Der Stadtgarten ist die wichtigste Grünfläche in der Kernstadt. Unser Foto zeigt die Partie an der Bühlot mit Blick auf die Stadtpfarrkirche St. Peter und Paul. | Foto: Ulrich Coenen

Gemeinderat Bühl

Doppelte Innenentwicklung für eine grüne Zukunft

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Die grüne Stadt ist en vogue. Im Zusammenhang mit den Diskussionen über den Klimawandel beschäftigt das Thema landauf landab Architekten, Stadtplaner und Kommunalpolitiker. Jetzt diskutierte der Gemeinderat über das Projekt „(Stadt)grün in Bühl – Innenentwicklung nachhaltig gestalten“. Offiziell zustimmen musste das Gremium nicht, es nahm das Konzept lediglich wohlwollend zur Kenntnis.

Entschärfter Antrag der CDU

Auf Antrag von Margret Burget-Behm (CDU) wurde der Beschlussvorschlag sogar noch erweitert. Sie empfahl mit Hinweis auf die Wünsche, die Bürger bei einem Workshop im Juli geäußert hatten, den Baumbestand in der Innenstadt zu erhalten. Oberbürgermeister Hubert Schnurr entschärfte diesen Vorschlag ein wenig, bevor er sich ihn zu eigen machte. Nur wertvolle Bäume sollen erhalten werden. Im Zweifelsfall müsse ein Gutachter entscheiden.

In schönen Farben

Barbara Thévenot, Abteilungsleiterin Stadtentwicklung, Hochbau und Klimaschutz im Rathaus, und Lena Schuster vom Landschaftsarchitektur-Büro Hage + Hoppenstedt (Rottenburg) malten die grüne Zukunft Bühls in den schönsten Farben. Gemeinsam blickten sie auf eine Entwicklung zurück, die 1986 mit Streuobstpflanzungen auf städtischen Grundstücken zaghaft begonnen habe. 2014 verabschiedete der Gemeinderat das Leitbild biologische Vielfalt in Bühl, 2016 bis 2018 beteiligte sich die Stadt am Forschungsprogramm „Klimawandel und modellhafte Anpassung in Baden-Württemberg“ (Klimopass). Viele kleine und große Pflanzaktion mündeten nach Auskunft der Referentinnen 2016 im „Pilotprogramm „Natur nah dran“, an dem Bühl als letztendlich ausgezeichnete Pilotgemeinde beteiligt war. Vier Flächen wurden damals gefördert. „Mittlerweile entwickeln sich die Flächen zu wahren Oasen in der Stadt“, heißt es in der Verwaltungsvorlage zur Gemeinderatssitzung stolz.

Naturwiesen in der Innenstadt

In einer Power-Point-Präsentation zeigte Lena Schuster Beispiele. Im Mittelstreifen der Eisenbahnstraße wurden beispielsweise Blumen gesät, die Rasenfläche des Windeck-Gymnasiums wurde zur „Naturwiese“, auch am Schwarzwaldbad und entlang der Bühlertalstraße sprießen Wildblumen. Schuster forderte den Erhalt und die optimale Gestaltung von Freiflächen in einer Form, dass man diese im Sommer nicht täglich gießen müsse. Die privaten Steingärten, die man überall im Stadtgebiet sieht, lehnte sie wegen der fehlenden Biodiversität ab. Stattdessen seien Baumpflanzungen und Fassadenbegrünungen sinnvoll.

45 Hektar Brachflächen in Bühl

Vor dem Hintergrund des steigenden Wohnungsbedarfs in den Städten (auch in Bühl) bezeichnete Schuster das Stadtgrün als eine Herausforderung. „Das Leitbild ist Innen- vor Außenentwicklung“, konstatierte sie. Es sollen also möglichst keine Neubaugebiete auf der grünen Wiese erschlossen werden. Stattdessen werden innerörtliche Baulücken und Brachflächen bebaut. Schuster sprach von der „Schonung des offenen Landschaftsraums vor zusätzlicher Flächeninanspruchnahme und einer besseren Auslastung der vorhandenen Infrastrukturen“. Nach Auskunft von Schuster gibt es ein Potenzial von 45 Hektar Frei- und Brachflächen im Stadtgebiet.

