Beim „Ringkampf“ um den Bühlertäler Rathausschlüssel hatte Bürgermeister Hans-Peter Braun (mit gelber Warnweste) gegen Pit Bäuerle (rechts) und dessen Gefolge auch in diesem Jahr keine Chance. | Foto: König

Sturm auf die Rathäuser

Bühl und Umland ganz in Narrenhand

Die Narren sind an der Macht. Mit vereinten Kräften eroberten die Fastnachter am Schmutzigen Donnerstag die Rathäuser der Region. Der Bühlertaler Bürgermeister Hans-Peter Braun wurde bis zur Hexenverbrennung in Zwangsurlaub geschickt und schien sich auf die Machtübernahme durch das bunte Volk geradezu zu freuen. „Die Kasse ist bis obenhin gefüllt, sie quillt fast über, der Schlüssel liegt parat“, rief er den „Eindringlingen“ im Rathaus sogleich zu, und beim Kampf um den Rathausschlüssel rief Pit Bäuerle als Anführer der feindlichen Übermacht (sprich als Präsident der Fastnachtsvereinigung Bühlertal) überrascht: „Ja, in welche Richtung zieht ihr denn eigentlich?“ Einige Narren hatten wohl im Eifer des Gefechts versehentlich dem Bürgermeister bei der Verteidigung geholfen. Doch natürlich machte Bäuerle letztlich das Rennen, streckte den Schlüssel siegesgewiss in die Höhe und wurde von den Untertanen bejubelt.

Ein historisches Ereignis

Braun, dem Schicksal (sichtlich vergnügt) ergeben, lud zum Umtrunk zwischen Konfetti und Luftballons und sprach von einem „historischen Ereignis“: Zum letzten Mal, betonte er, werde das alte Rathaus gestürmt, „im März und April beginnt der Umbau, und nächstes Jahr sind diese Räumlichkeiten vermutlich gesperrt“. Es sei schön, Vertreter fast aller Zünfte im Rathaus begrüßen zu dürfen, kommentierte er die farbenfrohe Mischung etwa aus Hexen, Gnomen, Teufeln und Narren der Bergstaaten  („Die Trolle und ein paar andere hemma wohl verlore“, kam es aus den Reihen der Gäste).

Enthusiastisch äußerte sich der Schultes auch über die am Samstag bevorstehende Ankunft der Gäste aus der Bühlertäler Partnergemeinde Faverges: „Die Delegation läuft sogar beim Rosenmontagsumzug mit.“ Bäuerle darauf: „Und was ist mit den Gemeinderäten? Wie wäre das mal für 2018, mit eigenem Motivwagen?“ Der „neue“ Chef des Hauses verlieh Braun und dessen Ehefrau Elke den Orden der Fastnachtsvereinigung. (kkö)

Die Bühlertäler Fastnachter freuen sich über eine  Besonderheit der  aktuellen Kampagne: Die Narren der Bergstaaten feiern ihren 44. Geburtstag, die Schwarzwaldhexen den 33. und die Kellergnome den 22. Geburtstag. Letztere planen ihre große Jubiläumsveranstaltung indes erst für den 7. Oktober. Besiegelt wurde das dreifache närrische Jubiläum mit insgesamt mindestens drei dreifachen, trotz allseits durchwachter Nacht erstaunlich kräftigen Narri-Narro-Rufen.

Neusatzer Ortsvorsteher verputzt das Rathaus

Hurzle, Schellenteufel und Immensteinhexen entmachteten in Neusatz mit vereinten Kräften  Ortvorsteher Wolfgang Bohnert. Ruckzuck hatten die Narren den Lump in Ketten gelegt und lasen ihm die Leviten: Erstens war er zu spät gekommen zum Entmachtungstermin, zweitens ist er bei den geschmälerten Öffnungszeiten des Rathauses viel zu selten zu sprechen, drittens bröckelt die Rathausfassade gewaltig und die Schlaglöcher in der Schwarzwaldstraße sind abgrundtief. Viertens haben die Narren kein Geld mehr, weil die Sparkasse weggezogen ist, fünftens sind die verlegten Gasleitungen nicht angeschlossen, sechstens ist die Verkehrsberuhigung gescheitert,  und siebtens sieht der Friedhof schändlich aus.

