Schüler des Windeck-Gymnasiums erinnerten am Gedenkstein auf dem Johannesplatz an den Bühler Synagogenbrand. | Foto: Bernhard Margull

Gedenkfeier in Bühl

Aufgabe für Gegenwart und Zukunft

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Bei einer Gedenkfeier auf dem Johannesplatz, wo am Morgen des 10. November 1938 die Bühler Synagoge geschändet und in Brand gesteckt worden war, hat Oberbürgermeister Hubert Schnurr zur Erinnerung aufgerufen: „In der Ignoranz des Offensichtlichen, nämlich, den Anfängen nicht gewehrt zu haben, darin liegt die Verantwortung der Deutschen für die Vergangenheit. Das Wissen darum und die Weitergabe des Wissens ist unsere Aufgabe für die Gegenwart und die Zukunft.“

Die Schrankenlosigkeit der Täter

In der vom Klezmer-Ensemble der Bühler Musikschule (Alois Müller, Sarah Nöltner, Ansgar Klönne, Amrei Klönne und Milva Minou Herr) begleiteten Feierstunde wertete Schnurr das Geschehen der Reichspogromnacht als ein politisches Mittel, „die Verletzung der Menschenwürde vor aller Augen zu zelebrieren“. Die Augenscheinlichkeit der Brutalität hätten das Novemberpogrom von 1938 zu einem Schlüsseldatum in der Verfolgung jüdischer Menschen durch die Nationalsozialisten gemacht. Es stehe für die Schrankenlosigkeit der Täter und für die Möglichkeiten, „die man ihnen ließ, für das Dulden, für das Gutheißen der Judenverfolgung durch die Deutschen“. Nicht nur sei in Bühl die Synagoge zerstört worden, es seien auch Wohnungen jüdischer Menschen geplündert, Juden angegriffen und gedemütigt worden; jüdische Männer seien „wie Verbrecher verhaftet und für mehrere Wochen in Konzentrationslagern gefangen gehalten worden“, sagte Schnurr.

Der Vergangenheit gestellt

80 Jahre später könne auf einen jahrzehntelangen Frieden, auf eine stabile Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zurückgeblickt werden. Viele Beiträge seien geleistet worden, um sich der Vergangenheit zu stellen und sie aufzuarbeiten. Heute sei es die Aufgabe der Nachgeborenen, „den Schreien der Opfer Gehör zu verschaffen“. Schnurr erinnerte an den vor zehn Jahren eröffneten Rundgang „Auf jüdischen Spuren“, der sich den kulturellen Einrichtungen der israelitischen Gemeinde und einzelnen jüdischen Familien aus Bühl widmet. Besonders erinnerte Schnurr an den 1934 in Bühl geborenen und im Januar dieses Jahres in Jerusalem gestorbenen Ehud Loeb. Das Verschwinden der jüdischen Mitbürger aus dem Bühler Alltagsleben werfe immer wieder eine Frage auf: „Wie war dies möglich?“

Windeck-Gymnasium erinnert an Geschehen

Vertreter der Gruppe „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ des Windeck-Gymnasiums mit Lehrerin Barbara Becker verknüpften im Stil einer griechischen Tragödie Vergangenheit und Gegenwart. Die Schülerinnen und Schüler erinnerten auf der Grundlage eines ABB-Artikels von Günther Mohr aus dem Jahr 1988, zum 50. Jahrestag der Pogromnacht, das Bühler Geschehen jenes Novembertags. Auch die 1947 einsetzende juristische Aufarbeitung des Synagogenbrands wurde skizziert. Unterbrochen wurde dies mehrfach durch einen Chor, der die Namen baden-württembergischer Landkreise skandierte, in denen in den vergangenen Jahren politische motivierte rechte Kriminalität zu verzeichnen gewesen war. Das erinnerte an einen Satz des amerikanischen Schriftstellers William Faulkner, der gerade am 9. November nachdenkenswert ist: „Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht mal vergangen.“