Für die traditionsreiche Gastronomie in der „Alten Post“ in Bühl wird es unter dem neuen Eigentümer keine Zukunft geben. | Foto: Ulrich Coenen

Aus für Gastronomie

Denkmalgeschützte „Alte Post“ in Bühl steht zum Verkauf

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Das denkmalgeschützte Gasthaus „Alte Post“ in Bühl steht zum Verkauf. Es bildet den westlichen Abschluss der „Erhaltungssatzung westliche Eisenbahnstraße“ und ist damit für das Stadtbild von erheblicher Bedeutung.

Nach Tod der Wirtin geschlossen

Seit dem Tod der Wirtin im Sommer ist das Lokal geschlossen, der Erbe hat sich zum Verkauf entschlossen und einen Imobilienexperten als Berater eingeschaltet. Dieser berichtete gegenüber dieser Zeitung, dass die Verhandlungen mit einem Investor kurz vor dem Abschluss stehen. „Das ist so gut wie in trockenen Tüchern“ sagte er.

Mehrere Interessenten

Nach Auskunft des Beraters gab es gleich eine ganze Reihe von Interessenten mit unterschiedlichen Vorstellungen. „Der potenzielle Käufer hat ein gutes Konzept“, meinte der Immobilienfachmann. Wie dieses im Detail aussieht, wollte er zum jetzigen Zeitpunkt nicht verraten. Die Gastronomie in der „Alten Post“ bleibe allerdings nicht erhalten. Der Erbe berichtete, dass es auch Kaufinteressenten gegeben habe, die die traditionsreiche Gastronomie im früheren Bahnhofshotel Wenk fortsetzen wollten.

Denkmalgeschützt: Die Alte Post in der Eisenbahnstraße entstand im 19. Jahrhundert als Eisenbahnhotel Wenk. | Foto: Ulrich Coenen

OB betont Bedeutung des Denkmals

Oberbürgermeister Hubert Schnurr betonte gegenüber dieser Zeitung die Bedeutung, die die „Alte Post“ als Kulturdenkmal und Element der ersten und bislang einzigen Bühler Erhaltungssatzung hat. Er hätte sich im Hinblick auf den Bahnhof und den Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) in der unmittelbaren Nachbarschaft eine Fortsetzung der Gastronomie gewünscht. „Auch für die Bürger der Weststadt war die Alte Post eine gut und schnell erreichbare Gaststätte“, meinte Schnurr.

Stark sanierungsbedürftig

Der stark sanierungsbedürftige Zustand der „Alten Post“ lässt heute kaum noch erahnen, dass das Haus einst zu den ersten Adressen der Stadt gehörte. Es wurde 1869 als Bahnhofshotel Wenk erbaut. Vor eineinhalb Jahrhunderten galt es als schick, in der Nähe des Bahnhofs zu wohnen. Lärm und Abgase störten die fortschrittshungrigen Menschen nicht. Der Bahnhof galt als „Tor zur Welt“. So entstand die Eisenbahnstraße mit ihren Villen.

Architekt aus Baden-Baden

Die Entwürfe von Julius Knoderer vom Baden-Badener Büro Knoderer & Haunz für das Bahnhofshotel Wenk sind im Stadtgeschichtlichen Institut erhalten. Knoderer ist ein namhafter Architekt, der alleine und mit seinem Partner in Baden-Baden wichtige Villen realisierte, unter anderem die Villa Hohenbaden (1868/69). Dass ein angesehener Baden-Badener Architekt beauftragt wurde, unterstreicht den Anspruch des Bauherrn. Dabei handelt es sich um den Brauereibesitzer Hermann Wenk. Als das Bahnhofshotel entstand, war die westliche Eisenbahnstraße mit Ausnahme der Villa Walchner und des Kontorhauses der Firma Massenbach (heute Apotheke am Stadtgarten) noch unbebaut. Das Gebäude stand also frei in unmittelbarer Bahnhofsnähe. Diesen Ort hatte Hermann Wenk ganz bewusst gewählt. Er wollte von der modernen Form des industrialisierten Reisens profitieren. Damit orientierte sich Wenk an englischen Vorbildern. Im Mutterland der industriellen Revolution und der Eisenbahn waren Bahnhofshotels bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts üblich.

Vorbilder in England

Die in England errichteten „Eisenbahnhotels“ unterschieden sich in ihren Dimensionen und der Ausstattung erheblich von den schlichten Gasthäusern des 18. Jahrhunderts. Wegen der nur langsam fortschreitenden Industrialisierung lag der Hotelbau in den deutschen Großstädten weit hinter dem in Frankreich und England zurück.

Neue Bauaufgabe

Die Kurstädte und vor allem auch Baden-Baden haben bei der Ausprägung der neuen Bauaufgabe in Deutschland eine wichtige Rolle gespielt. Es ist also kein Zufall, dass in Bühl ein Baden-Badener Architekt beauftragt wurde. Einen eigenen Bautyp bildeten die Hotels in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht. Sie orientierten sich an der Wohnhausarchitektur.

Wie eine Villa

Das Bahnhofshotel Wenk ist ein typisches Beispiel. Es folgt dem Typus der Villa, für die es in der Eisenbahnstraße mit den Villen Massenbach, Bielefeld und Walchner bereits Vorbilder gab. 1892 und 1894 wurde das Bühler Bahnhofshotel unter der Bauherrschaft von Franz Wenk, dem Sohn des Gründers, erweitert. Für diese Aufgabe wurde mit Leonhard Treusch erneut ein Baden-Badener Architekt hinzugezogen. Spätere wenig geglückte Umbauten trüben den Gesamteindruck des Baudenkmals erheblich.