Optimistisch waren die Verantwortlichen beim ersten Spatenstich für das Flüchtlingsheim in Bühl im September 2017. | Foto: Wilfried Lienhard

Flüchtlingsheim in Bühl

Die Baukosten sind explodiert

Der Neubau eines Wohngebäudes für die Anschlussunterbringung von Flüchtlingen in der Bergermühlsiedlung in Bühl wird sich um viele Monate verzögern. Weil die Baukosten explodiert sind, hat der Technische Ausschuss jetzt die Notbremse gezogen und die Ausschreibung aufgehoben. Das Gebäude sollte durch einen Generalunternehmer mit Brettsperrholz in Modulbauweise ausgeführt werden. Das günstigste Angebot, das bei der Stadtverwaltung einging, lag eine halbe Million Euro über der Kostenschätzung. Der Holzbau war von der Stadt mit 1,1 Millionen Euro veranschlagt worden.

Nur zwei Angebote

Das Interesse der Unternehmen an der öffentlichen Ausschreibung hielt sich darüber hinaus in sehr überschaubaren Grenzen. Neun Firmen forderten die Unterlagen an, doch nur zwei gaben Angebote ab. Zum hohen Preis kamen terminliche Probleme, die die Verantwortlichen im Rathaus befürchten ließen, dass das Gebäude nicht pünktlich fertig werden würde.

Gemeinderat entscheidet am 25. April

Dass die Kostenberechnungen für die Erd- und Entwässerungsarbeiten (günstigster Bieter 130 604 Euro) und die Beton- und Stahlbauarbeiten (114 310 Euro) ebenfalls um 47 beziehungsweise 35 Prozent überschritten wurden, war ein weiteres Argument, die Ausschreibung aufzuheben. Die prognostizierten Gesamtkosten von knapp 1,8 Millionen Euro wären in jedem Fall in dramatischem Umfang gesprengt worden. Jetzt soll sich der Gemeinderat am 25. April erneut mit dem Thema beschäftigen.

Gespräche mit Landratsamt

Der offizielle erste Spatenstich für das Gebäude in der Bergermühlsiedlung wurde bereits im September 2017 gesetzt. Der Neubau ist notwendig, weil die Kommunen für die sogenannte Anschlussunterbringung von Flüchtlingen zuständig sind. Durch die nicht unerhebliche Verzögerung sieht Oberbürgermeister Hubert Schnurr aber keine größeren Probleme. „Wir führen permanent Gespräche mit dem Landratsamt“, berichtete er. „Wir können das überbrücken.“ Nach dem Reinfall mit der Modulbauweise in Holz setzt die Stadt jetzt auf konventionelle Bauweise. „Wir brauchen ein anderes Konzept“, konstatierte Schnurr. Daniel Back von der Stadtverwaltung berichtete, dass verwaltungsintern verschiedene Varianten diskutiert wurden. Die Aufhebung der Ausschreibung sei die beste Lösung.

Mauerwerk oder Beton

Der beauftragte Architekt Andreas Thoma berichtete, dass ökologische Aspekte und die schnelle Modulbauweise für den Holzbau gesprochen hätten. Aus Kostengründen sei das aber nun nicht mehr tragbar. Thoma setzt jetzt auf einen Massivbau, der nach seiner Einschätzung kostengünstiger sein wird. Er will das Gebäude entweder als Mauerwerksbau oder mit Betonfertigteilen mit vorgesetzter Dämmung ausführen. Am 22. April will er dem Gemeinderat ein neues Konzept und eine neue Kostenberechnung vorlegen. Weil die Bergermühlsiedlung durch Holzfassaden geprägt wird, soll sich trotz der Massivbauweise am Erscheinungsbild des geplanten Neubaus nichts ändern. Das Wohngebäude wird eine mit Holz verkleidete Fassade erhalten.

Kritische Stimmen im Ausschuss

Die deftige Kostenüberschreitung für den Neubau des Wohngebäudes für Flüchtlinge in der Bergermühlsiedlung und die damit verbundene einstimmige Aufhebung der Ausschreibung sorgten im Technischen Ausschuss nicht für Begeisterung. „Ich bin negativ überrascht“, meinte Pit Hirn (SPD). „Das bedeutet eine zeitliche Verzögerung des Projekts von einem Dreivierteljahr.“

Energetisch günstig

„Das sprengt jeden Haushalt“, stellte Karl Ehinger (FW) fest. „Die Stadt und der normale Bürger können sich solche Baukosten nicht leisten“, sagte Margret Burget-Behm (CDU). „Immer mehr Bürger werden bedürftig.“ „Durch die Holzständerbauweise wollten wir fortschrittlich und energetisch bauen“, bedauerte Thomas Wäldele (GAL) im Hinblick auf die gescheiterten Pläne für das Flüchtlingsheim.
Dass der nun geplante Massivbau deutlich günstiger wird als der Holzbau bezweifelte Hubert Oberle (CDU). „Die sind preislich normalerweise identisch“, meinte er. „Ob wir etwas sparen, wird sich zeigen, wenn die Angebote vorliegen.“

Was ist mit den Zuschüssen?

