Die evangelische Johanneskirche in Bühl wurde 1968 nach Plänen des Heidelberger Architekten Dieter Quast vollendet. | Foto: Ulrich Coenen

BNN-Serie zur Baugeschichte

Ein halbes Jahrhundert Johanneskirche in Bühl

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Die evangelische Johanneskirche in Bühl wird im Jahr 2018 ein halbes Jahrhundert alt. Sie ist ein Werk des Heidelberger Architekten Dieter Quast, der den protestantischen Kirchenbau der 1960er-Jahre in Bühl und den Nachbarorten geprägt hat. An dieser Stelle werden in den nächsten Wochen die einzelnen Folgen der 14-teiligen BNN-Serie zur Baugeschichte nach dem jeweiligen Erscheinen in der gedruckten Ausgabe veröffentlicht. Die erste Folge ist am 13. Januar 2018 im Druck und online erschienen, die letzte erschien am 21. März 2018.

Folge 1

Insgesamt vier evangelische Kirchen hat der Heidelberger Architekt Dieter Quast in Bühl und den Nachbargemeinden gebaut. Das älteste Gotteshaus ist das in Steinbach, das 1961 vollendet wurde. Es folgten die evangelischen Kapellen in Neusatz (1963), auf dem Sand (1965) sowie als letzter Sakralbau die Johanneskirche mit Pfarrzentrum in Bühl (1968).

Der Bau der Johanneskirche und ihrer Schwesterkirchen hat eine lange Vorgeschichte, die zum besseren Verständnis kurz skizziert werden soll. Als Standardwerk gilt die Veröffentlichung von Pfarrer Hellmuth Hack, die 1900 anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Gemeinde in einer Festschrift erschienen ist: „Geschichte der Evangelischen in Bühl“. 1929 ergänzte Hack seine Publikation. Anlass war damals die Erweiterung der Pfarrkirche aus dem 19. Jahrhundert. Der folgende Abriss der Gemeindegeschichte folgt dieser Publikation Hacks.

Erster Betsaal im „Ochsen“

Die Auswirkungen der Reformation waren in Bühl bereits seit dem 16. Jahrhundert spürbar. Von einer Diasporagemeinschaft kann aber erst seit dem 19. Jahrhundert die Rede sein. Nach Auskunft von Hack lebte im Jahr 1830 nur ein Protestant in Bühl. Es war der in Wössingen geborene Christoph Vogt, Gastwirt des „Ochsen“. 1843 wohnten bereits 19 evangelische Christen in der Stadt. Erst als ihre Zahl ständig wuchs, regte Pfarrer Ernst Fink, Anstaltsgeistlicher in der Illenau, 1850 die Bildung einer Diasporagemeinschaft an, also einer evangelischen Gemeinde ohne Gemeinderechte im Sinne einer juristischen Person. Am 28. Juli 1850 hielt Fink den ersten evangelischen Gottesdienst im Schulhaus in Bühl ab, bereits ein Jahr später wurde im Gasthaus „Ochsen“ in der Schwanenstraße ein Raum angemietet und als Betsaal eingerichtet.

Die frühere evangelische Kirche wurde 1969 abgerissen. | Foto: Theo Kemper

Umzug ins Brauhaus

1856 erwarben die Protestanten nach Forschungsergebnissen von Hack von einem Fräulein Wielandt für 2 500 Gulden ein Grundstück zwischen Krempengasse und Bühlot, auf dem sich ein in den Jahren 1843 und 1844 errichtetes Wirtshaus befand. Dahinter erhob sich ein Brauhaus, das für 15 Gulden zum Betsaal umgebaut wurde, während das Wirtshaus als Wohnhaus des Vikars diente. 1858 wurde zusätzlich das Nachbargrundstück gekauft. Am 7. August 1856 wurde im Betsaal, der 1877 erweitert wurde, der erste Gottesdienst gefeiert. In gewisser Weise war dieses Brauhaus also ein Vorgänger der heutigen Pfarrkirche.
Obwohl die junge Bühler Gemeinde nun alles besaß, was zu einer Pfarrei gehörte, wurde ihr Antrag auf Erhebung zur Kirchengemeinde in den Jahren 1854 bis 1874 mehrfach vom Oberkirchenrat abgelehnt. Immerhin erhielt die evangelische Pastorationsstelle 1864 die Anerkennung als Standesamt, ein weiterer Schritt auf dem Weg zur völligen Selbstständigkeit.

