Bühl am Ende der Amtszeit von Karl Bender | Foto: Stadtgeschichtliches Institut Bühl

Auf den Spuren von Karl Bender

Abschied auch ohne Feier

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Zehn Jahre, von 1909 bis 1919, war Karl Bender Bürgermeister von Bühl. Später wurde er Oberbürgermeister von Freiburg. 1933 wurde er von den Nationalsozialisten aus dem Amt vertrieben. Eine Spurensuche.

Wenn Karl Bender noch einen Zweifel gehabt haben sollte, dass der Streit in Bühl Programm ist, dann ist er spätestens bei seinem Abschied ausgeräumt worden. 1909 ist Bender zum Bühler Bürgermeister gewählt worden; im Sommer 1919, vor 100 Jahren, folgt er einem Ruf ins Innenministerium in Karlsruhe. Eine offizielle Abschiedsfeier gibt es nicht – die Parteien streiten sich so lange darüber, bis Bender keinen Wert mehr auf eine Feier legt. Er lässt Bühl hinter sich und macht eine formidable politische Karriere, die 1933 abrupt endet.

Streit ist das Bühler Markenzeichen

Franz Karl Andreas Bender, so der volle Name, kommt am 21. Dezember 1880 als Sohn eines großherzoglichen Notars in Lahr zur Welt. Er wächst in Karlsruhe auf, wo er Volksschule und Gymnasium besucht. Zunächst studiert er Ingenieurswissenschaften, steigt dann aber auf das Jurastudium um. Es führt ihn nach Freiburg, Berlin und Heidelberg. Nach Promotion und zweiter juristischer Staatsprüfung arbeitet Bender bei verschiedenen Verwaltungsstellen und Gerichten im badischen Staatsdienst.
1909 (im Jahr seiner Heirat) kommt Karl Bender nach Bühl, in eine Stadt, deren kommunalpolitisches Markenzeichen der Streit ist. 1907 macht sie sich zum Gespött, weil es in mehreren Anläufen nicht gelingt, einen neuen Bürgermeister zu wählen und die badische Regierung schließlich den Heidelberger Regierungsbeamten Adalbert Stehle einsetzt. Zwar kehrt in dessen Amtszeit etwas Ruhe ein, doch das Eis ist dünn. Neben Bender bewirbt sich auch der Gerichtsassessor Heitzler aus Bretten um Stehles Nachfolge. Zentrum und Liberale streben auf eine Lösung zu, die die Wahl Benders vorsieht. Heitzler zieht seine Kandidatur zurück; doch neues Störfeuer flackert auf: Es wird eine Wahl durch die Bürger vorgeschlagen (gewählt wird der Bürgermeister vom Bürgerausschuss). „So kommt es“, schreibt die Historikerin Almut Höfert in der Bühler Stadtchronik, „daß sich auch dieser Wahlkampf in die Tradition der von Erregung und Polemiken begleiteten Bürgermeisterküren einreiht und in seine heiße Phase tritt.“

Bürgermeister und Oberbürgermeister: Karl Bender | Foto: Stadtgeschichtliches Institut Bühl

Zwölf Stimmen Vorsprung

Ludwig Jaeckle, der Vorsitzende der Liberalen, schießt gegen Karl Peter. Dieser hat eine Sondersitzung des Gemeinderats geleitet, auf der Gehaltsfragen des künftigen Bürgermeisters besprochen wurden. Dass Peter nun selbst kandidiert, bringt Jaeckle so aus der Fassung, dass er sich am Vorabend der Wahl im „Sternen“ zum Ausruf hinreißen lässt: „Wie kann ein solcher Wurm Bürgermeister werden, der nicht einmal im Stande ist, eine Versammlung zu leiten?“ Als am 20. Juli 1909 gewählt wird, sammelt Bender im Bürgerausschuss 37 Stimmen, auf Peter entfallen 25. Der Unterlegene verlässt den Gemeinderat, ein Vermittlungsversuch Benders scheitert.

