Fachwerkhäuser des 17. bis 19. Jahrhunderts machen den besonderen Charme des Hänferdorfes aus. | Foto: Ulrich Coenen

Abrisse und Leerstände

Ändert sich der Charakter des Bühler Hänferdorfes?

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Wohnraum in der Kernstadt Bühl ist knapp, deshalb werden immer mehr Bestandsbauten abgerissen und durch deutlich größere Neubauten ersetzt. Diese Entwicklung könnte das Hänferdorf bedrohen. Das pittoreske Erscheinungsbild des Quartiers, das durch eine kleinteilige Bebauung des 17. bis frühen 20. Jahrhunderts geprägt wird, täuscht darüber hinweg, dass aktuell nur noch neun Häuser unter Denkmalschutz stehen. Die um 1990 im Auftrag der Landesdenkmalpflege erarbeitete Denkmalliste war ursprünglich etwas umfangreicher. Drei Objekte werden dort inzwischen nicht mehr aufgeführt. Entweder wurden sie abgebrochen oder wie die „Grüne Bettlad“ 2004 wegen unsachgemäß ausgeführter Sanierungsarbeiten gestrichen.

Erhaltungssatzung als Lösung?

Grundsätzlich kann jedes Gebäude, das nicht unter Denkmalschutz steht, abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden. Aktuell entstehen im Quartier gleich zwei neue Häuser. Lediglich eine kommunale Erhaltungssatzung, wie sie in Bühl erstmals 2015 für die westliche Eisenbahnstraße erarbeitet wurde, könnte das verhindern.

Mehrere Neubauten in postmodernen Formen haben wie hier in der Mühlenstraße (rechts) historische Bestandsgebäude ersetzt. Der öffentliche Raum wurde im Rahmen des Sanierungsprogramms neu gestaltet. Links die Gaststätte Burg Windeck. | Foto: Ulrich Coenen

Reicht der Bebauungsplan?

Doch das ist im Rathaus kein Thema. „Wir haben seit 2009 für das Hänferdorf einen der restriktivsten Bebauungspläne im Stadtgebiet“, erklärte Oberbürgermeister Hubert Schnurr. „Die Neubauten, die in den vergangenen Jahren entstanden sind, fügen sich gut in das städtebauliche Umfeld ein. Für eine Erhaltungssatzung sehe ich deshalb keinen Bedarf.“ In der Tat wären große und völlig deplatziert wirkende Neubauten wie die moderne Gaststätte (Mühlenstraße 8) jetzt nicht mehr möglich.

Dörflich geprägtes Quartier

Das Hänferdorf ist ein dorfartiges Quartier am Nordostrand der Stadt. Es hat mehr Ähnlichkeiten mit den Dörfern der Vorgebirgszone als mit der Kleinstadt Bühl. 17 Hänfermühlen und die Landwirtschaft haben das Hänferdorf geprägt. Nach dem 2. Weltkrieg hat sich die Sozialstruktur der Bewohner aber stark verändert, so dass dort ein reines Wohnquartier entstanden ist.

Kleinteilige Architektur

Die kleinteilige Architektur mit meist ein- bis zweigeschossigen Gebäuden, häufig in Fachwerk, ist zum Teil in keinem gepflegten Zustand. Es gibt auch einige Leerstände, so dass in den nächsten Jahren mit weiteren Abrissen und Neubauten zu rechnen ist.

Das ehemalige Schuhhaus Meier (links) und das Gebäude Mühlenstraße 4 (rechts) sollen durch Neubauten ersetzt werden, die sich an der urbanen Gestaltung des Johannesplatz orientieren. Dahinter das Gasthaus „Blume“. | Foto: Ulrich Coenen

Schuhhaus steht leer

Davon geht man auch im Rathaus aus. Das seit Jahren leerstehende Schuhhaus Meier (Mühlenstraße 1) an der westlichen Ecke Grabenstraße/Mühlenstraße ist ein solcher Kandidat. Sehr viel konkreter sind die Pläne für das mehrfach umgebaute und erweiterte gegenüberliegende Haus an der Ecke Johannesstraße/Mühlenstraße (Mühlenstraße 4). Im April 2018 informierte OB Schnurr den Gemeinderat, dass ein Bühler Geschäftsmann auf dem nur rund 300 Quadratmeter großen Grundstück ein dreigeschossiges Wohngebäude mit Penthouse plant. Der Gemeinderat stimmte der notwendigen Änderung des Bebauungsplans Hänferdorf damals ohne Diskussion zu.