Innenansicht der früheren evangelischen Kirche in Bühl nach der Erweiterung 1929 | Foto: Stadtgeschichtliches Institut Bühl

Neuromanische Kirche

Der Betsaal war für die 326 Gläubigen im Jahr 1892 viel zu klein, so dass er in den Jahren 1892 und 1893 zu einer Kirche ausgebaut wurde, die sich an romanischen Formen orientierte. Der schlichte Saalbau besaß einen offenen Dachstuhl. Mit ihrem 27 Meter hohen Turm mit seinem schlanken Helm setzte die Kirche einen neuen Akzent im Stadtbild. Die Volkszählung des Jahres 1900 ergab, dass in der Stadt 350 evangelische Christen lebten, im gesamten Pastoralbezirk, der 25 Nachbarorte umfasste, waren es 825.
Am 14. Juni 1901 wurde Bühl endlich zur Kirchengemeinde erhoben, die rasch wuchs. 1925 gab es im Ort 645 Protestanten, im gesamten Kirchspiel 1277. Die Aufgaben waren für einen Pfarrer längst zu groß, sodass Bühl 1927 einen ständigen Vikar erhielt.

Auch das Gotteshaus war wieder zu klein, deshalb beschloss die Kirchengemeinde im Jahr 1927 eine umfangreiche Erweiterung. Der Sakralbau erhielt ein Querhaus mit Gemeindesaal, der zu beiden Seiten an den neuen dreiseitigen Chor anschloss und 1929 eingeweiht wurde.

Die Johanneskirche in Bühl wird ein halbes Jahrhundert alt. Mit dem unmittelbar anschließenden Gemeindezentrum bildet sie ein stadtbildprägendes Ensemble. | Foto: Ulrich Coenen

Folge 2

Nach dem Ende des 2. Weltkriegs wuchs die Zahl der evangelischen Christen in Bühl und Umgebung schnell. Zunächst kamen ab 1945 viele evangelische Flüchtlinge nach Mittelbaden. Doch auch die Industrialisierung der Region und der Zuzug von Fachkräften spielte seit den 1950er Jahren eine wichtige Rolle. Die Entwicklung bis zum Bau der Johanneskirche wird in einer Festschrift dargestellt, die Pfarrer Wolfgang Nickel 1968 anlässlich der Einweihung des neuen Gemeindezentrums herausgegeben hat. Die folgende Darstellung folgt dieser Festschrift.

Gemeinde wird neu geordnet

1955 wohnten im Kirchspiel Bühl 3017 evangelische Christen, davon 1204 im Stadtgebiet. Bereits 1953 baten die Bühlertäler den Oberkirchenrat zunächst vergeblich um die Einrichtung einer selbstständigen Pfarrgemeinde. Auch die Steinbacher Nebengemeinde wuchs ständig. 1956 wurden aus der Muttergemeinde Bühl die Tochtergemeinden Bühlertal (mit Neusatz, Altschweier und den Höhenkurorten) und Steinbach (mit Neuweier, Eisental und Varnhalt) herausgelöst. Diese Lösung hatte keinen Bestand. 1957 wurde schließlich die Pfarrei Bühl in eine Nord- und eine Südgemeinde geteilt (Lukas- bzw. Johan­nespfarrei). Zur Nordpfar­rei gehörten Bühl nördlich der Bühlot, Steinbach, Balzhofen, Eisen­tal, Leiberstung, Weitenung, Moos, Neuweier, Oberbruch und Vimbuch; zur Südpfarrei Bühl südlich der Bühlot, Altschweier, Bühlertal, Neusatz, Ottersweier, Unzhurst und Oberweier. Diese von zahlreichen Gläubigen kritisierte Trennung der Bühler Stadtgebiets fand 1965 ihr Ende. Für die Umlandgemeinden wurde eine eigene Pfarrei mit Sitz des Pfarrers in Büh­lertal eingerichtet, die Protestanten in Bühl wurden wieder zu einer Kir­chengemeinde vereint.