Rathausschlüssel gerne abgegeben

Mit vereinten Kräften stellen die Neusatzer Fastnachter den Narrenbaum.
Mit vereinten Kräften stellen die Neusatzer Fastnachter den Narrenbaum. | Foto: Hirsch

In allen Dingen mangelnden Tatendrang warfen die Narren dem Ortsvorsteher vor. Dieser wurde unter viele Gegröle dazu verknackt, das Rathaus selbst zu verputzen. Bohnert bewies dabei Talent und schwang gekonnt die Maurer-Kelle. Den Narren offenbarte er: Gerne habe er den Rathausschlüssel abgegeben. Die anstehenden Termine gab er gleich an die Narren weiter. So sei US-Präsident Donald Trump auf dem Weg ins Neusatzer Tal, um die Grenzen nach Bühlertal und Lauf neu zu stecken und durch Mauerbau zu sichern. Arbeit gibt’s genug für die Neusatzer Narren, ob sie alles richten können, wird sich bis Aschermittwoch zeigen. Zumindest der Narrenbaum steht in der Ortsmitte, gemeinsam von Hand aufgestellt durch Schellenteufel, Immensteinhexen und Hurzle. Die Kids aller drei Zünfte zeigten zum Narrenbaumstellen und zur Entmachtung des Ortsvorstehers einen fetzigen Showtanz. Bei den Schwarzen Krabben der CDU ließen sich die Narren anschließend bewirten mit heißen Würstchen und Glühwein. (dh)

Wir können auch lässig

„Jogginghose – wir können auch lässig“ hieß das Motto, unter dem die Belegschaft des Rathauses in Lichtenau mit Bürgermeister Christian Greilach an der Spitze am Schmutzigen Donnerstag auf die Narren wartete. Während noch auf dem Rathausplatz Süßigkeiten, Kinderbowle und Wecken für die närrische Jugend gerichtet wurden, stürmten schon die Kindergartennarren zum Stadtoberhaupt vor. Unter dem Beifall der Lichtenauer Ziegeböck, der Scherzemer Narren, der Wildsaue vom Schollebunker, der Acherdämonen und der Eiskellertrolle wurde dem Bürgermeister von ganz mutigen Kleinstnarren die Krawatte abgeschnitten. Danach wurde der krawattenlose Bürgermeister unter dem Jubel der närrischen Gesellschaft nach draußen geschleppt, wo er auf den Rathausstaffeln seinen neuen silbernen Schlüssel mit Lichtenauer Stadtwappen an die Scherzemer Narren abgeben musste. Zunftmeister Björn Boschert von den Scherzemer Narren las dem Stadtoberhaupt die Leviten: „Mit närrischem Verstand henn mir hitt die Politik in de Hand,“ verkündete er und versprach seinem närrischen Volk: „Alle verrückte Vereinsvorschläg wird von de Narren stattgegeben!“
Dann wurden gemeinsam der Narrenbaum aufgestellt und die Machtübernahme zünftig gefeiert. Die Kindergartenkinder forderten die ganze Narrengemeinde zum wilden Tanz auf. Die Schulchor und die Bläserklassen der Grundschule unterhielten mit ihren Beiträgen die Narrenschar. Zum guten Schluss gab es, von den Wildsaue organisiert, ein lustiges Schlagerraten. Da der Bürgermeister verlor, musste er in einen weißen Maleranzug steigen und wurde von großen und kleinen Narren bunt angemalt. (asc)

 

Den großen Rathausschlüssel musste der Lichtenauer Bürgermeister Christian Greilach abgeben.
Den großen Rathausschlüssel musste der Lichtenauer Bürgermeister Christian Greilach abgeben. | Foto: Liedtke

Rotlicht-Tempel am Ottersweierer Ortseingang

Unter Führung des Zunftrates der Leimewängscht stürmte die Narrenzunft mit ihren verschmitzt lächelnden Holzmasken, den wilden Schierehexen und den Notequetscher-Guggis das Ottersweierer Rathaus. „Stehn uff Ihr Litt, ’s isch Zit, d’Fasenacht fongt o, Narri-Narro“– schon in der Früh des Schmutzigen Durschtig um 5.30 Uhr weckten die Hemdglunker nach alter, über 200-jähriger Tradition zum Morgengeläut und sammelten im Rundgang über Lebenshilfe, Kindergarten und Schule  (hier verhafteten sie die Lehrer am langen Strick und gaben den Schülern für den Rest des Tages schulfrei)  die Narren ein und bliesen zum Sturm aufs Rathaus. Oberzunftmeister Wolfgang Dinger forderte von Bürgermeister Jürgen Pfetzer den Rathausschlüssel und die Schatzkiste, Sitzungspräsident Linus Maier verlas die Forderungen der närrischen Gemeinde.