Räumlicher Abschluss zum Johannesplatz

Sowohl das Schuhhaus als auch das Haus Mühlenstraße 4 sieht Schnurr als räumlichen Abschluss des Johannesplatzes, dessen östlicher Abschluss seit den 1970er-Jahren vor allem durch ein großes viergeschossiges Gebäude mit Flachdach (Grabenstraße 11) geprägt wird. Das eingeschossige Schuhhaus erscheint Schnurr innerhalb der hohen Reihenbebauung wie eine „Zahnlücke“.

Schwieriger Neubau

Das zum Abriss freigegebene Haus Mühlenstraße 4 hat zwei Gesichter. Durch entstellende Erweiterungen grenzt es mit einer geschlossenen und fast bunkerartigen Fassade an die Johannesstraße. An der Mühlenstraße erhebt sich aber der für das Hänferdorf typische Giebel in der Formensprache der Zeit um 1900. So bringt der geplante Neubau für den Johannesplatz eine städtebauliche Verbesserung, für den Eingang zum Hänferdorf aber entscheidende Veränderungen. Den Erhalt des Giebels und dessen Integration in den Neubau will Schnurr aber nicht vom Investor fordern.

Das Gasthaus „Blume“ in der Mühlenstraße steht nach dem Tod des Wirts leer. | Foto: Ulrich Coenen

Was wird aus der „Blume“?

Ein weiteres Problem ist das seit dem Tod des Wirtes leerstehende unmittelbar benachbarte Gasthaus „Blume“ (Mühlenstraße 6). Von Abrissgerüchten habe man bereits gehört, sagte der städtische Pressesprecher Matthias Buschert. Bestätigen könne man dies aber nicht. Nach Buscherts Auskunft wurde die „Blume“ aber bereits in die Planungsüberlegungen zur Neugestaltung der Eckbebauung Johannesstraße/Mühlenstraße einbezogen, allerdings sei seinerzeit keine Veränderung angedacht worden.

Nicht die „Keimzelle“ der Stadt

Das Hänferdorf gilt als „Keimzelle“ der Stadt. Diese in der Stadt weit verbreitete These ist wissenschaftlich nicht haltbar, weil der Ursprung Bühls ausweislich des ältesten erhaltenen Plans von 1580 zweifelsfrei im Bereich des Marktplatzes zu suchen ist. Dort steht mit dem einstigen Kirch- und heutigen Rathausturm aus dem frühen 16. Jahrhundert das älteste Gebäude der Kernstadt.

Alte Fachwerkhäuser

Die Beliebtheit des Hänferdorfes hängt mit seinem dörflichen Charme zusammen, der sich vom Erscheinungsbild der badischen Kleinstadt, die seit dem Anschluss an die Eisenbahn vom Handel geprägt wurde, unterscheidet. Im Hänferdorf gibt es noch einige schöne alte Fachwerkhäuser, die bald nach dem für Mittelbaden verhängnisvollen Pfälzischen Erbfolgekriegs, der fast alle Städte und Dörfer 1689 zerstörte, gebaut wurden.

Zwei Förderprogramme

Seit den frühen 1990er-Jahren hat die Stadt auf Initiative des damaligen Oberbürgermeisters Gerhard Helbing viele Anstrengungen unternommen, den Charakter des Hänferdorfs zu erhalten. Bereits am 27. Februar 1991 hat der Gemeinderat im Vorfeld eines Förderprogramms eine vorbereitende Untersuchung und eine Veränderungssperre im Hinblick auf einen Bebauungsplan beschlossen. Nachdem eine Aufnahme in das staatliche Förderprogramm 1993 im ersten Anlauf gescheitert war, legte die Stadt ein kommunales Förderprogramm auf. Mit städtischen Subventionen wurden drei private Projekte gefördert, bevor 1997 doch noch die Aufnahme in das Förderprogramm des Landes gelang. Die Stadt erhielt nun 60 Prozent der sanierungsbedingten Kosten als Landeszuschuss. Insgesamt wurden rund 2,5 Millionen Euro investiert.
Im Jahr 1997 wurde ebenfalls ein Sanierungsbeirat gegründet. Neben den mehr als 20 privaten Baumaßnahmen, die gefördert wurden, gestaltete die Stadt alle Straßen und Plätze des Hänferdorfes mit einer neuen Pflasterung als Spielstraßen oder verkehrsberuhigte Zonen.