Bauboom in Bühl

Mit der weiter steigenden Zahl der Mitglieder in den beiden Bühler Pfarreien setzte zu Beginn der 1960er Jahre ein regelrechter Bauboom ein. 1961 entstand die Christuskirche in Bühlertal nach Plänen von Wolfgang Rumpel. Die Bauleitung übernahm der Heidelberger Architekt Dieter Quast, der im Laufe des Jahrzehnts für den Sakralbau in der Bühler Gemeinde eine überragende Rolle einnehmen sollte.

Dieter Quast

Dieter Quast ist ein renommierter Kirchenbaumeister. Er wurde am 6. Mai 1928 in Heidelberg geboren und studierte von 1949 bis 1953 an der Kunstakademie in Stuttgart Architektur. Anschließend war er Assistent am Lehrstuhl seines Lehrers Herbert Hirche, eines früheren Mitarbeiters von Ludwig Mies van der Rohe.

Schüler von Otto Bartning

1955 eröffnete Quast ein Büro in seiner Heimatstadt Heidelberg. Sein besonderes Interesse für Sakralarchitektur hatte er bereits während des Studiums in Stuttgart entdeckt. 1953 wurde er von dem großen Kirchenbaumeister Otto Bartning gemeinsam mit rund 50 jungen Kollegen aus der ganzen Bundesrepublik zu einem einwöchigen Kolloquium nach Darmstadt eingeladen. Bartning hatte sich nach dem Krieg unter anderem durch sein Notkirchen-Programm für die evangelische Kirche einen Namen gemacht. Diese Veranstaltung prägte Quast nachhaltig. Quast beteiligte sich – ebenso wie andere Teilnehmer – an einem von Bartning initiierten Wettbewerb für einen Kirchenneubau in Darmstadt. Die Stadt kaufte seinen Entwurf an.

Der Ausbau des Karlsruher Schlosses zum Badischen Landesmuseum ist ein Hauptwerk von Dieter Quast | Foto: Schoenen

Museen und Kirchen

Eines der ersten Projekte des jungen Büros von Dieter Quast war die Sanierung einer gotischen Dorfkirche in Molmsheim bei Leonberg. Zahlreiche weitere Sakralbauten sollten folgen. Daneben gab es wichtige profane Projekte. Ein weiterer  Arbeitsschwerpunkt von Dieter Quast, der in den Bund Deutscher Architekten (BDA) berufen wurde, ist der Museumsbau. Er errichtete beispielsweise in den Jahren 1979 bis 1992 (gemeinsam mit den Kölner Architekten Peter und Ursula Trint) das Sprengel Museum in Hannover, außerdem das Kurpfälzisches Museum Heidelberg (1979-1989). Zu seinen wichtigsten Werken zählt der Umbau des Karlsruher Schlosses 1960 bis 1965 zum Badischen Landesmuseum. Teile des Planarchivs Quasts fanden Aufnahme in das Südwestdeutsche Archiv für Architektur und Ingenieurbüro des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT).

