Simon Knoop mit Cacique Ailton, dem Häuptling der Pataxós aus Aratikum. | Foto: pr

Filmprojekt mit Bühler Hilfe

Auf den Spuren der Pataxó-Indianer

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Von Patricia Klatt

Als Simon Knoop in Lissabon Geografie studierte, lernte er Junior Araújo kennen. Das war nicht nur der Anfang einer Freundschaft, sondern auch eines Projekts, das den 26-Jährigen aus dem Bühler Stadtteil Waldmatt jetzt für ein halbes Jahr nach Brasilien führt, wo er Gast in der völlig anderen Kultur eines indigenen Volkes ist. Knoop war nach dem Abitur am Gymnasium Achern zum Studium zuerst nach Heidelberg gegangen und dann in die portugiesische Hauptstadt; Anfang 2016 hat er es abgeschlossen. Seit September ist er im Bundesstaat Bahia, um mit Junior Araújo, Filipe Casimiro und Laura Pechman einen Dokumentarfilm über die Bildungspraxis der Pataxó-Indianer zu realisieren. Auf Initiative von Junior Araújo arbeitet er nun an dem Projekt in Brasilien mit, das eine sehr persönliche Note hat: Araújos Mutter ist vom Stamm der Pataxó.

Die Lernmethoden der Indianer

Die Pataxó sind ein indigenes Volk, das an der Costa dos Descobrimentos, der Küste der Entdeckungen, lebt. „Eigentlich wollten wir nur die völlig andere Lernkultur der Pataxó kennenlernen“, erzählt Knoop. „Seit Jahrhunderten lernen sie dort aus eigenem Antrieb und ohne Lernzwang.“ Man sei sehr gastfreundlich aufgenommen worden und lebe nun in Coroa Vermelha, der größten urbanen Siedlung mit einer mehrheitlich indigenen Pataxó-Bevölkerung. Probleme mit der Eingewöhnung hatte Knoop nicht, „da ich Portugiesisch spreche und dies die erste Muttersprache der Pataxó ist, gab es kaum Kommunikationsschwierigkeiten“. Die Gruppe verbringt viel Zeit in den isolierteren Dörfern, um die Lernmethoden der Indianer zu dokumentieren. „Unsere Arbeit wird wertgeschätzt, weil die Vermittlung eines wahrheitsgetreuen Bildes der Kultur und der Herausforderungen, mit denen sie konfrontiert ist, im Vordergrund steht“, ist sich Knoop sicher. „Durch die Mutter unseres Projekt-Initiators gelangen wir auch an Informationen, die für Fremde sonst nicht ohne weiteres zugänglich sind und werden zu speziellen Ritualen eingeladen“, erzählt der junge Waldmatter.

Gewaltsame Vertreibungen

Kontaktiert hat er den ABB aber nicht wegen der Lebensweise der Indianer, sondern wegen der Vertreibung ganzer Stämme aus ihren Dörfern, die das Team hautnah miterleben musste und auch dokumentieren konnte. „Da kaum staatlich zugesicherter Siedlungsraum zur Verfügung steht, sind die Pataxó oft gezwungen, auf privaten Ländereien zu siedeln. Regelmäßig kommt es dann zu gewaltsamen Vertreibungen durch die Polizei, wenn die Besitzer, meistens kapitalkräftige Immobilienkonzerne und Großgrundbesitzer, Anspruch auf die Ländereien erheben“, so Knoop. Im Oktober wurde die indigene Pataxó-Gemeinde Aratikum von ihrem Gelände vertrieben. Eine Polizeieinheit rückte mit zwölf Einsatzfahrzeugen und mehreren Baggern an und zerstörte sämtliche Häuser, das Gesundheits- und das Kulturzentrum. Die Antwort auf die Frage, wem das Land offiziell gehört, variiert je nach Kontaktperson. Sicher ist, dass sich der Anstieg der Bodenpreise und die zunehmende Attraktivität der Region negativ auf die Lebensbedingungen der indigenen Bevölkerung auswirken.

Kinder von Aratikum in den Trümmern ihres Hauses.
Kinder von Aratikum in den Trümmern ihres Hauses. Foto: Knoop | Foto: Knoop

Die 15 Familien von Aratikum hatten vorübergehend ein provisorisches Camp am Rande der nahe gelegenen Landstraße errichtet, ohne Strom, fließendes Wasser oder die Möglichkeit zum Anbau von Nahrungsmitteln. Sie waren auf Lebensmittelspenden angewiesen. Ende November sind diese Pataxós aus Mangel an Alternativen auf ihr altes Gelände zurückgekehrt, aber ihre Duldung dort ist keineswegs garantiert. Knoop macht sich wenig Illusionen. „Als Außenstehender kann man gar nichts machen, da müssten sich die gesamten Strukturen ändern. Der wichtigste Schritt zum Erhalt indigener Kulturen wäre eine Ausweisung eines Siedlungsgebiets als Reservat, das vom Staat vor Privatisierung geschützt wird“.
Im Frühjahr, wenn das Projekt abgeschlossen ist, will Knoop zurück nach Europa und hier den Film vorstellen – in Lissabon ebenso wie in der Ortenau.

Der DFB und die Indianer
Das Dorf Santo André, ein kleiner Küstenort in Bahia, war während der Fußball-WM 2014 die Herberge der deutschen Nationalmannschaft. Das brachte der Region Prestige ein und zog das Augenmerk nationaler und internationaler Investoren auf sich. Die Bodenpreise sind um ein Vielfaches gestiegen, immer mehr Land wird privatisiert. Leidtragende der Privatisierungswelle sind die Umwelt und die indigene Bevölkerung wie die Pataxó-Gemeinde Aratikum. Der Aufenthalt der deutschen Mannschaft und der damit verbundene Bau des Luxusresorts Campo Bahía hat einen Prozess ausgelöst, der die Rechte der indigenen Bevölkerung in der Region akut bedroht, sagt Simon Knoop: „Der DFB hat eine Kooperation mit den Pataxó-Indianern inszeniert. Die Spieler haben bei traditionellen Tänzen mitgemacht, um Kraft für die Spiele zu gewinnen und die Indianer haben Rituale zum Sieg der Mannschaft durchgeführt. Kurz: Der DFB hat sich als Freund der Indianer dargestellt und von deren spirituellen Begleitung profitiert. Deshalb sollte ihn auch der aktuelle Konflikt interessieren.“ Der DFB verweise auf sein gesamtes soziales Engagement in Brasilien, das zweifelsohne existiere. Man habe auch außerhalb des Platzes versucht, der gesellschaftlichen Verantwortung nachzukommen.

Internet

youtube.com/watch?v=MTYZsHK5jnA
www.dfb.de/news/detail/zum-wohle-der-kinder-brasiliens-60958/