Seine Erfahrungen mit der Apartheidspolitik in Südafrika schildert Peter Gaiser in seiner Autobiografie „Fast Food and Apartheid Politics“. | Foto: pr

Peter Gaiser in Südafrika

Ein Bühler Auswanderer wurde im Kampf gegen Apartheidsgesetz zur nationalen Berühmtheit

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Auseinandersetzungen mit der Polizei und eine Bombenexplosion in seinem Restaurant: Der Bühler Peter Gaiser ist 1971 nach Südafrika ausgewandert und war als Restaurantbetreiber mittendrin im Kampf gegen die Apartheidspolitik.

Mit 25 Jahren ist Peter Gaiser nach Südafrika ausgewandert. Dass er dort zu einer nationalen Berühmtheit werden sollte, hätte er nie geahnt. Doch sein Kampf gegen die Apartheidspolitik der Regierung hatte dramatische Folgen. Jetzt hat der gebürtige Bühler in einer Autobiografie seine Erfahrungen geschildert.

Bühler veröffentlicht Autobiographie mit interessantem Titel

Der Titel irritiert ein wenig: Was, bitte, hat Fast Food mit der Apartheidspolitik in Südafrika zu tun? Viel, für Peter Gaiser sogar sehr viel: „Fast Food and Apartheid Politics“ hat er deshalb seine Autobiografie genannt.

Sie ist bei Amazon erhältlich und ausschließlich auf Englisch erschienen, und doch hat sie auch schon Leser im Badischen gefunden – in Bühl hat Gaisers Lebensgeschichte vor 74 Jahren begonnen.

Es ist eine Geschichte voller spannender Wendungen und Momente, in der ganz unterschiedliche Stätten eine Rolle spielen. Nach der Schule absolviert Gaiser bei der Rheinelektra eine Lehre zum Fernsehtechniker. Als die Wirtschaft in eine Rezession gerät, verliert er die Arbeitsstelle.

Er arbeitet als Maler und Fahrer einer chemischen Reinigung, doch er sieht keine überzeugenden Perspektiven, und so reift der Entschluss, Bühl zu verlassen. Im Gefühl, das Gras sei auf der anderen Seite des Zauns grüner, fühlt er sich mit vielen anderen aus seiner Generation verbunden.

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Statt Namibia oder Curacao: Südafrika

Es beginnen Jahre des ständigen Aufbruchs, immer auf der Suche nach dem Platz fürs Leben. Eine Offerte anzunehmen, als Rundfunktechniker in Namibia zu arbeiten, dazu fehlt Gaiser mit seinen 19 Jahren noch der Mut. Stattdessen hat er kurze Jobs in Frankfurt, dann geht es nach Den Haag, in die Nähe der Freundin Hannie, die seine Ehefrau werden wird; gemeinsam soll es Curacao sein, wo Gaiser eine Stelle angeboten wird. Das zerschlägt sich, aber die einmal geweckte Sehnsucht kann gestillt werden: Südafrika sucht Fachkräfte.

1971 kommt das junge Paar in Kapstadt an, in East London findet Peter Gaiser eine Arbeitsstelle, ein Jahr später macht er sich selbstständig: Er betreibt im Vorort Cambridge den Imbiss „Pete’s Place“. Als das Vincent Park Shopping Center entsteht, wird er Franchisenehmer der Fast-Food-Kette „Wimpy Restaurants“ – und gerät mitten hinein in den alles beherrschenden Konflikt in Südafrika: die Apartheidspolitik.

Das war zutiefst demütigend und verletzend. Der Apartheid-Teufel hat mir jeden Tag über die Schulter geschaut.

Der Group Areas Act erlaubt zwar, Speisen und Getränke an Nicht-Weiße zu verkaufen, verzehren dürfen sie diese aber nur außerhalb des Restaurants: „Da ich in Europa aufgewachsen bin, fand ich diese Art von Gesetzgebung äußerst erniedrigend und unmenschlich“, schreibt Gaiser. „Das war zutiefst demütigend und verletzend. Der Apartheid-Teufel hat mir jeden Tag über die Schulter geschaut.“

Das Ehepaar erwirbt 1975 ein Wimpy-Restaurant, das in Oxford Street in der Innenstadt liegt und ein größeres Potenzial farbiger Kunden aufweist als das Geschäft im Shopping Center, von dem man sich trennt. Doch damit wachsen die Probleme.