Schulfreund des Pfarrers

Es waren private Kontakte die Quast nach Bühl führten. An den ersten Auftrag in Steinbach erinnert sich Quast noch ganz genau. Fritz Joecks, einer seiner Schulfreunde, war damals Pfarrer in Bühl. Der ließ in den Jahren 1958 und 1959 gerade ein neues Pfarrhaus in der Meister-Erwin-Straße bauen, war aber mit dem beauftragten Architekten nicht zufrieden. So wandte er sich an Dieter Quast, der gerade am Innenausbau des kriegszerstörten Karlsruher Schlosses zum Badischen Landesmuseum arbeitete. Das Pfarrhaus wurde den Wünschen von Joecks entsprechend vollendet.

Folge 3

Im Mittelalter war der Sakralbau die wichtigste Bauaufgabe. Diese herausragende Stellung verlor er bereits in der frühen Neuzeit. Doch auch für die Architekten der Nachkriegsmoderne blieben Kirchen eine attraktive Aufgabe, die ihnen deutlich mehr gestalterische Möglichkeiten eröffnete als Profanbauten mit ihren durch die vielfältige Nutzung bedingten Zwänge. Nicht nur die Kriegszerstörung zahlreicher Sakralbauten, die ersetzt werden mussten, war in den 1950er und 1960er Jahren Anlass für einen ungeheuren Bauboom. In einer Zeit, in der die Kirchensteuer sprudelte, entstanden viele neue katholische und evangelische Pfarrgemeinden, für die Kirchen gebaut wurden.

Die evangelische Johanneskirche in Bühl wurde 1968 nach Plänen des Heidelberger Architekten Dieter Quast vollendet. | Foto: Ulrich Coenen

Neue Blüte

„Nach dem 2. Weltkrieg wurde der Kirchenbau zu einer neuen Blüte geführt“, urteilt die Kunsthistorikerin Barbara Kahle in ihrem Buch „Deutsche Kirchenbaukunst des 20. Jahrhunderts“. Sie spricht von der übermächtigen Zäsur durch den Krieg, die Theologen und Architekten mit einer völlig veränderten Problemstellung im Sakralbau konfrontierte. „Die Kriegsgeneration war aus der Welt des gesicherten Glaubens heraus geworfen, man erwartete nach dem Zusammenbruch eine neue Epoche, in der das geläuterte Christentum wieder aufgebaut würde“, schreibt Kahle.

Aufgabe für Generationen

Hugo Schnell hat 1973 als erster ein Überblickswerk über den Kirchenbau des 20. Jahrhunderts vorgelegt, das Maßstäbe setzte. Der Nestor der Forschung zur modernen Sakralarchitektur urteilt über die Zeit nach 1945: „Der Wiederaufbau der Kirchen und Kapellen, der Kirchtürme, die oft berühmte und beliebte Wahrzeichen der Siedlungen waren, und der vielen anderen zerstörten kirchlichen Gebäude erschien zunächst fast undurchführbar und eine Aufgabe von Generationen.“

Schnell weist darauf hin, dass in der evangelischen Kirche der Dialog über den neuen Kirchenbau eher und grundsätzlicher als bei den Katholiken einsetzte. Bis 1960 gab es zehn fruchtbare Kirchenbautagungen, die erste schon 1946 in Hannover.

Kirchenbautagung 1951 in Rummelsberg

Barbara Kahle betont die Bedeutung der Kirchenbautagung 1951 in Rummelsberg. Die dort entwickelten „Grundsätze für die Gestaltung des gottesdienstlichen Raumes der evangelischen Kirchen“ hätten bis heute keine Erweiterung oder Umformung erfahren. „In Form einer Empfehlung geben die Ausführungen über die bauliche Gestalt des Gotteshauses allein Einschränkungen bezüglich der Unterscheidung von profanen Bauten und Räumen und der Vermeidung eines Wetteifers mit Hochhäusern, Industrie- und Verwaltungsbauten“, konstatiert sie. Dies sei nicht als eine Forderung nach einem eigenen kirchlichen Stil zu verstehen, sondern solle vielmehr gewährleisten, dass das spezifische Wesen der Kirche zum Ausdruck gebracht werde.