Drei Jahre im Kriegsdienst

Ein gelungener Start in seine Bühler Jahre ist das für Karl Bender nicht. Doch er erarbeitet sich Vertrauen. In seiner Amtszeit wird die wirtschaftliche Entwicklung vorangetrieben, auch wenn Fehlernten im Obst- und Weinbau 1912 und 1913 die Arbeitslosenzahlen steigen lassen. Wesentliche Entscheidungen in Benders Amtszeit sind der Verkauf von städtischem Waldbesitz an die spätere Bühlerhöhe-Erbauerin Herta Isenbart (1911) und der Bau eines Kindergartens (1912). Viele Pläne aber macht der Erste Weltkrieg zunichte. Von August 1914 bis Ende September 1917 ist Bender im Krieg, erst dann kehrt er ins Bühler Rathaus zurück. „Als aktiver Frontkämpfer wurde er mehrfach militärisch ausgezeichnet – Bender gilt damit als ein Beispiel dafür, dass das ,Kriegserlebnis’ keineswegs immer im radikalen Nationalismus enden musste“, urteilt der Historiker Robert Neisen in „Nationalsozialismus in Freiburg“, einem Begleitbuch zu einer Ausstellung. In den Wirren der Nachkriegsmonate trägt Bender seinen Teil dazu bei, dass es in Bühl weitgehend ruhig bleibt.

Zwischenstation im Innenministerium

Im Sommer 1919 verlässt er die Stadt und wird Vortragender Rat und Ministerialrat im badischen Innenministerium. Hier ist er zuständig für Gemeindeangelegenheiten. Er arbeitet unter anderem die Regierungsvorlage für eine neue Gemeindeordnung aus und wirkt beim Aufbau des badischen Sparkassen- und Giroverbands mit.

Oberbürgermeister von Freiburg

Drei Jahre bleibt Bender im Ministerium, ehe der nächste Karriereschritt folgt. Am 12. Juni 1922 wird Karl Bender zum Oberbürgermeister von Freiburg gewählt. In den folgenden Jahren kann er einige Erfolge verbuchen: den Bau einer neuen Universitätsklinik und der Schauinslandbahn, Industrieansiedlung und die Eröffnung des Augustinermuseums. Allerdings zieht er auch manches Mal Kritik auf sich; so etwa, als er im September 1923 Unruhen und einen Streik als Folge schlechter Lebensmittelversorgung und massiver Lohnverluste nach der Hochinflation unter massivem Einsatz von Schlagstöcken niederschlagen lässt. Später habe er nicht erkannt, „welche Gefahr für die Demokratie von den Nazis ausging, und war einseitig auf die Linksradikalen fixiert“, heißt es im dritten Band der „Geschichte der Stadt Freiburg“ über Benders Reaktion auf Ausschreitungen.

Offene Hetze gegen Bender

Nach dem 30. Januar 1933 – Benders Amtszeit ist 1931 mit großer Mehrheit verlängert worden – wird zunächst nicht mit der Absetzung gerechnet. Aber der Druck steigt, nicht zuletzt, weil das nationalsozialistische Kampfblatt „Der Alemanne“ offen gegen Bender hetzt. Am 22. März wird NSDAP-Kreisleiter Franz Kerber zum Kommissar der Stadtverwaltung ernannt. Kerber habe Bender so lange mit öffentlichen Beschimpfungen, Verdächtigungen und Drohungen drangsaliert, bis dieser am 9. April 1933 zermürbt aufgegeben und erzwungenermaßen in seine Beurlaubung eingewilligt habe, heißt es in einem Artikel der Badischen Neuesten Nachrichten zum 75. Geburtstag Benders.

Anwalt in Karlsruhe und Ehrenbürger in Freiburg

Der vierfache Familienvater zieht nach Karlsruhe, wo er eine Anwaltskanzlei gründet. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzt die Freiburger Stadtverwaltung einen Untersuchungsausschuss ein, der Bender rehabilitiert. Die Stadtverwaltung „verurteilt … mit dem Ausdruck des lebhaften Bedauerns auf das schärfste das ihm durch Dr. Kerber und die nationalsozialistische Gemeindevertretung angetane Unrecht“. Ein Angebot der französischen Besatzungsmacht, badischer Innenminister zu werden, lehnt er ab. 1957 ernennt ihn die Stadt Freiburg zum Ehrenbürger.
Karl Bender stirbt am 20. Februar 1970 in Karlsruhe. Franz Laubenberger bilanziert in seinem Beitrag zu den „Baden-Württembergischen Biografien“ einen Menschen „mit glänzender Begabung, achtunggebietender Leistung, bewundernswerter Zivilcourage, einen Mann, der durch die Wechselfälle der Geschichte nicht nur einmal hart bedrängt war.“