Das Mansarddach über dem ältesten Profangebäude Steinbachs ist verschwunden. Das barocke Wohnhaus Steinbacher Straße 49 wurde nach ungenehmigten Zerstörungen aus der Denkmalliste gestrichen. | Foto: Ulrich Coenen

In Baden-Baden-Steinbach

Bußgeld nach Vandalismus an Baudenkmälern

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Es ist ein echter Denkmalskandal. Das baden-württembergische Landesamt für Denkmalpflege musste zwei denkmalgeschützte Häuser in der unmittelbaren Nachbarschaft des Rathauses im Baden-Badener Stadtteil Steinbach aus der Denkmalliste streichen. Anlass sind nicht genehmigte Umbauten an den barocken Häusern aus dem 17. und 18. Jahrhundert (Steinbacher Straße 49 und 53). Der Dachstuhl des Hauses 49 wurde abgerissen. Es handelt sich dabei um das einzige Mansarddach im Städtl. Auch im Inneren gab es gewaltige Eingriffe. Zwischendecken wurden nach Informationen dieser Zeitung entfernt. Die Stadt will nun ein Bußgeld verhängen, das bis zu 250 000 Euro hoch sein kann.

Aus Denkmalliste gestrichen

„Die beiden betreffenden Objekte stellen mittlerweile keine Kulturdenkmale mehr dar“, erklärt Désirée Bodesheim, Pressereferentin des Regierungspräsidiums Stuttgart, zu dem das Landesamt für Denkmalpflege seit der letzten Reform gehört. „Dies wurde hervorgerufen durch die abweichend von den Abstimmungen beziehungsweise Auflagen der denkmalrechtlichen Genehmigung ausgeführten Maßnahmen, was zu einem sehr hohen Verlust an durchaus instandsetzungsfähiger historischer Substanz führte. Die erhaltene beziehungsweise einbezogene Originalsubstanz liegt leider unter 50 Prozent, weshalb die Denkmaleigenschaft nicht mehr aufrechterhalten werden konnte. Das Landesamt für Denkmalpflege bedauert diese Entwicklung, obwohl es im Vorfeld intensive Abstimmungen und Ortstermine mit den Denkmalbehörden gab und die historische Bausubstanz denkmalgerecht saniert hätte werden können.“

Blick auf die Baustelle mit der Schreinerei im rückwärtigen Bereich. | Foto: Ulrich Coenen

Bereits drei Investoren

Das hübsche Ensemble nordöstlich des Steinbacher Rathauses besteht aus drei Altbauten, von denen zwei bis vor kurzem unter Denkmalschutz standen. Im Laufe des vergangenen Jahrzehnts haben sich insgesamt drei Investoren an der Sanierung dieser Gebäude versucht. Das erste Konzept eines Gaggenauer Investors hat diese Zeitung in ihrer Ausgabe vom 27. März 2010 vorgestellt. Die damals bereits seit Jahren leer stehenden Häuser und eine nicht denkmalgeschützte Schreinerwerkstatt an der Rückseite des Hauses Nr. 49 sollten zu acht Eigentumswohnungen und einem Ladenlokal umgebaut werden. Nachdem 2013 noch kein einziger Kaufvertrag unterschrieben war, trennte sich der Investor von den Immobilien.
Die Bausubstanz litt unterdessen. Im Sommer 2013 fiel dem zuständigen Gebietsreferenten der Landesdenkmalpflege auf, dass am Gebäude Steinbacher Straße 49 Dachziegel abgerutscht waren. Notsicherungsmaßnahmen wurden veranlasst.

Teure Wohnungen

Seit 2014 bemühte sich der zweite Investor um die drei Altbauten im Herzen des Städtl. Er übernahm das Konzept seines Vorgängers mit der Aufteilung der drei Häuser in nunmehr neun Wohnungen mit Flächen zwischen 156 und 74 Quadratmetern und Preisen zwischen 528 669 und 249 906 Euro. Auch dieser Bauherr hatte bei der Vermarktung der Wohnungen keinen Erfolg. „Ich habe mir das nicht so schwierig vorgestellt“, erklärte ein Sprecher der Gesellschaft am 24. April 2015 auf Anfrage dieser Zeitung.

Skeptische Experten

Die Pläne, die drei Häuser in ein knappes Dutzend Wohnungen aufzuteilen, hielten Experten bereits damals für nicht erfolgversprechend. Stadtkonservatorin Nicole Schreiber von der Stadt Baden-Baden sah das im Gespräch mit dieser Zeitung am 25. April 2015 ähnlich. „Drei Einfamilienhäuser würden Sinn machen“, meinte sie.

