digitalen Zeiten geschrumpft, für Sammler aber sind sie ein Quell großer Freude, und auch Historiker haben ihre Freude daran.

In manchem Sommer lag fast täglich eine im Briefkasten. Postkarten-Grüße aus der Ferne brachten dem Daheimgebliebenen einen Hauch von Bergen oder Meer; aus großen Städten oder kleinen Dörfern. Bunt kam die Vorderseite daher, mal eng, mal luftig, mal lustig, mal pflichtschuldigst lustlos beschrieben die Rückseite.

Postkarte hat großen Nutzen für lokale Historiker

An diesem Mittwoch sind es 150 Jahre, seit die Postkarte, die eigentlich eine Ansichtskarte ist, in Baden eingeführt worden ist. Heute haben ihr digitale Grüße den Rang längst streitig gemacht. Die Postkarte aber ist immer noch von Bedeutung – nicht zuletzt für Sammler und Historiker.

Leicht ließe sich anhand der Postkarte nachzeichnen, wie sich im Lauf der Jahrzehnte der Urlaub verändert hat, und sie hat auch einen Nutzen für die Lokalgeschichte, weil sich mit ihr dokumentieren lässt, wie sich manche Stadt verändert hat.

Sammler haben Interesse am früheren Stadtbild

Sammler der Ansichtskarten sind meist von einer historischen Aufnahme ihres Heimatorts zu ihrem Hobby gekommen. So war es beispielsweise bei Mario Ibach. Es ist fast ein Vierteljahrhundert her, seit er nach dem Tod seiner Großmutter ein Fotoalbum in die Hände bekam, in dem sich eine Ansichtskarte vom Elternhaus und eine mit einem Ausblick aus dem alten Kinderzimmer fand.

In Ibach erwachte das Interesse daran, wie es in Bühl früher aussah. Mittlerweile ist seine Sammlung auf etwa 2.200 Stück angewachsen. Die Schwerpunkte liegen auf der Kernstadt und speziell auf der Gewerbeausstellung von 1905. Als Altsasbacher interessieren ihn aber auch Abschlusskarten der Heimschule Lender, und auch die Schwarzwaldhochstraße findet sein besonderes Interesse.

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Mit der Lupe auf der Suche nach Details

Die hat es auch Roland Seiter aus Steinbach ganz besonders angetan. Erst im vergangenen Jahr hat er den Bildband „Erlebnis Schwarzwaldhochstraße zu Großvaters Zeiten“ herausgegeben, der ausschließlich auf historischen Ansichtskarten basiert.

Angefangen indes hat die Sammellust vor etwas mehr als 20 Jahren, als Seiter auf einem Flohmarkt eine Postkarte mit einer historischen Steinbacher Ansicht entdeckte und sie für eine Mark kaufte. Daraus ist bis heute eine etwa 3.000 Stück umfassende Sammlung geworden. Schwerpunkte sind neben dem Höhengebiet auch Baden-Baden und die Reblandorte.

Seiter kann richtig schwärmen von Aufnahmen eines Ochsengespanns, das einen mit Heu beladenen Wagen durch Steinbach zieht. Dabei sind es gerade die Details, die ihn faszinieren und denen er gerne mit einer Lupe nachspürt.

Zuletzt ist er auf eine Karte von der Alexanderschanze gestoßen, auf der auch zwei Autos zu sehen waren: „Es hat sich herausgestellt, dass das eine Vorkriegskarte ist und die Autos Prototypen des Käfers waren.“ Das sind Entdeckungen, die Seiter mit geradezu kindlicher Freude erfüllen.

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Ein Faible für Altes und Schönes

Jürgen Huck aus Kartung kennt dieses Gefühl seit mehr als 30 Jahren. Was mit Sinzheim und seinen Ortsteilen begann, hat sich inzwischen auf ein Sammelgebiet von Achern bis Rastatt, vom Acher-, Bühler- und Murgtal bis ins Höhengebiet des Schwarzwalds.

Ansichten von alten Gebäuden haben etwas Einzigartiges, das man heutzutage in den anonymen Betonbauten vergeblich sucht.

