Die Pfarrkirche in Neusatz wird saniert: von links Stiftungsrat Johannes Seiler, Martin Müller, Leiter Verrechnungsstelle für Katholische Kirchengemeinden Bühl, Pfarrgemeinderätin Alexia Dürr und Architekt Alfons Burkart. | Foto: Ulrich Coenen

Teure Sanierung

Der Teufel steckt im Gotteshaus in Neusatz im Detail

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Die  schöne Jugendstilkirche im Schwarzwald ist in die Jahre gekommen. Der Sanierungsbedarf der katholischen Pfarrkirche St. Karl Borromäus ist mit mehr als 1,3 Millionen Euro gewaltig. Der von der zuständigen Seelsorgeeinheit Ottersweier Maria Linden beauftragte Architekt Alfons Burkart spricht von einer „Herkulesaufgabe“ für die kleine Kirchengemeinde. 

Dach, Innenraum, Fassaden, Ausstattung und die Treppenanlage vor der Turmfassade der Kirche sind betroffen. „Das Hauptproblem ist der Wassereintritt in die Seitenschiffgewölbe“, berichtet Burkart. „Vor allem die Nordseite ist ein Problem.“

Wasser dringt in die Gewölbe

In einem Gutachten hat das Architekturbüro Crowell (Karlsruhe) die Ursachen ermittelt. Der Teufel steckt im Gotteshaus im Detail, in diesem Fall in den Gefälleregenrinnen. „Die sind auf beiden Seiten in der Mitte getrennt“, berichtet Burkart „Jede Seite hat eine Länge von 12,5 Metern. Das Problem ist, dass der äußere Rand höher ist als der innere.“ Das hat bei Starkregen, wenn die Rinne die Wassermassen nicht fasst, böse Folgen. Statt außen läuft das Wasser an der Innenseite über und dringt letztendlich bis in die Seitenschiffgewölbe vor.

Blick in den Chor der Jugendstil-Kirche in Neusatz | Foto: Ulrich Coenen

Mauerwerk ist feucht

„Das Mauerwerk ist durchfeuchtet, es gibt Salzausblühungen“, sagt Burkart. Die Neusatzer Pfarrkirche, die als einer der wenigen Sakralbauten aus der Zeit um 1900 ihre originale Ausstattung weitgehend bewahrt hat, ist bedroht. Die wertvollen ornamentalen Ausmalungen in den Gewölben haben zum Teil bereits Schaden genommen. „Ein Fachbüro hat über ein Jahr die Luftfeuchtigkeit im Innenraum gemessen“, berichtet Burkart. „Sie liegt zwischen 43 und 85 Prozent. Das ist sehr schlecht für die Ausstattung wie Altäre und Orgel. Es droht Schimmelbefall.“

Die Ausmalung in Neusatz ist vollständig erhalten – wegen des eindringenden Wassers aber bereits geschädigt. | Foto: Ulrich Coenen

Dacheindeckung muss erneuert werden

Die Nordseite des Satteldachs über dem Langhaus stammt noch aus der Erbauungszeit der Kirche. Die südliche Seite wurde in den 1950er Jahren erneuert. Nun muss die komplette Eindeckung mit einer Biberschwanz-Doppeldeckung erneuert werden, selbstverständlich auch die Regenrinnen, die den baukonstruktiven Ansprüchen in keiner Weise genügen. „Die Blitzschutzanlage wurde schon ewig nicht mehr gewartet, auch sie funktioniert nicht mehr“, sagt Burkart. Angesichts der exponierten Lage der Kirche ist das alarmierend. Auch der Blitzschutz soll ersetzt werden. Die Fugen des Bruchsteinmauerwerks sind teilweise ausgebrochen und werden partiell ergänzt.

Gefährliche alte Holztreppe

Auch im Dachstuhl wird gearbeitet. Der Pfettendachstuhl soll mit einem Holzschutzmittel behandelt werden, außerdem müssen die Holzverbindungen zum Teil überprüft und nachgearbeitet werden. Nicht zuletzt wird eine neue dreiläufige Holztreppe für Dachstuhl und Turm gebaut werden müssen, weil die alte Konstruktion nicht mehr von der Gewerbeaufsicht akzeptiert wird. Der Aufstieg ist für die Glockeninspekteure zu gefährlich.

Putz löst sich von der Wand

Im Innenraum steht eine Trockenreinigung der Wand an. Der Putz hat sich an einigen Stellen gelöst. Um die losen Fragmente wieder mit dem Untergrund zu verbinden, wird eine kalkhaltige Lösung injiziert. Die beschädigten Wandmalereien müssen vom Restaurator überarbeitet werden. Um arbeiten zu können, wird ein Gerüst aufgebaut. Dazu müssen alle Kirchenbänke ausgeräumt und zwischengelagert werden. Altäre, Ambo und Orgel werden mit Spanplatten eingehaust, um sie zu schützen.

Die Treppe wird zur Stolperfalle. | Foto: Ulrich Coenen

Treppenaufgang als Stolperfalle

Zuletzt muss der repräsentative Treppenaufgang aus Bruchsteinmauerwerk an der Eingangsseite saniert werden. Dort sind Stufen gebrochen, Fugen und ganze Steine herausgebrochen.

Was ist Jugendstil?