Die Freitreppe und das Portal in der Mittelachse sind beim Haus Steinbacher Straße 53 verschwunden. | Foto: Ulrich Coenen

Steuervorteile nur bei Denkmalschutz

Der dritte in Karlsruhe ansässige Investor hat die Sanierung ab dem Spätjahr 2015 zunächst relativ zügig vorangetrieben. Auf seiner Homepage berichtet ein Karlsruher Makler, dass die zehn Wohnungen bereits alle verkauft seien. Außerdem wird mit der besonderen steuerlichen Förderung für die Sanierung von Kulturdenkmälern geworben. Die ist nach Informationen dieser Zeitung für die Käufer nach dem Verlust der Denkmaleigenschaft allerdings passé. Telefonisch war der Makler nicht erreichbar. Eine Anfrage per Mail blieb unbeantwortet.

Bürgermeister Uhlig ist verärgert

Baden-Badens Bau-Bürgermeister Alexander Uhlig nennt den Denkmalfrevel in Steinbach ein „Unding“ und „absolut bedauerlich“. Zur Höhe des Bußgeldes wollte er zum jetzigen Zeitpunkt des Verfahrens keine Angaben machen. Der Bauherr habe sich nicht an die Festsetzungen der Baugenehmigung gehalten. „Deshalb haben wir die Baustelle eingestellt“, berichtete Uhlig. Der Investor musste einen neuen Bauantrag stellen, der inzwischen genehmigt wurde. Ob zumindest die für das Stadtbild wichtige äußere Hülle der Häuser wieder hergestellt wird, konnte Alexander Uhlig nicht sagen. Die Baufreigabe für das Projekt wurde nach Auskunft der städtischen Pressestelle bisher noch nicht erteilt.

Veränderungssperre

Der Steinbacher Stadt- und Ortschaftsrat Günter Seifermann (Grüne) hat am Mittwoch bei der Stadtverwaltung einen Antrag auf Veränderungssperre gestellt.

 

Vergangene Schönheit: So sah das Haus Steinbacher Straße 49 aus dem späten 17. Jahrhundert vor den Abbrucharbeiten aus. Das Foto entstand 2010. | Foto: Ulrich Coenen

Martin Wenz: „Einfach nur wach geküsst“

„Das Städtl gehört einfach nur wach geküsst!“ Dies betonte Oberkonservator Martin Wenz, der für das Landesamt für Denkmalpflege Baden-Baden betreut, bereits am 26. Februar 2011 im Interview mit dieser Zeitung. „Es müsste vielmehr deutlich gemacht werden, was für ein Kleinod das Städtl ist. Für die mittelbadische Landschaft, in der 1689 durch französische Truppen fast alles zerstört wurde, stellt das Städtl, in dem inklusive Stadtmauer noch alles vorhanden ist, eine Besonderheit dar.“ Vor diesem Hintergrund sprach der promovierte Kunsthistoriker und Architekt sogar von einem „Mini-Rothenburg“

Das Haus Steinbacher Straße 53 vor Beginn der Bauarbeiten im Jahr 2010. Freitreppe und Portal mit dem Ladenlokal sind noch vorhanden. | Foto: Ulrich Coenen

Ortsbegehung mit Denkmalpfleger

Bei einer Begehung mit dem Ortschaftsrat Rebland im Juli 2011 forderte der Denkmalpfleger im Hinblick auf die beiden denkmalgeschützten Häuser Steinbacher Straße 49 und 53 ausdrücklich: „Es ist sehr wichtig, dass die beiden Gebäude nicht abgerissen werden. Das wäre für das Stadtbild eine Katastrophe.“
Was macht Steinbach besonders? Die ummauerte Altstadt hat eine Fläche von rund eineinhalb Hektar und die Grundriss-Gestalt eines Quadrats. Die gotische Stadtmauer, die in großen Teilen erhalten ist, entstand nach der Stadterhebung 1258 vermutlich im 13. Jahrhundert. Sie gehört zu den am besten erhaltenen in Baden. Steinbach hatte zwei Stadttore. Das Bühler Tor erhob sich beim heutigen Rebland-Museum und das Badener Tor am oberen Ende der Steinbacher Straße. 1810 wurden beide Tore, die militärisch längst keine Funktion mehr hatte, abgerissen. Sie standen der weiteren städtebaulichen Entwicklung im Weg.
Der mittelalterliche Stadtgrundriss inmitten der Mauern ist weitgehend erhalten. Er besteht im Wesentlichen aus der nach Norden ansteigenden Steinbacher Straße, die zwischen den beiden nicht erhaltenen Stadttoren vermittelte. Von der Steinbacher Straße ist über zwei kurze Gassen die hoch gelegene Terrasse des Kirchplatzes am Ostrand des Städtl erreichbar.

Wiederaufbau nach Zerstörungen 1689

Die meisten Gebäude in der Altstadt entstanden nach den Zerstörungen durch französischen Truppen im Jahr 1689. Diesem Krieg fielen damals viele Städte in Mittelbaden zum Opfer. Über den beiden Eingängen des barocken Wohn- und Geschäftshauses Nr. 49 sind zwei Jahreszahlen eingelassen: 1698 und 1723. Die erste Jahreszahl lässt darauf schließen, dass es sich um einen der ersten Neubauten nach den katastrophalen Zerstörungen gehandelt hat.

