Anschauliche Statistiken und Grafiken: Der Bezirksleiter des Forstbezirks Bühl, Clemens Erbacher, erläutert Landrat Toni Huber die Entwicklung des Borkenkäfer-Befalls. | Foto: Lienhard

2019 ein geringerer Befall

Bühl entzieht sich dem Borkenkäfer-Trend

Anzeige

Der Borkenkäfer macht den Forstbetrieben im Land schwer zu schaffen. Die Menge des Käferholzes ist 2019 im Vergleich zum Vorjahr drastisch gestiegen. Anders im Bühler Stadtwald: Hier ist es etwas weniger geworden. Im Bergwald informierten die Forstbereichsleitung und der städtische Forstbetrieb über die Entwicklung.

Houston, wir haben ein Problem: Der legendäre Satz aus der Raumfahrtgeschichte kam Clemens Erbacher in den Sinn, als er Grafiken und Schaubilder zur Ausbreitung des Borkenkäfers betrachtete. Der Bezirksleiter des Forstbezirks Bühl nutzte bei einer Exkursion in den Bühler Stadtwald eine Analogie, um Landrat Toni Huber die Gefahr zu verdeutlichen: „Landkreis Rastatt, wir haben ein Problem.“

Existenzielle Bedrohung

Am Zimmerplatz im Distrikt Neusatzer Windeck, kurz unterhalb von Unterstmatt, machte Erbacher die Größenordnung deutlich. In Baden-Württemberg hatten in den vergangenen beiden Jahren Insekten einen Schadholzanfall von rund 4,2 Millionen Festmetern verursacht, wobei es von 2018 auf 2019 noch mal einen drastischen Anstieg gab. Im Landkreis Rastatt lagen die Zahlen insgesamt bei 44.000 Festmetern, im Bühler Stadtwald bei 4.400. Erbacher spricht von einer existenziellen Bedrohung mit offenem Ausgang: „Wir haben Bauchweh, weil wir nicht wissen, sind wir am Anfang oder mittendrin, jedenfalls am wenigsten am Ende.“
Wenn Schadholz anfällt, folgt der Borkenkäfer auf dem Fuße. Nach dem Orkan Lothar tobte sich der Buchdrucker, die für den Forst gefährlichste Borkenkäfer-Art, erstmals aus. Nach einer Beruhigung begann das Elend 2018 aufs Neue.

Nord-Süd-Gefälle im Land

Dass im Land ein Nord-Süd-Gefälle herrscht, der Landkreis Rastatt im Vergleich zum Südschwarzwald noch gut dasteht, ist für Erbacher und sein Team ein nur schwacher Trost. Denn zurücklehnen kann man sich auch hier nicht, ganz im Gegenteil: „Wir wollen alles unternehmen, um gegenzusteuern.“ Im Bühler Stadtwald scheint das auch zu gelingen: Hier hat sich die Entwicklung dem allgemeinen Trend entzogen: 2019 ist der Umfang des Käferholzes gegenüber dem Vorjahr leicht zurückgegangen. Das gelte ebenso für die Nachbarreviere von Bühlertal und Ottersweier. „Es gibt auch gute Nachrichten“, freute sich Toni Huber.