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Das erste legale multiethnische Restaurant in der Stadt

Als er sich der Polizei gegenüber weigert, vier farbige Gäste aus seinem Restaurant zu schmeißen – es waren Journalisten, die den Eklat wohl provoziert haben – wird Gaiser zu einer nationalen Berühmtheit. Nach drei Jahren erkämpft er sich eine Sondergenehmigung und betreibt so ab 1980 das erste legale multiethnische Restaurant in East London. Dass damit Ruhe einkehren würde, bleibt aber ein Wunschtraum, nicht nur, weil Gaiser zu einer Institution wird: „Ich wurde auch als ‚Informationsbüro‘ angesehen. Ich war derjenige, den man nach dem Weg fragte.“

Dieses Poster wurde nach dem Eklat mit der Polizei in der Stadt aufgehängt.
Dieses Poster wurde nach dem Eklat mit der Polizei in der Stadt aufgehängt. | Foto: pr

Der Streit in Südafrika wird schärfer. Massendemonstrationen mit 80 000 Teilnehmern in der Oxford Street und Boykottaktionen belasten die Geschäftswelt. Dass auch er davon massiv betroffen ist, empfindet Gaiser als böse Ironie, hat er doch gegen die Bestimmungen der Apartheid angekämpft. Doch der Tiefpunkt soll erst noch kommen.

Nach Bombenexplosion 25 verletzte Gäste

Zwei Mitglieder des Militärflügels des verbotenen African Nation Congress deponieren im August 1988 eine Zeitbombe unter einem Tisch. 25 Gäste werden verletzt, selbst Läden auf der anderen Straßenseite werden beschädigt – wie durch ein Wunder wird niemand getötet. Gaiser, der davon bei einem Heimaturlaub in Holland erfährt, vermutet, dass sein Restaurant wegen seines bekannten Namens und der prominenten Lage zum Ziel geworden ist, um Aufmerksamkeit zu erreichen und so „mehr Druck für politische Veränderungen auszuüben“. Die Aufmerksamkeit ist den Attentätern gewiss: Selbst die New York Times berichtet vom Anschlag.

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Mehrfacher Neubeginn

Gaiser fängt von vorne an – nicht zum letzten Mal, denn 1995 kommt es zu einem Brand, der das Innere des Restaurants zerstört. 1994 kommt eine neue, demokratisch gewählte Regierung an die Macht. Südafrika verändert sich, und damit auch Gaisers Restaurant: „Die Mehrheit unserer Gäste war jetzt schwarz.“ 2002 verkauft das Ehepaar Gaiser das Restaurant und zieht nach Kapstadt, „wo wir ein sehr ruhiges Leben führen“. Unruhe hat es in den Jahrzehnten davor für Peter Gaiser auch mehr als genug gegeben.


Interview mit Peter Gaiser

Das Leben in Südafrika hat Peter Gaiser viele aufregende und anstrengende Momente beschert. Darüber spricht er im Interview mit bnn.de – und auch über seine musikalische Leidenschaft, die in Bühl begonnen hat.

Wie kam es zur Idee, eine Autobiografie zu schreiben?

Gaiser: Das war so eigentlich gar nicht geplant. Ich habe nur immer Notizen gemacht und Zeitungsartikel gesammelt. Ich dachte, die Apartheid könne nicht ewig anhalten, und wollte zumindest für meine Kinder meine Erfahrungen festhalten. Irgendwann ist mir der Gedanke gekommen, das zu Papier zu bringen, und daraus ist ein Manuskript entstanden. Die heutige Jugend in Südafrika weiß, dass da mal Apartheid war, aber wie die Leute im Alltag damit zurechtkamen, das weiß sie nicht.

Ihre Geschichte beginnt in Bühl, wo Sie in den 60ern in einer Band spielten. Wie war das damals?

Gaiser: Unsere erste Bühler Band „The Guitar Shakers“ bestand aus Manfred Frey, Jürgen Götz, Paul Schmitt aus Sinzheim, Wolfgang Armbruster und mir. Wir haben im Haus der Jugend geprobt, in der Bäckerei Frey und in der Sinzheimer Schule. Manfred Frey und ich haben im Haus der Jugend auch Gitarrenunterricht gegeben. Als Jürgen Götz zu den “German Rebels” in Baden-Baden ging, kam Waldemar Tschan als Sänger zu uns und wir spielten als „Los Torros“ Soul Music. Das ging recht gut, wir hatten oft Jobs im Elsass. Einige Zeit danach bin ich ausgestiegen und wurde Mitglied der Hausband vom Hotel „Engel“ in Sasbachwalden.