Jugendstil war für die katholische Kirche ein Reizthema, Erst kontroverse Diskussionen in Fachzeitschriften und Fachbüchern führten vor 1910 dazu, dass der Jugendstil für die katholische Kirche zumindest akzeptabel wurde. Grundsätzlich könne jeder Stil kirchlich sein, wurde argumentiert. Unumstritten war die neue Formensprache aber damit in der Erzdiözese Freiburg keineswegs. Dort wurde der Jugendstil erst ein Thema, als er seinen. Höhepunkt fast überschritten hatte. Johannes Schroth griff die modernen Tendenzen erstmals beim Bau der Pfarrkirche St. Georg in Hockenheim (1909–11) auf. Damit stand er nicht alleine. Auch der Heidelberger Bauamtsleiter Ludwig Maier schwankte in dieser Zeit zwischen konservativen und modernen Tendenzen.

Die Neusatzer Kirche überragt das Ingersbachtal. | Foto: Ulrich Coenen

Johannes Schroth eckte an

Schroth scheint in jedem Fall progressiver gewesen zu sein als Maier und hat sich offensichtlich bereits früher mit dem Jugendstil auseinandergesetzt. Außerdem war er im Hinblick auf seine Vorgesetzten in Freiburg konfliktbereiter. Der vielleicht wichtigste Sakralbau im Jugendstil in der Erzdiözese Freiburg ist zugleich auch der umstrittenste. St. Bernhard entstand 1911 bis 1914 als neue Pfarrkirche für die Baden-Badener Weststadt nach Plänen von Schroth.

Romanische Formen

Weniger bekannt, aber kaum weniger interessant ist die 1911 bis 1913 erbaute Kirche St. Karl Borromäus in Neusatz. Ein erster Entwurf findet sich bereits in einem Brief des Bauinspektors vom 28. November 1905. Der beiliegende Grundriss kommt dem später ausgeführten Sakralbau bereits recht nahe. Ein Jahr später berichtet Schroth, er plane „eine einfache Kirche, der romanische Formen zu Grunde liegen, welche nach unseren heutigen Anforderungen an Licht und Durchsichtigkeit etwas modernisiert sind“.

Kirche überragt das Ingersbachtal

Die Neusatzer Kirche, die das Ingersbachtal überragt, erhebt sich oberhalb der Schwarzwaldstraße auf einer hohen künstlichen Terrasse, die über eine aufwendige Treppenanlage zugänglich ist. Das aus bossierten Granitquadern errichtete Gotteshaus ist eine Wandpfeilerkirche mit fünf Jochen. Im Gegensatz zum einschiffigen Kirchensaal ist der Westbau, durch den der Besucher die Kirche betritt, dreischiffig. Ihm entspricht im Osten eine Apsis.

Charakteristische Staffelgiebel

Vor den Westbau tritt talseitig eine große Giebelfassade mit einem rundbogigen Portal, das von Säulen gerahmt wird. Diese Fassade wird an ihrer Südseite von einem hohen Glockenturm flankiert.  Charakteristisch sind die beiden Staffelgiebel, die das steile Satteldach des Turmes rahmen. Die Kirche zeigt Stilmerkmale des Jugendstils und der Neuromanik. Die Grundrissdisposition mit dem dreischiffigen Westbau, hinter dem sich eine einschiffige Kirche mit Wandpfeilern verbirgt, wird durch den Jugendstil geprägt. Von außen lässt sich die Struktur im Inneren nicht ablesen, was typisch für diese moderne Epoche ist.

Blick ins Langhaus der Neusatzer Kirche | Foto: Ulrich Coenen

Romanik trifft Jugendstil

Der gestaffelte Turmgiebel und die nur sehr sparsam gegliederten Außenwände mit der die Umgebung prägenden Bossenstruktur sind ebenfalls dem Jugendstil zuzuschreiben. Romanisierend sind hingegen die mächtigen Tonnengewölbe über dem Schiff, die Rundpfeiler mit Würfelkapitellen und das Portal. Vollständig erhalten sind auch Ausstattung und Ausmalung der Kirche im Jugendstil.

Die Sanierungsarbeiten an der Pfarrkirche in Neusatz sollen im nächsten Sommer beginnen und werden länger als ein Jahr dauern. Zunächst beginnen die Außenarbeiten, vermutlich nach dem Weihnachtsgottesdienst 2020 muss dann der Innenraum der Kirche für länger als ein halbes Jahr für Besucher gesperrt werden.
Die Seelsorgeeinheit hofft auf Landeszuschüsse und einen Zuschuss der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Die Erzdiözese Freiburg gibt aus dem Ausgleichsstock einen Zuschuss in Höhe von rund 380 000 Euro. Die Seelsorgeeinheit kann zumindest einen Teil ihres gewaltigen Anteils durch den geplanten Verkauf von Kindergarten und Pfarrheim in Neusatz finanzieren.
Weil der Anteil der Gemeinde aber gewaltig ist, plant der Pfarrgemeinderat neue Wege. Alexia Dürr, die stellvertretende Vorsitzende des Gremiums, denkt an „Fundraising“ für dieses Projekt. Das wird von der Erzdiözese für größere Bauvorhaben empfohlen. Das englische Wort beschreibt die systematische Akquise von Finanzmitteln. Weil dafür nicht nur Geld, sondern auch eine Analyse notwendig ist, sucht Alexa Dürr Helfer. Geplant sind als erster Schritt Praxistage. Wer mitarbeiten will, kann sich unter (0 72 23) 4 01 87 oder alexia.duerr@gmail.com melden.