Ein hohes Gerüst signalisiert den Besuchern der Pfarrkirche St. Michael in Neuweier, dass der Echte Hausschwamm in Deckenbalken nistet. Im Oktober sollen die Sanierungsarbeiten beginnen. | Foto: Bernhard Margull

Sanierung in Baden-Baden

Der Albtraum jedes Hausbesitzers wuchert in der Neuweierer Kirche

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Serpula lacrymans hat sich in St. Michael breit gemacht. Der „Echte Hausschwamm“ ist ein Pilz, den jeder Hausbesitzer fürchtet. In der Pfarrkirche im Baden-Badener Stadtteil Neuweier steht jetzt rechts neben dem Chor ein großes Gerüst, das bis zur Decke reicht. Entdeckt wurde der Schädling, der besonders gerne verbautes Holz befällt, mehr oder weniger durch Zufall.

Fledermäuse sorgen für Verzögerung

„Ich wurde wegen Feuchtigkeit im Putz im Juni nach Neuweier gerufen“, berichtet Hartmut Herold, als Gebietsleiter im Erzbischöflichen Bauamt in Heidelberg für die Dekanate Rastatt und Baden-Baden zuständig. Die Probleme im Putz hat das Bauamt inzwischen im Griff, der von einem Fachingenieur begutachtete Hausschwamm wird die Behörde noch einige Monate beschäftigen. Weil im Sakralbau artengeschützte Fledermäuse nisten, darf mit der Sanierung nicht vor Mitte Oktober begonnen werden. „Bevor die Jungtiere nicht ausgeflogen sind, können wir nicht anfangen“, berichtet Herold. „Es gibt in solchen Fällen ein Baufenster, das bis April reicht.“

Pfarrkirche St. Michael in Neuweier | Foto: Ulrich Coenen

Unklare Ursache

Über die Ursachen des Pilzbefalls kann Herold nur spekulieren. Vor rund zwei Jahrzehnten gab es umfangreiche Sanierungsarbeiten an der Kirche. Durch das undichte Dach könnte bereits damals unbemerkt Wasser eingetreten sein. Betroffen sind Dachbalken, Sparren und die Fußpfette. „Das Dach ist abgestützt, es besteht keine Gefahr“, berichtet Herold. Die Neuweierer Kirche kann also für Gottesdienste weiterhin benutzt werden. Im Herbst beginnt die Sanierung durch eine Fachfirma. Die vom Pilz befallenen Holzteile werden abgeschnitten und durch neue ersetzt. Wegen Restfeuchte wird im angrenzenden Mauwerk eine Abdichtung eingebaut.

Entwurf von Bosch und Ohnmacht

Die Neuweierer Kirche ist einer der bedeutenden Sakralbauten der Nachkriegszeit in Mittelbaden. Erzbischof Wendelin Rauch weihte sie am 3. April 1951. Sie entstand als Nachfolger der 1945 zerstörten Pfarrkirche des 19. Jahrhunderts westlich des Vorgängerbaus. Architekten waren Fridolin Bosch und Anton Ohnmacht.

Einen schönen Ausblick aufs Dorf gibt es aus der offenen Vorhalle der Neuweierer Kirche. | Foto: Ulrich Coenen

Kirche prägt Dorf und Landschaft

Dieser Sakralbau prägt Dorf und Landschaft. St. Michael ist eine dreischiffige Kirche mit eingezogenem Rechteckchor an der Südseite. Dem entspricht an der Nordseite eine offene Vorhalle, die von einem Campanile (einem frei stehenden Turm) flankiert wird. Die Vorhalle mit drei rundbogigen Arkaden trägt einen Giebel mit dem Relief des Erzengels Michael. Die Kirche überschneidet die Grundmauern des 1783 abgebrochenen Oberen Schlosses. Sie ist außen mit hellgrauem Quadermauerwerk verblendet. Im dreischiffigen Innenraum tragen mächtige Rundpfeiler eine Holzdecke auf schwerem Gebälk, das jetzt zum Teil Probleme mit dem Echten Hausschwamm hat.

Leiter von Bauämtern

Die Architekten Fridolin Bosch (1889–1964) und Anton Ohnmacht (1898–1984) sind renommierte Kirchenbaumeister. Fridolin Bosch war seit 1933 Leiter des Erzbischöflichen Bauamts Heidelberg. Von 1940 bis 1955 war er Chef des Erzbischöflichen Bauamts Freiburg. Ohnmacht war jeweils Nachfolger von Bosch in Heidelberg und Freiburg.

Die Pfarrkirche Herz-Jesu im Baden-Badener Stadtteil Varnhalt ist das letzte Werk von Albert Boßlet. | Foto: Ulrich Coenen

Gemeinsame Arbeit in Karlsruhe

Bereits 1936 bis 1938 entwarfen die beiden Architekten, die damals im Erzbischöflichen Bauamt in Heidelberg tätig waren, gemeinsam die Pfarrkirche St. Franziskus in Karlsruhe-Dammerstock. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, die den Bauhaus-Stil ablehnten, entstanden in dieser von Walter Gropius konzipierten Siedlung, einer Ikone der modernen Architektur in Deutschland, Gebäude in traditionellen Formen. Das künstlerisch überragende Gebäude dieser Zeit ist die Kirche St. Franziskus, die der traditionellen Moderne, wie sie die „Stuttgarter Schule“ vertritt, verpflichtet ist. Stilistisch gibt es Parallelen zu den an den romanischen Stil anknüpfenden Sakralbauten der 1930er Jahre von Dominikus Böhm und Albert Boßlet, der übrigens 1958 in einer völlig anderen, modernen Formensprache die Pfarrkirche im benachbarten Baden-Badener Stadtteil Varnhalt errichtete.

Die Kirche St. Franziskus in Dammerstock wurden von den Architekten Fridolin Bosch und Anton Ohnmacht im Stil der traditionellen Moderne geplant. | Foto: Ulrich Coenen

Dammerstock als Vorbild

In gewisser Weise ist die Kirche im Karlsruher Stadtteil Dammerstock ein Vorbild für die eineinhalb Jahrzehnte später entstandene Kirche in Neuweier. Diese formale Verwandtschaft beschränkt sich nicht auf die romanisierenden Formen. Auch in Grund- und Aufriss gibt es Übereinstimmungen, zum Beispiel den eingezogenen Chor, den seitlichen Turm und das durch rundbogige Fenster gegliederte und mit einem Satteldach gedeckte Langhaus. Es gibt aber auch Unterschiede. Die Kirche in Dammerstock ist ein hoch aufragender Saalbau mit einem niedrigen durch Bögen abgetrennten Seitenschiff an der Südseite. Im dreischiffigen Innenraum der Neuweierer Kirche tragen mächtige Rundpfeiler eine Holzdecke.

Dass die beiden Architekten im Dienst der Erzdiözese, Fridolin Bosch und Anton Ohnmacht, die auch unabhängig voneinander zahlreiche Sakralbauten schufen, in Neuweier ihre in Dammerstock begonnene erfolgreiche Zusammenarbeit fortgesetzt haben, ist aber offensichtlich.