Jürgen Huck

Er habe ein Faible für Nostalgisches, Altes und Schönes: „Ansichten von alten Gebäuden haben etwas Einzigartiges, das man heutzutage in den anonymen Betonbauten vergeblich sucht.“ Lithografien alter Ortsansichten gefallen ihm am besten: „Zum Teil sind sie sehr detailreich ausgestaltet, zum Teil auch sehr frei in der Ansicht gestaltet. Bei der Herstellung hat man sich sehr viel Mühe gegeben.“

Einzigartig seien oft Foto-Ansichtskarten, Aufnahmen, die als Postkarte verwendet und versandt wurden: „Sie wurden lediglich ein-, zwei- oder dreimal hergestellt wurden, egal, ob es sich um Gebäude-, Ereignis- oder Personenkarten handelt.“

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Alte Ansichten der Burg Windeck auf Ebay

Gerhard Bruckner konzentriert sich auf Altschweier. Seit vier Jahrzehnten sucht er Ansichten des Dorfs. Zwei Alben mit etwa 200 Karten sind zusammengekommen – für die Größe des Orts ist das eine beachtliche Zahl. Auch fünf Lithografien sind darunter, auf die Bruckner besonders stolz ist.

Früher war er auf Börsen und Flohmärkten unterwegs, er kaufte und verkaufte, auch Ansichten, die nicht aus Altschweier stammten. So sei es ihm einmal gelungen, eine Ansichtskarte von Berlin aus dem Jahr 1883 zu erwerben. Auch heute hält Bruckner die Augen noch offen: „Aktuell stehen Ansichten der Burg Windeck vom Jahr 1896 auf Ebay zur Versteigerung.“

Bühl „und ein bisschen Kappelwindeck“

Rüdiger Schmitt ist über seine Liebe zur Geschichte im Allgemeinen und zur Heimatgeschichte im Besonderen zum Kartensammler geworden. Vor 40 Jahren ging es mit Literatur wie die Bühler Blaue Hefte oder der Bühler Heimatbrief los, ehe sich die Sammelleidenschaft auf die Ansichtskarten richtete.

Er beschränkt sich dabei im Wesentlichen auf Bühl und „ein bisschen Kappelwindeck“. 400 bis 500 Karten seien im Laufe der Zeit zusammengekommen. Dabei legt er Wert auf das Besondere, Karten, die es nicht allzu häufig gibt, und solche, die verschwundene Stadtansichten zeigen – so sind Postkarten eben auch historisch wertvolle Dokumente.

Mancher Sammler schreibt heute auch noch selbst Postkarten: „Man freut sich auch, wenn man von Freunden eine Karte aus dem Urlaub bekommt und nicht nur eine SMS“, sagt Mario Ibach. Auch Rüdiger Schmitt greift im Urlaub mal zum Stift. Lachend fügt er hinzu: „So schön wie früher sind sie aber nicht mehr.“

 

Welche Karte die schönste ist? Das ist für Sammler eine schwierige Frage. „Die gibt es nicht“, sagt Jürgen Huck. „Dafür hat’s davon zu viele.“ Das sehen die Kollegen nicht anders „Die schönste Karte ist immer die, die ich noch nicht habe“, lacht Rüdiger Schmitt.

Für Roland Seiter sind Ansichtskarten immer dann besonders schön, wenn sie belebt sind, wenn darauf Menschen zu sehen sind. Auch Mario Ibach tut sich schwer mit einer Antwort, es gebe viele tolle Karten. Über drei Motive in seiner Sammlung ist er aber besonders froh: ein Fastnachtswagen des Bühler Menti, die Treibhausanlage der Generalin Isenbarth und das Bahnhofshotel Baumann.

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Post aus Konstantinopel

Viel einfacher fällt die Antwort auf die Frage nach den ältesten Stücken, und sie fällt reicht einmütig aus: Sie stammen durch die Bank aus dem letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts. Auffällig ist dabei, dass es in der Mehrzahl Karten aus dem Höhengebiet sind. Mario Ibach besitzt eine Postkarte, die 1891 aus Konstantinopel an Sigmund Gernsbacher in Bühl ging.

Für Gerhard Bruckner ist seine älteste Aufnahme aus Altschweier auch die schönste: Sie stamm aus dem Jahr 1900 und ist ein Lithografie des Gasthauses „Zum Weinberg“. Interessant zu lesen ist oft, was die Menschen einst schrieben – aber das wäre wieder eine Geschichte für sich, oder wie Roland Seiter es sagt: „Das Thema Postkarten ist unerschöpflich.“