Schwieriger Spagat

Schuster räumte ein, dass dieser Spagat schwierig ist. „Die Innenentwicklung kann zu Lasten von Grün- und Freiflächen in einer Stadt gehen, das Mikroklima verändern sowie soziale und wirtschaftliche Probleme verursachen“, erklärte sie. „Insbesondere Stadtgrün erfüllt jedoch zahlreiche wichtige Funktionen und hat eine hohe Bedeutung für die Bewohner einer Stadt.“

Frankfurter Opernturm als Vorbild

Als Lösung nannte sie die „Doppelte Innenentwicklung“. Unter diesem noch relativ jungen Fachbegriff versteht man die Nutzung von Brachen und Baulücken und die Nachverdichtung von Gebieten mit ursprünglich geringer Siedlungsdichte. Gleichzeitig werden urbane Grünflächen entwickelt, aufgewertet und vernetzt. Als Beispiel einer „nachhaltigen Doppelten Innenentwicklung“ nannte Schuster den Opernturm in Frankfurt. Die Stadt genehmigte dem Investor anstatt der vorgesehenen 100 Meter 170 Meter Höhe. Dafür verpflichtete er sich zum Abbruch von Gebäuden auf der Fläche des früheren Rothschildparks. Es entstand eine öffentlich zugängliche Grünfläche von 5 000 Quadratmetern.

Stadtklima und Artenschutz

Für die „Doppelte Innenentwicklung“ in Bühl sind nach Meinung Schusters keine neuen Instrumente nötig. Sie verwies auf den aktualisierten Landschaftplan von 1999. Für den Innenbereich werde ein qualifizierter Landschaftsplan benötigt. In diesem Zusammenhang stellte Schuster mehrere Fragen, die aufgearbeitet werden müssen und einen Arbeitsplan für die Zukunft bilden: Wo befindet sich Stadtgrün? Welche Funktionen erfüllt dieses im Hinblick auf Stadtklima und Artenschutz? Welche Bedeutung hat das Grün für die Gesamtstadt und für das jeweilige Quartier? Welche Grünstrukturen müssen erhalten werden und welche sind aufzuwerten?

Auf dem Grünstreifen in der Mitte der Eisenbahnstraße wurden Wildblumen eingesät. | Foto: Ulrich Coenen

Die Stellungnahmen der Fraktionen:

Margret Burget-Behm (CDU)

„In der Realität ist das Thema nicht so einfach!“ Margret Burget-Behm (CDU) wies darauf hin, dass die Bühler im Rahmen der Bürgerbeteiligung ihre Vorstellungen klar formuliert haben. Eine bauliche Nachverdichtung dürfe zu keiner Verschlechterung beim Stadtgrün führen.

Karl Ehinger (FW)

„Wir dürfen uns nicht in der Landschaft bedienen, um neue Wohnungen zu schaffen“, meinte Karl Ehinger (FW). Er empfahl, in Zukunft vermehrt Mehrfamilienhäuser und weniger Einfamilienhäuser zu ermöglichen. „Bäume müssen dabei möglichst erhalten bleiben“, forderte er. „Wenn Bäume verschwinden, muss es Ausgleichsmaßnahmen geben.“

Barbara Becker (SPD)

Barbara Becker (SPD) fand die Lösung eigentlich „ganz einfach“. „Wir müssen im Grunde das Grün beim Bauen mitdenken“, sagte sie. „Dabei sind wir auf einem guten Weg.“ Ein gutes Beispiel für Barbara Becker ist die Blumenwiese, die den Rasen beim Windeck-Gymnasium ersetzt und den trockenen Sommer viel besser überstanden habe, als ein normaler Rasen. „Nachhaltigkeit durch Vielfalt“, nannte sie das. „Dennoch gibt es einen Konflikt, weil wir bezahlbaren Wohnraum für untere und mittlere Einkommen schaffen wollen.“

Daniel Fritz (CDU)

Mit Blick auf die aktuellen Bauvorhaben in der Stadt zeigte sich Daniel Fritz (CDU) wenig zufrieden. „Wir müssen mehr konzeptionell vorgehen“, forderte er. „Wir entscheiden stattdessen bauvorhabenbezogen.“

Thomas Wäldele (GAL)

Thomas Wäldele (GAL) bezeichnete die „doppelte Innenentwicklung als zentrale Sache“. Er forderte den Abschied von Schottergärten und Gabionen als Einfriedungsersatz. „Dachflächen mit einer Neigung von bis zu 30 Grad lassen sich problemlos begrünen“, meinte er. „Jetzt stellt sich die Frage, wie wir die horizontalen Flächen begrünen können. Bühl muss in dieser Angelegenheit Vorreiter werden.“

Lutz Jäckel (FDP)

„Die doppelte Innenentwicklung gefällt mir“, konstatierte Lutz Jäckel (FDP). Für den Bau der in der Stadt benötigten Wohnungen müsse es einen Ausgleich geben, wenn dies möglich sein. „Das muss unser Grundsatz für die Zukunft der Innenstadt sein“, sagte er. Bedenken hatte Jäckel allerdings bei der Dachbegrünung, die das Bauen erhebliche verteuere.

Ludwig Löschner (GAL)

Ludwig Löschner (GAL) forderte einen Erhalt der innerstädtischen Bäume und ein konzeptionelles Vorgehen bei Neupflanzungen. „Wir pflanzen hier und dort einen Baum hin, wie wir eine Sitzbank aufstellen“, erklärte er.