Regierungschef am Lehrerpult: Ministerpräsident Filbinger (Mitte) diskutiert mit Gymnasiasten im Bühler Windeck-Gymnasium im Vorfeld der Baden-Abstimmung. | Foto: Lienhard

Enttäuschung nach Wahl

50 Jahre Volksabstimmung: Bühl war Hochburg der Badener

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Auf den letzten Metern eines Wahlkampfs eilen die Stimmensammler gern an besonders umkämpfte Stätten. So ist der Besuch, den Ministerpräsident Hans Filbinger zwei Tage vor der zweiten Baden-Abstimmung im Juni 1970 Bühl abstattet, ein klares Signal an einen Landkreis, der als Hochburg der Altbadener zu gelten hat.

Fast 90 Prozent der Wähler haben bei der ersten Abstimmung im Dezember 1951 für ein eigenständiges Land Baden votiert, mehr als in allen anderen Kreisen. Fast 20 Jahre später sieht die Landesregierung im Kreis Bühl das Baden-Virus immer noch grassieren. Tatsächlich erweckt der Wahlkampf den Eindruck eines kleinen, unbeugsamen badisch gesinnten Kreises, der sich einer württembergischen Übermacht zu erwehren versucht.

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Im Januar 1970 gründet sich im „Deutschen Kaiser“ in Bühl eine Ortsgruppe der „Arbeitsgemeinschaft Badische Abstimmungskomitees für die Herstellung eines neuen badischen Bundeslandes“. In den Leserbriefspalten der Zeitungen geht es hoch her. Zu nächtlicher Stunde werden Pro-Baden-Württemberg- Plakate zerstört. Wenige Tage vor der Abstimmung findet in der Handelsschule eine Versammlung statt, in der Landtagspräsident Camill Wurz scharf angegriffen wird: Der Baden-Badener CDU-Politiker wird des Landesverrats bezichtigt, ein böser Vorwurf, gegen den sich Wurz empört verwahrt.

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Eine Nachbildung eines historischen Wahlplakats wurde 2001 in Freiburg ausgestellt. Es zeigt ein Trachtenpaar vor einem Schwarzwaldhaus mit der Aufschrift : „Treu der Heimat, Baden unsere Stimme“.  Foto: Rolf Haid/dpa

Schließlich kommt der Ministerpräsident nach Bühl, was bei der Arbeitsgemeinschaft auf heftige Kritik stößt. Der als offizieller Empfang gekennzeichnete Besuch werde ausschließlich aus Steuergeldern finanziert und diene „nur der Propaganda für den Südweststaat“, er beweise erneut, „mit welch unlauteren Methoden die Landesregierung gegen die Anhänger Badens vorgehe“.

Filbinger diskutiert erst mit der Unterprima des Windeck-Gymnasiums, um dann im Alban-Stolz-Haus für Baden-Württemberg zu werben. Draußen vor der  Tür demonstrieren die Anhänger des alten Badens, auf Transparenten machen sie ihre Meinung deutlich: „Badens Zukunft liegt am Rhein und nicht in Stuttgart“. Filbinger macht sich darüber lustig: „Das habt ihr aber schön gemacht“. Die lokale Presse wirft ihm umgehend Diffamierung vor, die „Acherner Zeitung“ spricht von „Staatsempfang zum Stimmenfang“.

Nur Gemeine Oberbruch stimmte für Baden

Wahlplakat 1951 zur Abstimmung über die Länderfusion Baden-Württemberg aus dem Jahr 1951 Foto: Landesarchiv Baden-Württemberg

Sollte das der Grund für den Besuch gewesen sein, so ist die Mission geglückt: Das Fernsehteam des Südwestfunks, das im Bühler „Schwanen“ ein Studio aufgebaut hat, um aus der Hochburg der Alt-Badener zu berichten, muss den Freunden des alten Landes Baden am Abend des 7. Juni eine herbe Enttäuschung vermelden. Als das Wahlergebnis feststeht, zeigt sich, dass es nur noch eine Minderheit war, die dem Land Baden die Treue hielt. Bei einer Wahlbeteiligung von 64 Prozent stimmte nur noch eine Gemeinde des Kreises für das Land Baden, nämlich Oberbruch.

Kreisweit liegen die Baden-Befürworter nur noch bei 32,2 Prozent. Das ist zwar deutlich über dem badischen Gesamtergebnis, gleichwohl eine Überraschung, wie es am 9. Juni 1970 im Acher- und Bühler Boten heißt: „Sicherlich hat die Meldung aus dem Kreis Bühl einige Überraschungen ausgelöst, denn der Wahlkampf ließ viele vermuten, dass die Befürworter der Wiederherstellung des alten Landes Baden im Kreis Bühl dominieren könnten. Genau das Gegenteil aber ist eingetreten.“

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Die Festung ist geschleift, das Badnerlied, das an jenem Abend wie zum Trotz erklingt, ist endgültig nur noch Folklore.