Viel geschwätzt, nichts entschieden

„Der Bürgermeister hat seit dem letzten Jahr viel geschwätzt, nichts entschieden und so gut wie nichts richtig umgesetzt“, wetterte Maier, „statt einem Narrenbrunnen entstand ein Karl-Ferdinand-Langanki Denkmal bekannt als Rotlicht-Tempel am Ortseingang.“ Man habe leider feststellen müssen, dass die Narrenanträge in den städtischen Computern im Sleep-Modus verschwunden seien. „Wache uff, so geht’s net“, mahnte der Zunftrat, lästerte über das weiße luxuriöse Papa-Pfetzer-Mobil, das so gar nichts mit den E-Mobil-Hustengutsel der Gemeinderäte Höss und Burkart gemein habe, und auch über die nachlassende Gehirntätigkeit des Schultes – habe Pfetzer doch sogar beim Besuch der Partnergemeinde Westerlo den Hotelschüssel im Bus zurückgelassen. Der Zunftrat forderte nicht nur, dass „die Hatzewierer Rüttel- und Schüttelstrecke nur noch im Schneckentempo befahren werden darf“, sondern auch die Wiedereinrichtung von Grenzposten an der Gemarkungsgrenze Unzhurst – Otterschwier und Visumspflicht. Unter lautem Jubel der Narren erklärte Maier den Bürgermeister und den Gemeinderat bis Aschermittwoch für verhandlungs- und beschlussunfähig,  und Pfetzer musste die Forderungen, die ihm der neue Büttel Manfred Kist unter die Nase rieb, unterschreiben.

Der Übermacht der Otterswierer Leimewängscht musste sich Bürgermeister Jürgen Pfetzer geschlagen geben.
Der Übermacht der Otterschwierer Leimewängscht musste sich Bürgermeister Jürgen Pfetzer geschlagen geben. | Foto: Christeleit

Dabei zeigten weder Bürgermeister Jürgen Pfetzer noch seine Bediensteten viel Gegenwehr. Rasch war Pfetzer daher mit dem Dreschflegel gefangen und Schlüssel und Stadtkasse wechselten symbolisch den Besitzer. „Ich freue mich jedes Jahr auf den Schmutzigen Donnerstag, die Last des Amtes los zu sein, auch wenn es nur wenige Tage sind“, schmunzelte der Schultes, betonte aber, dass die Forderungen von letztem Jahr erfüllt worden seien. „Die Planungsprozesse ziehen sich nur in die Länge“, bedauerte er und zauberte statt des üblichen Finanzlochs in der Stadtkasse Kaffee Harmonie, ein sanftes Ruhekissen und den Zunftratsmuntermacher Ramazotti aus der Versenkung.  Nach dem Sturm herrschte wieder Friede und Freude auf dem Beamtenschiff und gemeinsam feierten Politiker und Narren im Einklang fröhlich im Gemeindezentrum bei der Narrenspeisung weiter, bevor sich am Nachmittag der Kinderumzug durchs Dorf anschloss und Abends beim Hexensprung die Post abging. (kec)

Schultes läuft ins gegnerische Lager über

Widerstand war zwecklos, lautete auch die Parole  in Sinzheim  Die vereinte Narrenschar ließ sich nicht lange aufhalten und entriss Sinzheims Bürgermeister Erik Ernst den Rathausschlüssel. Nun regiert auch in Sinzheim die Fastnacht.  Im Bürgersaal des Rathauses wurde zuerst  die Machtübernahme gefeiert, bevor es dann in die Fremersberghalle ging, wo musikalische Party-Unterhaltung für die Schar der Fastnachter angesagt war. Hier ließen die Besucher noch lange die Fastnacht hochleben.

Ritt auf dem Hexenbesen: der Sinzheimer Bürgermeister Erik Ernst.
Ritt auf dem Hexenbesen: der Sinzheimer Bürgermeister Erik Ernst. | Foto: Huck

Vor der Schlüsselübergabe hatte sich das närrische Volk mit den Abordnungen der Fastnachtsvereine im und vor dem Rathaus getroffen, um sich für den Rathaussturm zu rüsten. Im Bürgersaal hatte die Rathaus-Mannschaft vorsorglich alles für die Ankunft der Fastnachter vorbereitet. Zusätzlich sorgte der Musikverein für passende stimmungsvolle Töne. Sogar Bürgermeister Erik Ernst hatte sich bereits närrisch kostümiert, um schnell in das gegnerische Lager überlaufen zu können.  Er verkündete allerdings, dass der im Vorjahr von den Narren erbeutete Schlüssel nicht mehr passe und deshalb nun ein neuer Schlüssel benötigt werde. Das ließ sich die Narrenschaft nicht zweimal sagen. Im Nu wurde dem Rathauschef der aktuelle Schlüssel entrissen.  Als Trost für den Bürgermeister wurde diesem eine Mitfahrgelegenheit zur Fremersberghalle auf dem Hexenbesen gewährt. Angeführt von Feuerwehr und Musikverein setzte sich die Schar in Bewegung und zog mit viel Getöse und Tamtam durch den Ort. (rock)

