Die Band „Curly Strings“ – im Bild Frontfrau Eeva Talsi und Gitarrist Jaan Jaago – spielte und sang sich in die Herzen des Bühler Publikums. | Foto: Maier

Festival in Bühl

Bluegrass-Bands frenetisch gefeiert

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Traditionell beheimate Gruppen und höchst innovative Ensembles, die sich auch der Rockgeschichte nicht verweigern: Einen faszinierenden Dialog erlebten rund 600 Musikfans beim Hauptkonzert des 15. Internationalen Bühler Bluegrass-Festivals. Gleich fünf Gruppen, die die ganze Bandbreite dieser Musik präsentierten, waren im Bürgerhaus Neuer Markt zu bewundern. Und wenn sich der Dobro-Spieler der Band „Country Pickers“ als „Röbi“ bezeichnet, ist wohl klar, dass er sich als Helvetier herausstellt und damit beweist, dass dieses Genre der handgemachten Musik längst von Kentucky den Sprung nach Europa gemacht hat.
Die Band aus dem Land der Volksabstimmung ist angeblich geflüchtet, denn wie Paolo Dettwiler verschmitzt anmerkt, stehe heute die Frage an, ob man Bluegrass verbieten solle. Es ist kaum anzunehmen, dass die Schweizer dies bejahen, haben sie doch solch eine Supergruppe wie die „Country Pickers“. Meisterhaft verbinden die Musiker fröhliche Rhythmen mit tieftraurigen Texten, etwa von Lord Byron. Dass sich die gegenwärtige Szene anderen Einflüssen öffnet, zeigt schon „Fox On The Run“ von Manfred Mann, hier im Bluegrass-Gewand präsentiert. Der Gitarrist greift auch mal gerne zur Autoharp, einem angeblich schwierig zu stimmenden Instrument – immerhin hat die Kastenzither „37,5 Saiten“, wie er launig erzählt.

Tom Lochbrunner von den „Country Pickers“ aus der Schweiz. | Foto: Maier

Acoustic-Country aus der Fächerstadt

Den langen Abend der guten Töne eröffnen „Dapper Den Men“ mit ihrer Frontfrau Mary K. Hogwallop. Die Formation aus dem Großraum Karlsruhe ist seit über zehn Jahren eine feste Größe der süddeutschen Country-Szene und hat in Bühl sozusagen fast ein Heimspiel. Von Hank Williams über Frank Sinatras swingenden Klassiker „Bang Bang“ bis hin zu Eigenkompositionen wie die melancholische Ballade „You Might Have Heard“ spannen die fünf Männer mit Hut und ihre Sängerin einen weiten musikalischen Bogen.

Begeisterungsstürme für Folk aus Estland

Dann aber der vorläufige Höhepunkt des an Abwechslung reichen Konzerts. Mit den „Curly Strings“ reiste eine Folk-Pop-Band aus Estland an, die mit einer völlig anderen Stilrichtung das Stimmungsbarometer im Bürgerhaus enorm in die Höhe treibt. „Curly Strings“ lebt von der Frontfrau Eeva Talsi, die als Sängerin zuweilen an ihre samische Kollegin Mari Boine erinnert, und dazu noch ganz vorzüglich Geige spielt. Kraftvoll, aber auch zärtlich kann diese Weltmusik im besten Sinne ihrer Bedeutung sein. Eigentlich ist das nichts für die Puristen der Szene, aber der Auftritt der Nordländer „geht voll ab“, wie nicht nur Michaela aus dem Publikum der Ansicht ist. Stehende Ovationen sind der Lohn für diesen beeindruckenden Auftritt der Band.

Die nächste Band des Abends war mit ihrem Frontmann Chris Jones schon vor zehn Jahren in Bühl zu Gast. „The Night Drivers“ kommen aus Nashville und damit aus dem Herzen aller Country-Music. Der renommierte Gitarrist, Sänger, Songschreiber und Entertainer ist seit drei Jahrzehnten eine bekannte Größe in der amerikanischen Folk- und Bluegrass-Szene. Überzeugend nimmt sich die vierköpfige Gruppe Balladen wie das irisch angehauchte „Leaving Of Liverpool“ vor. So richtig begeistern können aber „The Night Drivers“ nicht unbedingt, da ist nach dem fulminanten Gig der Esten noch viel Luft nach oben

Die Band „Balsam Range“ aus North Carolina feierte ihre Konzertpremiere in Europa. | Foto: Barth

Ein musikalisches Feuerwerk

Die wird erreicht durch den Top-Act des Festivals: Fünf gestandene Herren in Anzug und Krawatte entern die Bühne. „Balsam Range“ aus North Carolina ist zum ersten Mal überhaupt in Europa zu hören, und dies zum Start ihrer Tournee gleich in Bühl.
„Mountain Voodoo“ nennt sich ihr aktuelles Album. Und der Name ist in zweifacher Hinsicht Programm. Denn zum einen ist der Bühler Auftritt Balsam für die Seele, zum anderen Trance-stiftend wie die im CD-Titel erwähnte Religion. Die fünf Musiker verwandeln das Bürgerhaus in eine Hölle teuflischer Noten und solistischer Parforceritte, sodass man kaum nach kommt, die Spur zu halten. Das bei den Voodoo-Anhängern beliebte Stimulierungsmittel Rum benötigt es hier nicht, um in Taumel zu verfallen. Denn allesamt sind sie vorzügliche Instrumentalisten, gerade das Zwiegespräch zwischen Bass und Gitarre swingt höllisch – auch Django Reinhardt hätte seine schiere Freude daran gehabt.
Bei „The Last Train To Kitty Hawk“ geht förmlich die Post ab – oder besser die Dampflok! Manche Songs erinnern im Stil auch an John Denver – aber vokal um Längen besser, denn die ausgefeilten mehrstimmigen Parts sind schwer zu toppen. Dass „Balsam Range“ unglaublich viel Spielfreude zeigt, macht die hoch virtuosen Soli noch mehr zum Vergnügen. Und weil sie Südstaatler sind, darf auch mal „Lynyrd Skynyrd“ von Ferne grüßen. Mit einem furiosen Rock ‘n’ Roll fetzen sie vor der Zugabe von der Bühne. Auf der es danach mal ganz schön eng zugehen kann, denn beim Finale treten alle Bands gemeinsam auf, um mit einem Bill-Monroe-Instrumental und dem Klassiker „Will The Circle Be Unbroken“ das Publikum zu verabschieden. Dann war Mitternacht gerade vorbei. Udo Barth