Innerhalb von nur zehn Monaten mussten im Stadtgebiet Bühl drei denkmalgeschützte Fachwerkhäuser dem Bagger weichen. Das Foto entstand im Hänferdorf. Dieses Gebäude ist bleibt erhalten. | Foto: Ulrich Coenen

Fachwerkhäuser in Bühl

Ein Brandbrief gegen die Abrisswut

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Innerhalb von zehn Monaten sind im Stadtgebiet Bühl drei denkmalgeschützte Fachwerkhäuser abgerissen worden. Zwei hat der Bagger in Kappelwindeck platt gemacht, ein weiteres in Neusatz (wir berichteten). In allen drei Fällen haben das Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg und die Stadt Bühl als Untere Denkmalschutzbehörde den Abrissen zugestimmt. Die Eigentümer machten jeweils wirtschaftliche Gründe geltend. Mit anderen Worten: Die Sanierung des Altbaus sei im Vergleich zu einem Neubau nicht lohnend.

Günther Mohr schreibt an Fraktionschefs

Diese Entwicklung hat Günther Mohr auf den Plan gerufen. Der promovierte Historiker und pensionierte Lehrer am Windeck-Gymnasium hat sich in einem Brandbrief an die Fraktionsvorsitzenden aller im Gemeinderat vertretenen Parteien gewandt. Dieses Schreiben wurde jetzt im Gemeinderat unter dem Tagesordnungspunkt „Berichte und Anfragen“ thematisiert.

Gemeinderäte reagieren mit Besorgnis

„Wir sollten überlegen, in welcher Form wir den Eigentümer dieser Denkmäler unter die Arme greifen können“, meinte Pit Hirn (SPD). Gleichzeitig regte er ein Inventar der Fachwerkhäuser an. Oberbürgermeister Hubert Schnurr wies darauf hin, dass die Landesdenkmalpflege bereits um 1990 eine Denkmalliste für das Stadtgebiet Bühl erarbeitet hat. In dieser Liste sind alle Kulturdenkmäler aufgeführt und beschrieben. „Denkmalschutz bedeutet aber nicht, dass ein Gebäude in jedem Fall erhalten wird“, erklärte Schnurr. „Die Wirtschaftlichkeit spielt eine wesentliche Rolle. Wenn die Sanierung teurer ist als ein Neubau, darf ein solches Bauwerk abgerissen werden. Gerade nach vielen Jahren des Leerstands gibt es solche Fälle.“ Dies sei auch bei den drei zum Abriss freigegebenen Fachwerkhäusern der Fall gewesen.

Zweifel an Wirtschaftlichkeitsprüfung

Mit dieser Auskunft gaben sich die Gemeinderäte nicht zufrieden. „Wenn man die Häuser vergammeln lässt, bis sie zu zum Schandfleck werden, lässt sich ein Abriss oftmals nicht mehr vermeiden“, stellte Hubert Oberle (CDU) fest. „Wir müssen früher eingreifen und aktiv auf die Eigentümer zugehen. Es gibt unstrittig Liebhaber für Fachwerkhäuser.“

Mehr Wertschätzung

Margret Burget-Behm (CDU) forderte, das Thema Fachwerkhäuser auf die Tagesordnung einer Gemeinderatssitzung zu setzen und zu thematisieren. „Es geht nicht ausschließlich um die denkmalgeschützen Objekte“, sagte sie. „Wir müssen diese landschaftstypischen Häuser mehr wertschätzen und offensiv mit ihnen werben, beispielsweise auf der Homepage der Stadt. Auch in Veranstaltungen wie der Bühler Genusstour könnte man die Fachwerkhäuser einbeziehen. Mit solchen Maßnahmen können wir die Eigentümer vielleicht vom Wert ihrer Gebäude überzeugen.“

Kommentar zum Thema

In Berlin wird das Stadtschloss wieder aufgebaut, in Frankfurt ist die Altstadt neu erstanden und in Potsdam träumt man von der Wiedergeburt der Garnisonkirche. Obwohl der Wert dieser Repliken äußerst zweifelhaft ist, verdeutlicht er nachdrücklich die Sehnsucht der Menschen nach historischer Architektur. Auf der einen Seite werden für aberwitzige Millionenbeträge Neubauten aus modernen Baustoffen erstellt, die alt aussehen, und auf der anderen immer noch denkmalgeschützte Originale abgerissen. In Bühl waren es alleine in den vergangenen zehn Monaten drei Fachwerkhäuser. Doch auch stadtbildprägende Gebäude wie das Gasthaus „Schützen“ oder die Güterhalle fielen vor einigen Jahren dem Bagger zum Opfer.
Die Methode ist fast immer dieselbe: Zunächst lässt man die Gebäude über Jahre herunterkommen, dann macht man hohe Sanierungskosten geltend, die sich angeblich nicht lohnen. Die Abrissgenehmigung der Denkmalbehörden lässt dann meist nicht lange auf sich warten.
Das immer wieder angeführte Argument der nicht vorhandenen Wirtschaftlichkeit hinkt aber bei näherer Betrachtung allzu oft. In jüngster Vergangenheit haben in Bühl zwei Steuerberater Baudenkmäler in der Kernstadt erworben und sanieren lassen. Zumindest die Gerberei Kuen befand sich in einem Zustand, der wenig Hoffnung auf Rettung zuließ. Heute erstrahlt sie in neuem Glanz. Warum?
Steuerberater können rechnen und wissen um die hohen steuerlichen Vorteile bei der Denkmalsanierung. Ein Architekt und Projektentwickler aus dem Ortenaukreis, der ebenfalls ein Faible für Denkmäler hat, sieht das ähnlich. „Geld verdienen kann man eigentlich nur noch mit denkmalgeschützten Gebäuden“, hat der einmal gesagt.
Da stellt sich die Frage: Weshalb kaufen Profis bewusst Denkmäler, um sie wiederherzustellen, und Laien reißen Omas altes Häuschen ab. Und wieso stimmen die Denkmalbehörden zu, statt die Menschen auf die außerordentlichen Steuervorteile hinzuweisen? Aus welchem Grund investiert die öffentliche Hand in Frankfurt schwindelerregende Summen, um in Stahlbeton eine im 2. Weltkrieg untergegangen Altstadt zu rekonstruieren, während überall in Deutschland nach wie vor noch Originale platt gemacht werden? Es wird Zeit für ein Umdenken!