Hans-Jürgen Jacobs (CDU) sah hingegen im Hinblick auf eine erneute Ausschreibung Perspektiven. „Wir kommen dann in den Winter, wenn die Bauunternehmen weniger zu tun haben.“ Allerdings sorgte sich Jacobs um die Fördermittel des Landes für das Projekt. Die stehen nach Auskunft von Eckhard Vandersee von der Stadtverwaltung mit 350 000 Euro fest. Wenn das Gebäude teurer wird als ursprünglich geplant, gibt es aber aus Stuttgart keinen Zuschlag.

Keine Änderung in Sicht

„Die jetzt beabsichtigte konventionelle Bauweise macht Sinn“, fand Lutz Jäckel (FDP). Er sprach sich für einen Mauerwerksbau und gegen einen Betonbau aus. „Das ist gesünder“, meinte er. Im Hinblick auf die explodierenden Baukosten wies Jäckel auf die jahrelange Krise in der Baubranche hin, in der Unternehmer unter dem Selbstkostenpreisen arbeiten mussten, um zu überleben. „In den nächsten Jahren wird sich nicht viel ändern“, befürchtete Jäckel im Hinblick auf die niedrigen Zinsen. „Wir sollten deshalb das Gebäude in der Bergermühlsiedlung zügig angehen. Wir kommen nicht daran vorbei.“

Kommentar zum Thema

Das musste so kommen. Bereits seit einigen Jahren ärgern sich die Gemeindeverwaltungen und Gemeinderäte bei den Ausschreibungen für die Gewerke praktisch aller öffentlicher Hochbauprojekte über explodierende Kosten. Die Schätzungen der Bauämter werden regelmäßig schmerzhaft deutlich übertroffen. Jetzt hat der Technische Ausschuss in Bühl die Reißleine gezogen und wegen der maßlos in die Höhe geschossenen Angebote für das Flüchtlingsheim in der Bergermühlsiedlung die Ausschreibung aufgehoben. Insgesamt geht es um deutlich mehr als eine halbe Million Euro für ein Gebäude, das ursprünglich 1,8 Millionen Euro kosten sollte.
Dass die erneute Ausschreibung deutlich günstiger wird, darf bezweifelt werden. Bauindustrie und Bauhandwerk haben Hochkonjunktur. Das hängt mit der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank zusammen, die Anleger ins „Betongold“ fliehen lässt. Nicht nur Häuslebauer, sondern jeder, der Handwerker für eine Badsanierung oder eine neue Heizung sucht, kann davon ein Lied singen. Zusätzlich zu den hohen Preisen gibt es Wartelisten. Was die Investoren durch die historisch günstigen Zinsen sparen, geht durch die hohen Preise wieder verloren. Im Grunde ist es ein Nullsummen-Spiel.
Die Schuld dafür Bauindustrie und Bauhandwerk in die Schuhe zu schieben, wäre aber zu kurz gedacht. Während der großen Baurezession zwischen 1995 und 2005 brachen viele traditionsreiche Bauunternehmen zusammen, die übrigen lieferten sich beim Kampf um die wenigen Aufträge einen ruinösen Wettbewerb. Damals haben die Kommunalpolitiker jubiliert und sich über die günstigen Preise gefreut. Arbeitsplätze wurden massenhaft vernichtet. 1997 stieg die Arbeitslosigkeit in bauhauptgewerblichen Berufen um 43 Prozent. Die gut ausgebildeten Bauhandwerker haben sich beruflich neu orientiert oder sind in Frührente. Jetzt ist von Fachkräftemangel die Rede. Hätte die Politik die Unternehmen damals im Sinne der freien Marktwirtschaft nicht zu Grunde gehen lassen, gäbe es das Problem heute nicht. Firmen und Fachleute für die hoch spezialisierte Arbeiten zur Planung und Ausführung von Gebäuden lassen sich nicht kurzfristig aus dem Hut zaubern. Wer in einer Industriegesellschaft Experten will, muss dafür sorgen, dass sie dauerhaft beschäftigt sind. Sonst zahlen am Ende alle die Zeche.