 

Die Krawatte ist ab: Rebland-Ortsvorsteher Ulrich Hildner.
Die Krawatte ist ab: Rebland-Ortsvorsteher Ulrich Hildner. | Foto: Huck

Nicht viel Federlesen machten die Fastnachter im Baden-Badener Rebland mit der Obrigkeit. Schon am Vormittag fiel das Neuweierer Rathaus in ihre Hand, am Abend folgte die Varnhalter Filiale der Ortsverwaltung. Gar nicht verteidigt wurde diesmal das Steinbacher Rathaus. Dort traf sich am Morgen bereits die Narrenschar zum Frühstück mit Rebland-Ortsvorsteher Ulrich Hildner, bevor dieser dann nach Neuweier eilte. Dort belagerten unter anderem Kinder und Eltern des Kindergartens, Hexen und Guggemusiker das Rathausgebäude. Mit Tänzen und Lieder stimmten sie sich auf die bevorstehende Erstürmung ein.

Ratzfatz sind die Krawatten ab

Unterstützt wurde der Ortsvorsteher durch seinen Stellvertreter Arno Klein. Aber sie hatten natürlich keine Chance, zu groß war die Übermacht.  Ratzfatz waren die beiden Krawatten abgeschnitten. Auch bei der Verteidigung des Schlüssels mussten sie sich geschlagen geben. Triumphierend zeigte die Narrenschar ihre Beute, feierte freudig die Regentschaft der Fastnacht und ließ sich aber dank der bereitgestellten Leckereien milde stimmen. Der Ortsvorsteher und sein Team ergaben sich in ihr Schicksal und mischten sich als Hemdglunkerle unter das närrische Volk. (rock)

Auch in Schwarzach übernahmen die Fastnachter die Macht.
Auch in Schwarzach übernahmen die Fastnachter die Macht. | Foto: Gangl

Eintracht herrscht im Hause Rheinmünster – zumindest wieder bis zum Aschermittwoch. Denn wenn sich die gesamte Narrenschar aus Greffern, Schwarzach, Söllingen und Stollhofen zusammenrottet, um den Amtssitz der Gemeinde zwischen Rhein und Schwarzwald zu stürmen, dann ist man sich einig. Mehr als 200 Fastnachter aus Rheinmünster waren bereit, alles dafür zu geben, um den Rathausschlüssel in ihre Gewalt zu bringen.  „Da zeigt sich, dass es bei uns gut funktioniert unter den Vereinen“, sagte Pascal Wörther, Oberzunftmeister der Grefferner Waldmännle, der zur 20. Rathausstürmung eingeladen hatte. Zum ersten Mal mit dabei waren die Dreiviertelsnarren Schwarzach mit ihrer Garde, ihrem Elferrat und dem diesjährigen Prinzenpaar, Lieblichkeit Judith I. mit Prinzgemahl Björn I.

Kanonenschläge in der Münstergemeinde

Bürgermeister Helmut Pautler war in diesem Jahr aus persönlichen Gründen verhindert, was die Narren sehr bedauerten, denn es ist im ganzen Land bekannt, dass er Spaß versteht und in den vergangenen Jahren so manchen Schabernack über sich ergehen ließ. So musste Ehefrau Sabine für den Rathauschef einspringen, die sich zur Unterstützung gleich Bürgermeister-Stellvertreter Dieter Brombacher zur Seite geholt hatte. „Wir müssen das Rathaus verteidigen“, rief er in die Menge, mächtig ausgestattet wie ein Rocker. Doch schon war der erste Kanonenschlag zu hören und der Schlachtruf von Dreiviertelsnarren Schwarzach, Grefferner Waldmännle, Hohlerwald-Dämonen, Narrenclub Greffern, Rhingschnooge-Hexen Greffern, Schwarzacher Klosterteufel, Sellinger Pold(t)ergeister, Stollhofener Rhingdaifel, Stollhofener Altrheindämone und den Stroßekrachern Schwarzach hallte durch die ganze Münstergemeinde.

Um nicht ganz ungeschoren davon zu kommen, mussten Sabine Pautler, Dieter Brombacher und Lisa Fichtner vom Rechnungsamt ihr Geschick beim Einfädeln, Fahrradfahren und Limbo-Tanz unter Beweis stellen. „De Helmut hat des auch schon g’macht“, hörte man manche sagen, doch auch die Gemahlin erwies sich als gelenkig. Alle gute Taten halfen jedoch nicht – den Kampf gegen die Meute um den Rathausschlüssel verloren sie. „Die nächsten Jahre gehört das Rathaus uns Narren“, frotzelte das Grefferner Waldmännle. (ar)

 

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