Dem Buch ist zu entnehmen, dass die Musik auch in der Fremde eine Rolle spielte.

Gaiser: Ja, in Frankfurt war ich in einer amerikanischen Country- und Westernband, die auf der großen Militärbasis spielte. In der Anfangszeit in East London gehörte ich zur Band „Imagine“. Später war ich mit der „Eldon Swing and Jazz Band“ unterwegs. Wir spielten den Swing der Glenn-Miller-Ära und den entspannten Stil von Frank Sinatra, einmal auch auf einer Kreuzfahrt nach Mauritius. Ich war gewissermaßen der Manager, und als ich ausgestiegen bin, ist die Band auseinander gefallen.

Stichwort Apartheid: Wie schwer war das für einen liberalen Europäer auszuhalten?

Gaiser: Mein größtes tägliches Ärgernis war, dass ich nicht-weiße Kunden nicht am Tisch bedienen konnte. Das war moralisch nicht richtig und meines Erachtens fundamental ungerecht. Und aus dem Blick des Geschäftsmanns waren es auch potenzielle Kunden, sprich Leute mit Geld. Wenn man bedenkt, dass die Bevölkerung von East London zu etwa zwei Dritteln nicht weiß war, konnte der Umsatz meines Geschäfts nur sehr langsam wachsen. Diesen Zustand konnte ich nicht ewig akzeptieren, und habe darum ich auch oft Farbige bedient.

Wie hat der Bombenanschlag das Leben verändert?

Gaiser: Nach dem Bombenanschlag war jeder sehr nervös, Geschäftsleute und Kunden. Unser Restaurant war ja mitten in der Stadt, direkt neben dem Rathaus, überall prominente Geschäfte um uns und Leute auf dem Gehsteig. Beinah über Nacht entstand eine neue Industrie: Sicherheitsdienste. Man konnte bewaffnete Wachmänner engagieren, die die Kunden am Eingang kontrollierten. Ich habe auch ein paar Jahre eine Pistole bei mir getragen und war selbstbewusst, als ich morgens um 6 Uhr vom Parkplatz zum Restaurant lief.

Im Rückblick: Ist da ein bisschen Stolz, die Apartheid ein kleines Stück mit ins Wackeln gebracht zu haben?

Gaiser: Ja, ich kann sagen, dass ich dazu beigetragen habe, dass zum Beispiel der „Group Areas Act“ abgeschafft wurde. Obwohl die Behörden mich im Auge behielten, hatten sie doch Angst, negative Publicity in der Presse zu verursachen, vor allem im Ausland. Die Regierung proklamierte, dass „bald” Gesetzveränderungen kommen werden, und hat mich irgendwie „geduldet”.

Was war der Grund, das Restaurant zu verkaufen?

Gaiser: Zum einen veränderte sich die Innenstadt zu ihrem Nachteil, ein Teil der Kundschaft blieb aus, der andere konnte sich ein Essen im Restaurant oft nicht leisten. Zum anderen hatte sich durch die Kinder der Familienschwerpunkt nach Kapstadt verlagert. Also verkauften wir und zogen dorthin. Das fiel nicht schwer: einmal ein Siedler, immer ein Siedler. Bis 2016 arbeitete ich in Kapstadt noch als Immobilienmakler und Berater.

Wie bewerten Sie heute den Staat Südafrika und seine Politik?

Gaiser: Für eine positive Zukunft von Südafrika habe ich wenig Hoffnung. Die ANC-Regierung hat seit den Wahlen 1994 das Land beinah bankrott gewirtschaftet. Das Leitmotto war immer: Jetzt sind wir dran. Viele Staatsbetriebe sind bankrott, staatliche Krankenhäuser und das. Die Wirtschaft ist am Boden, die Arbeitslosigkeit liegt bei 30 Prozent. Bald werden auch keine ausländischen Investoren mehr kommen und Südafrika denselben Weg wie die meisten Länder in Afrika gehen. Es ist jammerschade, denn Südafrika ist eigentlich ein reiches Land.

Gibt es noch Kontakte nach Bühl?

Gaiser: Via Facebook hab ich erfreulich guten Kontakt nach Bühl. Ich denke gerne zurück an die Zeit. Mein Vater war bei der Stadt auf der Kanzlei und im Stadtbauamt. Meine Lehre bei der Rheinelektra war super. Als ich nach Holland auswanderte, erhielt ich monatlich den „Bühler Heimatbrief”, geschrieben von Lehrer Kirschner. Das war toll, und so konnte ich weiter miterleben, was so in Bühl passiert.