2020 droht eine dritte Generation

Wenn’s stürmt und Bäume fallen, wissen die Forstleute schon, welche Konsequenzen das haben kann: Dem Schadholz folgt der Käfer auf dem Fuße. Es bietet dem Borkenkäfer gute Bedingungen, um von dort auf gesunde Bäume überzugreifen. Wäre es „nur“ der Borkenkäfer, hätten die Forstleute weit weniger Sorgen, doch im Zusammenspiel mit vielen anderen Faktoren ergibt sich ein gewaltiges Schadenspotenzial. 2018 war es dem Borkenkäfer wie schon 2003 gelungen, in einem Jahr drei Generationen auszubilden; und angesichts des extrem frühen Flugs könnte das nun wieder drohen. Was das bedeutet, machte Kilian Kist, Trainee im Forstbezirk, mit einigen wenigen Zahlen deutlich: In der ersten Generation kommen auf ein Weibchen 60 Larven, in der zweiten 1.800 und in der dritten sind es 54.000. Dazu kommt die ausgeklügelte Kommunikation des Buchdruckers, der mit einem speziellen Pheromon seinen Artgenossen signalisiert, dass er einen bereits geschwächten Baum „erobert“ hat. Folgen seinem Ruf 200 bis 400 weitere Buchdrucker, ist das der Tod des Baums. Dazu hat der Borkenkäfer „Trojaner“ im Gepäck, wie Clemens Erbacher anfügte: „Er bringt Pilzsporen mit, die dem Baum den Rest geben. Das ist eine konzertierte Aktion.“

Kilian Kist präsentiert den Buchdrucker. Foto: Lienhard

Gegenwehr mit vereinten Kräften

Vereinte Kräfte kann auch der Forstbezirk Bühl aufbieten. Dass er sich im vergangenen Jahr vom Borkenkäfer-Trend abkoppeln konnte, hat für Erbacher mehrere Gründe. Er nennt das integrierte Borkenkäfermanagement, eine permanente gute Kontrolle und ein gutes Forstteam.
Auch technische Hilfsmittel werden eingesetzt: Seit dem vergangenen Jahr steht eine Borkenkäfer-App zur Verfügung, in der der Befall baumgenau vermerkt werden kann. Zu diesem Monitoring kommt der wöchentliche Borkenkäfer-Newsletter der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt, der wichtige Hinweise liefere.

Weitere Anstrengungen nötig

Aber auch wenn der Schadholzanfall durch den Borkenkäfer im Bühler Stadtwald 2019 etwas zurückgegangen ist, sehen  Erbacher und der Bühler Forstbetriebsleiter Martin Damm keinen Grund zur Entwarnung. Ganz im Gegenteil seien weitere Anstrengungen nötig. Ein wesentlicher Punkt ist es dabei, befallenes Holz möglichst schnell aus dem Wald zu bekommen, damit dem Borkenkäfer die Grundlage für sein Wüten entzogen wird. Doch auch wenn dies gelingt, hat der Borkenkäfer erhebliche Auswirkungen, nicht zuletzt finanzieller Art. Damm rechnet für dieses Jahr mit einer glatten Halbierung der auf eine Million Euro kalkulierten Erlöse durch den Holzverkauf. Landrat Toni Huber weiß um diese Entwicklung. 2018, als der Borkenkäfer wieder in großem Umfang ausschwärmte, seien die Holzpreise noch vernünftig gewesen. Das in hoher Anzahl anfallende Schadholz habe sie dann 2019 in den Keller geschickt. Zwar profitiere man im mittelbadischen Höhengebiet vom Mischwald, der dem Borkenkäfer den Tisch nicht ganz so gut deckt, wie andernorts, „aber wir sind auch vom Holzmarkt abhängig“, sagte Huber.

Hoffnung auf politische Unterstützung

Bei stagnierenden oder fallenden Holzpreisen wird es laut Damm zunehmend schwieriger, einen möglichst hohen Deckungsgrad zu erzielen: „Wir brauchen politische Unterstützung“, appellierte an den Landrat. Der sagte diese zu, verwies aber auch auf die notwendigen Hilfen von Bund und Land. Huber erinnerte auch daran, dass der Borkenkäfer nicht das einzige Problem im Forst sei und nannte als Beispiele das Eschentriebssterben und Klimawandel. Und auch die Corona-Pandemie wirke sich aus, berichtete Damm. Nicht wenige Betriebe seien in Not. Die hiesigen Sägewerke hätten ihren Hauptabsatzmarkt in Frankreich. Dieser Absatzmarkt war aber zuletzt verschlossen, was dazu führte, dass die Forstbetriebe kein Holz einschlagen konnten, weil die Sägewerke es nicht abnahmen.