Pfarrkirche auf einem Hügel

Die katholische Pfarrkirche St. Jakobus steht auf einem Hügel. Der Chor ist der letzte erhaltene Teil des spätgotischen Gotteshauses, das 1463 als dritte Kirche an dieser Stelle entstand. Nach Zerstörungen 1643 und 1689 wurden das mittelalterliche Langhaus und der Turm im frühen 18. Jahrhundert in einfachen barocken Formen erneuert. Das dreischiffige neugotische Langhaus mit viergeschossigem Westturm entstand 1906/07 nach einem Entwurf von Johannes Schroth, dem Leiter des Erzbischöflichen Bauamtes in Karlsruhe.

Ackerbürger und Weinbauern

Innerhalb der Stadtmauern lebten Ackerbürger, außerhalb siedelten sich entlang des Bachs Weinbauern an, deren giebelständige Häuser zum Teil erhalten sind. Im Nordwesten des Städtl wurde im 19. Jahrhundert eine Essigfabrik erbaut. Dort standen bis zu diesem Zeitpunkt Scheunen. Im Grunde war dieses Gelände direkt an der Stadtmauer immer das wirtschaftliche Herz der Ackerbürgerstadt.

Zentrum der Essig- und Senfherstellung

Nun entwickelte sich dort ein kleines Zentrum der Essig- und Senfherstellung im Land Baden. Von den Fabrikgebäuden ist so gut wie nichts mehr erhalten. Einige Nebengebäude wurden in den 1990er-Jahren zu Wohnzwecken umgenutzt. Dabei blieb aber nur das Untergeschoss mehr oder weniger unverändert erhalten. Dort, wo sich die Fabrikgebäude befanden, entstand der Bürgergarten. Um den Bürgergarten entstanden einige Neubauten, die alten Bauwerken nachempfunden wurden.

Das frei gelegte Fachwerk des Hauses Steinbacher Straße 49 im Jahr 2010. Angeblich wurde auch im Inneren wesentliche Bausubstanz zerstört. | Foto: Ulrich Coenen

Kommentar zum Thema

Es ist ein unfassbares Trauerspiel. Die Baden-Badener Kernstadt bemüht sich durchaus erfolgversprechend gemeinsam mit anderen großen europäischen Kurstädten des 19. Jahrhunderts um die Aufnahme ins Weltkulturerbe und im Stadtteil Steinbach räumt ein Bagger rücksichtlos die wichtigsten Teile des ältesten Profangebäudes der Stadt ab. Für diesen Frevel trägt natürlich nicht die Kommune als Untere Denkmalschutzbehörde die Verantwortung, sondern der Investor. Dennoch muss man sich im Baden-Badener Rathaus den Vorwurf gefallen lassen, dass man sich für den Stadtteil Steinbach, der immerhin seit 1258 Stadtrechte besitzt, nicht wirklich interessiert.
Oberkonservator Martin Wenz hat bereits am 26. Februar 2011 im BNN-Interview eine Gesamtanlagen-Schutzsatzung entsprechend Paragraf 19 des baden-württembergischen Denkmalschutzgesetzes ins Gespräch gebracht. Für die Kernstadt gibt es sie seit 2007. Aus der Steinbacher Satzung wurde bekanntlich nichts. Um das einmalige Bild des Städtls zu erhalten, sollte man in Baden-Baden als kleine Lösung aber über eine kommunale Erhaltungssatzung nachdenken, wie sie die Nachbarstadt Bühl 2014 für die Eisenbahnstraße erlassen hat.
Außerdem sollte die Stadt mit ihrem „Mini-Rothenburg“ (Wenz) endlich offensiv werben. Die Baden-Baden Kur & Tourismus GmbH, die mehrsprachige thematische Führungen in der Kernstadt anbietet, sollte diese auf Steinbach ausweiten. Die Touristen kennen Steinbach nicht, weil sie niemand darauf hinweist. Die Kurstadt vergibt damit eine große Chance, gleich doppelt zu punkten.
Die Stadt München versteht bei Denkmalfrevel keinen Spaß. Sie verlangt aktuell, dass der „Baulöwe“, der widerrechtlich das Uhrmacherhäusl abgerissen hat, dieses aus den Trümmern originalgetreu rekonstruiert. Mit einem solchen Exempel will die bayrische Landeshauptstadt Denkmalfrevlern die Freude an ihrem unverantwortlichen Handeln verderben. Zumindest sollte die Stadt Baden-Baden mit dem höchstmöglichen Bußgeld reagieren, das immerhin eine Viertelmillion Euro betragen kann.
Aktuell kann die Kommune nur noch retten, was zu retten ist. Einer Veränderungsperre muss jetzt möglichst schnell eine Erhaltungssatzung für das gesamte Städtl folgen. Dazu müssen Stadtverwaltung und Gemeinderat an einem Strang ziehen. Was in Bühl möglich ist, sollte auch die „Weltkurstadt“ zu Wege bringen