Die Bergsteigerin Nancy Hansen am Piz Cengalo im Schweizer Bergell. | Foto: Dujmovits

Ralf Dujmovits aus Bühl

„Der Bergsturz hat sich lange angekündigt“

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Unmittelbar vor dem verheerenden Bergsturz am 3 369 Meter hohen Piz Cengalo nahe der Gemeinde Bondo in den Schweizer Alpen war der Bühler Bergsteiger Ralf Dujmovits zusammen mit seiner Partnerin Nancy Hansen am Nachbarberg Piz Badile (3 308 Meter) unterwegs. Im Gespräch mit unserem Redaktionsmitglied Klaus-Peter Maier schildert er seine Eindrücke.

Wie haben Sie die Lage vor Ort erlebt?

Dujmovits: Wir kletterten am Montag zu Dritt (Anm. d. Red. mit Nancy Hansen und einer Freundin) am Piz Badile, als die letzten der großen Vorwehen am benachbarten Cengalo abgingen, der ganz große Bergsturz war dann am Mittwoch. Auf der berühmten Nordkante des Piz Badile war sehr viel Betrieb, wir stiegen allerdings auf der relativ extremen Cassin-Route über die Nordost-Wand auf. Den ganzen Vormittag gingen schon größere Bergstürze ab, dann gab es am frühen Nachmittag einen großen Bergsturz. Ich bin dann mit Vollgas zum nächsten Standplatz geklettert, weil ich Angst hatte, dass uns eine Druckwelle erreichen würde. Das war nicht der Fall. Wir hatten total Glück.

„Wir hatten totales Glück“: der Bühler Bergsteiger Ralf Dujmovits. | Foto: Hansen

Acht Menschen wurden im Bergell-Gebiet noch vermisst, darunter auch Personen aus Baden-Württemberg. Wissen Sie Näheres?

Dujmovits: Nein, wir hatten keinen Kontakt zu den anderen Bergsteigern.

Wie gefährlich ist dieses Gebiet für Bergsteiger und Wanderer in den Alpen?

Dujmovits: Der Bergsturz am Piz Cengalo hat sich schon ziemlich lange angekündigt. Es wird auf Schildern gewarnt, aber das Betreten ist nicht verboten. Das Bergell ist eines der wichtigsten Granit-Klettergebiete in den Alpen. Am Piz Badile ist eine der sechs großen Nordwände in den Alpen, für mich war es jetzt die letzte, die ich mit 55 Jahren durchstiegen habe. Der Zufall will’s: Am Tag darauf war auch der mit uns befreundete Bergsteiger David Göttler dort. Glücklicherweise ist er sicher wieder nach unten gekommen.

Felsabstürze am benachbarten Berg Cengalo begleiteten die Bergsteiger beim Aufstieg zum Gipfel des Piz Badile. | Foto: Hansen

Teilen Sie die Ansicht von Experten, dass der Klimawandel maßgeblich die Ursache für solche Naturereignisse ist?

Dujmovits: Den Cengalo bin ich vor 17, 18 Jahren geklettert, der Cengalo-Pfeiler ist eine berühmte Tour unmittelbar neben dem Bereich, in dem sich jetzt der Bergsturz ereignet hat. Das Gelände war damals schon relativ brüchig. Aber es ist natürlich richtig, der Permafrost geht zurück und dadurch verändern sich auch die Abflusshorizonte des Wassers im Fels. Es kann also gut sein, dass solche Bergstürze sehr stark mit dem Klimawandel zusammenhängen.

Am Dienstagabend ist Ralf Dujmovits von der Schweiz nach Bühl zurückgekehrt. Einen Tag später ereignete sich das Unglück, dessen Vorboten er miterlebte. Der Bühler Bergsteiger war mit seiner Partnerin Nancy Hansen am Samstag in die Bergeller Alpen gereist, um den Piz Badile zu besteigen. Sie bezogen Quartier in der Berghütte Sasc Furä, in der laut Agenturangaben auch einige der jetzt Vermissten übernachtet haben. Die Berghütte auf 1 904 Höhenmetern ist Ausgangspunkt vieler Touren, unter anderen auf den Piz Cengalo, wo sich der Felsabsturz ereignete.