Der Turmkran schwebt vor der Kulisse des ABB-Gebäudes in der Franz-Conrad-Straße über die kleine Garage hinweg auf das Baugrundstück für das neue ABB-Medienzentrum in der Hauptstraße. | Foto: Ulrich Coenen

Neues ABB-Medienzentrum

21 Tonnen schweben über den Dächern Bühls

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Es ist noch nicht richtig hell und es ist kalt. Oliver Glutsch hat seine Wollmütze tief ins Gesicht gezogen. Der Maurermeister ist Chef der Arbeitsvorbereitung bei der Bauunternehmung Eisenbiegler. Die Montage von Baukränen ist für ihn Routine. Doch heute ist alles anders. Das neue Medienzentrum des Acher- und Bühler Boten (ABB) in der Hauptstraße wird auf einem schmalen Grundstück errichtet. (Der ABB ist eine Lokalausgabe der Badischen Neuesten Nachrichten). Der Zugang zur Baustelle wird außerdem durch den bereits im Frühjahr 2017 fertiggestellten Neubau des Verlags in der Franz-Conrad-Straße, in dem aktuell Geschäftsstelle und Redaktion untergebracht sind, erschwert. Glutsch zieht den Rauch seines Zigarillos ein. „Normalerweise bauen wir unsere Kräne selbst auf“, berichtet er. „Aber hier ist nichts normal.“

Ein Autokran für den Turmkran

Das Eisenbiegler-Team hat sich Verstärkung geholt. Der Autokran einer Firma aus Kehl ist schon am frühen Morgen auf den Parkplatz des Nachbargrundstücks in der Franz-Conrad-Straße gerollt.
Die Bauarbeiter brauchen nämlich einen weiteren Kran, um ihren Turmkran an den gewünschten Ort zu hieven. Zu allem Überfluss steht auch noch eine Garage im Weg. Ohne den 130-Tonnen-Kran aus Kehl mit seinem 15 Meter langen Ausleger ist diese Aufgabe nicht zu schaffen.

Rückwärts rangiert der Kran in die Franz-Conrad-Straße. | Foto: Ulrich Coenen

Alles geht nur langsam

Ganz langsam schiebt der Lastwagen den Tieflader mit dem großen Turmkran rückwärts in die Franz-Conrad-Straße. „Stop!“ ruft Polier Siegfried Schäfer. „Und jetzt ganz langsam weiter.“ Alles ist Zentimeterarbeit, nicht zum letzten Mal an diesem Morgen. Endlich steht der Tieflader mit dem 21 Tonnen schweren Kran genau dort, wo die Bauarbeiter ihn haben wollen. Wenn er später auf der Baustelle mit den Gewichten belastet wird, die seine Standsicherheit gewährleisten, wird er sogar 60 Tonnen auf die Waage bringen.

Bauarbeiter befestigen die Seile. | Foto: Ulrich Coenen

Mit großer Sorgfalt

Der Fahrer des Autokrans lässt den Dieselmotor an. Die schweren Eisenketten an der Spitze des Ausladers schweben über den Turmkran. Arbeiter klettern hoch, um mit großer Sorgfalt vier stabile Nylonschlaufen am Stahlfachwerk zu befestigen. Plötzlich brüllt der Diesel auf und hebt den knirschenden Giganten ein klein wenig an. Jetzt wird es hektisch. Ein Arbeiter schlägt mit dem mächtigen Vorschlaghammer die Bolzen, die die hintere Transportachse und den Kran verbinden, los. Polternd fallen sie auf das Pflaster. Das Hinterteil des stählernen Riesen schwebt frei. Jetzt ist die Vorderachse an der Reihe.

Der Turmkran wird über die Garage gehoben. | Foto: Ulrich Coenen

Ein echtes Schauspiel

Das Schauspiel hat inzwischen einige Neugierige angelockt. Passanten bleiben stehen, Nachbarn beobachten das Spektakel aus dem Fenster ihrer Wohnungen. Der Zeitpunkt ist gut gewählt, denn nach mehr als einer Stunde Vorbereitung wird es jetzt richtig spannend. Der Diesel des Autokrans wird laut. Mehrere Arbeiter halten das Vorder- und das Hinterteil des Krans an langen Seilen fest, damit es nicht in die falsche Richtung ausschlägt. Die Nachbarhäuser stehen gefährlich nahe. „Der Autokran selbst steckt voller Elektronik“, weiß Oliver Glutsch. „Der Fahrer kann bei seiner Arbeit auf eine Computerunterstützung zurückgreifen.“

Zentimetergenau werden die Stützfüße des Turmkrans auf die Punktfundamente platziert. Die Fundamente wurden in den Wochen zuvor gegründet. | Foto: Ulrich Coenen

Koloss aus Stahl

In Zeitlupe hebt der Turmkran ab und schwebt bis zur Höhe des zweiten Obergeschosses der Nachbarhäuser. Jetzt befindet er sich mehrere Meter über der Garage, die unter dem Koloss aus Stahl klein und zerbrechlich wirkt. Wenige Minuten später erreicht er sein Ziel. Nun wird es noch einmal kritisch. „Normalerweise bereiten wir die Fundamente für den Kran mit Fertigteilen vor“, berichtet Glutsch. Aber weil an dieser Baustelle nichts normal ist, klappt das nicht. Die Fertigteile passen nämlich nicht. Deshalb wurden in den vergangenen Wochen vier mächtige Punktfundamente individuell und in Handarbeit vorbereitet, auf denen der Kran befestigt werden muss. Noch schwebt er mit einem Meter Abstand über ihnen. Ein Arbeiter legt die Wasserwaage an, die vier Stützfüße des Krans werden ausgefahren. Sein Unterbau sieht jetzt aus wie ein Krake. Ein Fuß nach dem anderen wird auf das jeweilige Punktfundament abgesenkt. Große Spindeln gleichen die Unebenheiten im Gelände aus.

Die Gewichte werden auf den Turmkran montiert. | Foto: Ulrich Coenen

Keine alltägliche Baustelle

Ab sofort ist alles nur noch Routine. Der Autokran aus Kehl kann abrücken, ein kleinerer Kran der Firma Eisenbiegler nimmt auf dem Nachbargrundstück seinen Platz ein. Ein Betongewicht nach dem anderen wird aus der Baugrube auf den Unterbau des Krans gehoben. Bevor dieser komplett aufgerichtet wird und dann 26 Meter Höhe erreicht, muss er sicher stehen. Mit seiner maximalen Ausladung von 45 Metern schwebt er über den Dächern Bühls. Bis Frühjahr 2020 soll das neue ABB-Medienhaus in der Hauptstraße vollendet werden. „Der Rohbau steht im September“, sagt Architekt Volker Bergmaier. Dann werden das rückwärtige Verlagsgebäude an der Franz-Conrad-Straße und der Neubau eine Einheit bilden. Dass der Aufbau des Turmkrans für die beteiligten Bauarbeiter kein Alltagsgeschäft war, zeigt die Bitte von Oliver Glutsch an den ABB-Fotografen: „Können wir Fotos fürs Firmenarchiv haben?“

26 Meter über den Dächern Bühls dreht sich der Turmkran. Im Hintergrund sind der Rathausturm und der Turm der Stadtpfarrkirche zu sehen. | Foto: Ulrich Coenen