Filigran und transparent: Der Turm der Johanneskirche ist völlig anders als die früheren Kirchtürme im Stadtgebiet. | Foto: Ulrich Coenen

Mehr als Zweckbestimmung

Das Gotteshaus wächst „über jede Zweckbestimmung hinaus, da es mit seiner Gestalt gleichnishaft Zeugnis von dem geben soll, was sich in und unter der versammelten Gemeinde begibt, nämlich die Begegnung mit dem gnadenhaft in Wort und Sakrament gegenwärtigen Gott“, heißt es im Bericht des Arbeitsausschusses. Im Entwurf ist der Architekt völlig frei, allerdings empfiehlt der Kirchenbautag einen gerichteten Kirchenraum mit einem überhöhten Bereich, auf dem der zentrale Altar und seitlich die Kanzel stehen. Zumindest in dieser Hinsicht war die Architekturauffassung des Kirchenbautags traditionell. Der gerichtete Kirchenbau ist in Deutschland seit dem Mittelalter der vorherrschende Typus.

Übrigens entspricht nicht nur die Johanneskirche in Bühl dieser Forderung, sondern auch die nur wenige Jahre ältere Matthäuskirche in Steinbach (beides Werke von Dieter Quast). Sie vertreten eine ähnliche Raumauffassung. In gewisser Weise ist die Matthäuskirche in Steinbach ein Vorbild für die größere Johanneskirche.

Folge 4

Der erste Wiederaufbauphase nach dem Krieg endete zirka 1960. Die folgende zweite Phase ist im Zusammenhang mit den vier Kirchen von Dieter Quast in Steinbach, Neusatz, Sand und Bühl von besonderem Interesse, weil sie alle in dieser Periode entstanden sind.

Ein Generationenproblem

Der Kunsthistoriker Hugo Schnell urteilt über diese Zeit: „Innerhalb des Jahrzehnts 1960/70 ereignete sich auf vielen Gebieten ein Umbruch von fast unübersehbarem Ausmaß. Er vollzog sich auf geistigem, wissenschaftlichem, theologischem wie auf pädagogischem soziologischem und wirtschaftlichem Gebiet.“ Schnell spricht von einem „Generationenproblem“, das selbstverständlich nicht nur Architekten betraf. Die erste Generation der Architekten, die nach dem 1. Weltkrieg „den schweren Kampf gegen den Historismus geführt und nur langsam neue Ideen, Materialien und Formen durchgesetzt hatte, erlosch“. Wichtige Vertreter diese Zeit sind Dominikus Böhm oder Albert Boßlet, zu dessen Spätwerk die Pfarrkirche in Varnhalt gehört. Eine neue Generation, die zu Beginn des Jahrhunderts geboren wurde und die Nazi-Diktatur miterlebt hatte, bestimmte nun die deutsche Architekturszene. Schnell nennt unter anderem Egon Eiermann, Sep Ruf, Hans Schwippert und Willy Weyres. Der jüngere deutsche Kirchenbau sei aber ab 1960 nicht von diesen, sondern von der nächsten in den 1920er Jahren geborenen Generation getragen worden, deren überragender Repräsentant Gottfried Böhm ist. Doch auch Dieter Quast gehört dazu.

Zeit des Umbruchs

Die Kunsthistorikerin Barbara Kahle sieht einen Umbruch in den 1960er Jahren. „Die Situation der Kirche war eine andere geworden als 1945“, schreibt sie. Wie Schnell beobachtet sie diesen Umbruch nicht nur politisch und gesellschaftlich, sondern nach dem Abtritt der großen ersten Generation der Moderne auch architektonisch. „Sehr viele jüngere Architekten drängten nun in diese Bauaufgabe (Sakralbau) und ließen die unterschiedlichsten Lösungen entstehen. Der Kirchenbau wurde teilweise zu einem modischen Experimentierfeld.“ Kahle sieht den Sakralbau dieser Zeit im profanen Bauschaffen verankert. „So wurde analog zu jenem Bereich der Betonbau in unterschiedlichen Ausführungen und Konstruktionsformen bevorzugt“, stellt sie fest. „Nach jahrzehntelangen Versuchen und Erfahrungen war dieses Material technologisch so vervollkommnet, dass alle gewünschten Gestaltungsformen realisiert werden konnten.“