Bebauungsplan ist restriktiv

Gleichzeitig mit der förmlichen Aufhebung des Sanierungsverfahrens 2009 wurde der Bebauungsplan Hänferdorf rechtskräftig. „Erhaltung, Verbesserung, Ausgestaltung des Stadtbildes und der vorhandenen Bebauung sind die Ziele“, erklärte OB Hubert Schnurr. „Das reicht aus, um den Charme des Hänferdorfes zu erhalten.“

Das älteste Gebäude im Hänferdorf ist die denkmalgeschützte „Hallenmühle“, die inschriftlich ins Jahr 1661 datiert ist. | Foto: Ulrich Coenen

Schnurr wies auf einige Eckpunkte des „sehr strikten“ Bebauungsplans hin. Im Hinblick auf Neubauten wurden die Wandhöhe und die Grundflächenzahl (GRZ), die vorschreibt, welcher Flächenanteil eines Grundstücks bebaut werden darf, an den Bestand angepasst. Auch die Fassadengestaltung wird im Hinblick auf Farb- und Materialwahl sowie Fensterläden festgelegt.

Kein Schutz vor Abrissen

Mit diesen strengen Vorschriften wurde erreicht, dass sich die bisherigen Neubauten wie das Haus Mühlenstraße 27 (gegenüber dem Gasthaus „Burg Windeck“) mit ihren postmodernen Formen in den Bestand einfügen. Es fällt aber auf, dass diese Neubauten oft größer sind als die vorhandenen Altbauten, die der Bebauungsplan nicht vor einem möglichen Abriss schützen kann.

Kommentar

Quo vadis, Hänferdorf? Seit 2009 gibt es einen Bebauungsplan, der unpassende Neubauten unmöglich machen soll. Doch reicht das angesichts des Wohnungsdrucks in der Kernstadt und der überall üblichen und zweifellos sinnvollen Nachverdichtungen aus?
Die bisherigen neuen Häuser im Hänferdorf sind nicht nur moderner und komfortabler als die historischen, sie sind oft auch ein wenig größer. Das wird weitere Investoren dazu verleiten, das eine oder andere sanierungsbedürftige Häuschen abzureißen und durch ein neues zu ersetzen.
Weil es nur neun Denkmäler im Quartier gibt, droht dieses Schicksal theoretisch den meisten Gebäuden. Gefährdet sind unter anderem die Bauwerke am Westrand des Quartiers, weil die Stadtverwaltung diesen als räumlichen Abschluss des Johannesplatzes mit seiner völlig andersartigen, urban geprägten Architektur bewertet.
Wer verhindern will, dass nach und nach immer mehr historische Bauwerke im Hänferdorf durch Neubauten in postmodernen Formen ersetzt werden, kommt an einer Erhaltungssatzung nicht vorbei. Mit ihrer ersten Erhaltungssatzung für die westliche Eisenbahnstraße hat die Stadt gute Erfahrungen gemacht. Dieses Instrumentarium ist keine Käseglocke. Eine städtebauliche Entwicklung ist ausdrücklich möglich. Das zeigt sich bei den beiden Ergänzungsbauten rechts und links der Villa Walchner auf dem Lörchgelände, mit deren Bau inzwischen begonnen wurde.
Erhaltungssatzungen werden in Paragraf 172 des Baugesetzbuches geregelt. Man nennt sie umgangssprachlich kommunalen Denkmalschutz. Für Denkmalschutz und Denkmalpflege im eigentlichen Sinne sind in der Bundesrepublik die Länder zuständig. Mit Erhaltungssatzungen können die Gemeinden die Gestalt von Stadtvierteln oder Straßenzügen für die Nachwelt erhalten.
Weshalb eine Erhaltungssatzung für das Hänferdorf nach diesen positiven Eindrücken im Rathaus nicht zumindest diskutiert wird, bleibt unklar. Die geplanten Nachverdichtungen in der Kernstadt, denen in nächster Zeit eine ganz Reihe von nicht denkmalgeschützten Altbauten zum Opfer fallen werden, verdeutlichen, wie dringlich das Thema ist. Nur mit einer Erhaltungssatzung können Stadtverwaltung und Gemeinderat bei Abrissen im Hänferdorf mitreden. Wer auf dieses baurechtliche Instrument verzichtet, riskiert, dass das Quartier in zwei Jahrzehnten völlig anders aussieht und nicht mehr den Charme eines alten Dorfes hat.