Projekt mit Hindernissen: Nach einer zweiten Ausschreibung haben die Bauarbeiten für das Flüchtlingsheim in der Bergermühlsiedlung in Bühl inzwischen begonnen. | Foto: Ulrich Coenen

Kommunen kontra Bauwirtschaft

Bauen nicht um jeden Preis

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Die Baupreise explodieren. Die Kommunen reagieren zum Teil verzweifelt und heben Ausschreibungen mit völlig überteuerten Submissionsergebnissen auf. Dagegen protestiert der Verband der Bauwirtschaft Baden-Württemberg. Sein Hauptgeschäftsführer Thomas Möller hält diese Vorgehensweise in vielen Fällen für ungerechtfertigt. Er kritisiert in einer Pressemitteilung insbesondere die Stadt Baden-Baden, bei der es in den vergangenen Monaten zu einer Häufung von Ausschreibungsaufhebungen gekommen sei. „Wenn die Stadt Probleme mit ihren Bauausschreibungen hat, weil sie offenbar mit veralteten Zahlen kalkuliert, darf sie nicht ohne weiteres diese Ausschreibungen wieder aufheben, nur weil sie keine passenden Angebote bekommt“, meint Möller.

Rund 20 Fälle in Baden-Baden

Die mittelbadischen Städte weisen die Vorwürfe des Verbands entschieden zurück. In Baden-Baden wurden nach Auskunft von Baubürgermeister Alexander Uhlig in den vergangenen zwei Jahren allerdings tatsächlich rund 20 Ausschreibungen durch die Stadt aufgehoben. In der Regel handelte es sich um Tiefbaumaßnahmen, wobei der Leopoldsplatz nach Worten von Uhlig das „herausragende“ Beispiel war. In diesem Fall ermittelt bekanntlich die Staatsanwaltschaft Baden-Baden. „Aber selbstverständlich gilt die Unschuldsvermutung“, meinte Uhlig.

Politische Brisanz

Die nur wenigen Angebote auf die 20 Ausschreibungen lagen nach Auskunft des Baubürgermeister jeweils deutlich über dem kalkulierten Ansatz. „Die Aufhebung der Ausschreibungen ist ein Geschäft der Verwaltung“, berichtete Uhlig. Wegen der politischen Brisanz seien aber die zuständigen Gremien in Kenntnis gesetzt worden. „Im Fall des Leos gab es sogar eine Sondersitzung des Gemeinderats. Auch die Ausschreibung für die Außenanlagen der neuen Kindertagesstätte Regenbogen in Steinbach wurde aufgehoben. „Wir haben den Ortschaftsrat informiert“, sagte Uhlig. Die Neuausschreibungen hätten jeweils zu deutlichen Einsparungen geführt, beim Leo mehr als eine Million Euro. Einige Projekte wie die Bergengruenstraße wurden zurückgestellt.

Haltlose Vorwürfe

Die Vorwürfe des Verbands sind nach Ansicht Uhligs haltlos. „Wir haben immer blitzsauber kalkuliert“, konstatierte er. „Bevor wir eine Ausschreibung aufheben, prüfen wir intern mit den beauftragten Ingenieuren und Architekten unsere Kalkulation. Sonst kommen wir in Teufels Küche. Wir können die Bieter nicht für unsere Fehler verantwortlich machen. Bei der Ausschreibung des Leos hat das von uns beauftragte Ingenieurbüro beispielsweise mit brandaktuellen Zahlen gearbeitet und je nach Gewerk konjunkturelle Aufschläge zwischen fünf und zehn Prozent einkalkuliert. Besser kann man das nicht machen.“

Flüchtlingsheim sorgt für Ärger

Bühls Oberbürgermeister Hubert Schnurr, als Architekt und Stadtplaner vom Fach, kann die Vorwürfe der Bauwirtschaft ebenfalls nicht nachvollziehen. Zweimal haben die Bühler Ausschreibungen aufgehoben. Spektakulär war die Neuausschreibung für das Flüchtlingsheim in der Bergermühlsiedlung, doch auch die Außenanlagen für das neue Feuerwehrgerätehaus West in Balzhofen wurden neu ausgeschrieben. „Unser Vorgehen entspricht der Vergabe- und Vertragsordnung für Bauleistungen (VOB)“, sagte Schnurr. „Wir können nicht jeden Preis akzeptieren. Wir sind verpflichtet, mit Steuergeldern sparsam umzugehen. Für das Flüchtlingsheim in der Bergmühlsiedlung zog der Technische Ausschuss im April die Notbremse, weil das günstigste Angebot, das bei der Stadtverwaltung eingegangen war, eine halbe Million Euro über der Kostenschätzung lag (wir berichteten). „Dabei haben wir uns für den ursprünglich geplanten Holzbau im Vorfeld von einer Fachfirma beraten lassen“, berichtete Schnurr. Statt Modulbauweise in Holz setzte die Kommune bei der Neuausschreibung auf konventionelle Mauerwerksbauweise.

Seriöse Kalkulationen

„Unsere Kalkulationen sind absolut seriös“, meinte Hubert Schnurr. „In der Regel liegen die Angebote in den vergangenen Monaten auf dem Niveau der Kalkulation oder sogar knapp darunter.“

Gute Konjunktur und Bauboom

Nobuhiro Sonoda, Vorsitzender der Kammergruppe Baden-Baden/Rastatt der Architektenkammer, versteht die Aufregung um die aktuell hohen Baukosten nicht. „Die Preise sind Marktpreise“, meinte er. „Wenn die Auftragsbücher der Bauunternehmen und Handwerker voll sind, müssen sie nicht unbedingt weitere Aufträge annehmen. Die Unternehmer sitzen schließlich nicht daheim rum und drehen Däumchen, sie sind ausgelastet bis obenhin.“

2018 als Sonderfall

Als Ursachen nennt Sonoda die gute Konjunktur und den Bauboom. „2018 ist aber ein Sonderfall“, erklärte er. „Ob sich das im nächsten Jahr wiederholt, bleibt abzuwarten. Ich bin kein Hellseher, aber die internationale Entwicklung und drohende Zölle lassen darauf schließen, dass sich das wirtschaftliche Wachstum verlangsamen könnte. Auch im Baugewerbe geht eine Hochphase irgendwann vorbei. Schon jetzt sind Bremsspuren sichtbar.“

Aufpreise aktuell üblich

Nobuhiro Sonoda wies im Gespräch mit dieser Zeitung ausdrücklich darauf hin, dass Architekten die Baupreise nicht diktieren. „Wir müssen für unsere Bauherrschaft vor dem Hintergrund eines überhitzten Marktes ordentlich kalkulieren. Wer aber jetzt etwas schnell will, zahlt einen Aufpreis.“