Rheinland war führend

Als führend beschreibt Kahle die katholischen Bistümer in den Rheinlanden und die Evangelische Landdeskirchen im Rheinland und Westfalen, vor allem aber die reiche katholische Erzdiözese Köln. Der Kölner Erzbischof Josef Kardinal Frings und sein Diözesanbaumeister Willy Weyres seien neuen Ideen gegenüber überaus aufgeschlossen gewesen. So habe sich das Kölner Bistum zu einem führenden Zentrum des kirchlichen Baukunst entwickelt, das auch die Nachbardiözesen beeinflusst habe. Der überragende Kirchenbaumeister dieser Zeit ist der Kölner Gottfried Böhm, 1963 bis 1985 ordentlicher Professor für Stadtbereichsplanung und Werklehre an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen und 1986 als erster Deutscher mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet. Er baute mehrere Dutzend Kirchen. Sein herausragendes Werk ist die 1968 vollendete Wallfahrtskirche in Neviges, die Böhm, der in München neben Architektur auch Bildhauerei studierte hat, wie ein Betongebirge auftürmte.

Unterschiedliches Niveau

„Auf evangelischer Seite erreichten trotz oftmals weitreichender und fruchtbarer Diskussionen und Tagungen die Bauten selbst nicht jenes breite, hohe Niveau“, konstatiert Kahle. „Ein Grund liegt wohl darin, dass die katholischen Diözesen eigene Bauämter haben, die sich oftmals für neuartige Lösungen aufgeschlossener zeigten als die für Kirchenbau zuständigen evangelischen Gemeindegremien, welche bestimmten Leitbildern eng verbunden waren.“

Sehr differenziert

Hinzu kommt, dass – wie Schnell feststellt – „der evangelische Kirchenbau des 20. Jahrhunderts innerhalb des einzelnen deutschen Landeskirchen sehr differenziert und oft grundsätzlich verschieden“ ist. Wie sich das in der badischen Landeskirche und vor allem in der Kirchengemeinde Bühl in den 1960er Jahren auswirkte, soll diese Serie zeigen.

Die Matthäuskirche im Baden-Badener Stadtteil Steinbach ist der erste von insgesamt vier evangelischen Sakralbauten, die in den 1960er-Jahren im Bereich der Kirchengemeinde Bühl entstanden sind | Foto: Ulrich Coenen

Folge 5

Wie bereits in Folge 2  berichtet, erhielt Dieter Quast über seinen Kontakt zu Pfarrer Fritz Joecks, der von 1957 bis 1965 in Bühl tätig war und zuletzt die südliche Johannesgemeinde leitete, die Aufträge in den beiden Bühler Gemeinden. „Fritz Joecks hatte eine besondere Beziehung zur Architektur, die über das Engagement des Bauherrn weit hinausgeht“, sagt Quast im Gespräch mit dieser Zeitung. „Am liebsten hätte er seine Kirchen selbst geplant.“ Joecks Sohn Reinhard studierte übrigens später Architektur und ist heute Partner im Büro von Norman Foster in London.

Kirche für Steinbach

Nach dem in Folge 2 erwähnten Bau des Pfarrhauses in der Meister-Erwin-Straße in Bühl folgte der nächste Auftrag. Steinbach, das zu diesem Zeitpunkt noch zur evangelischen Kirchengemeinde Bühl gehörte, sollte ein eigenes Gotteshaus erhalten. Verantwortlich war aber nicht Joecks, sondern Pfarrer Oswald Bernau, der die Bühler Lukaspfarrei leitete.

Dieses Modell zeigt den ersten Entwurf von Dieter Quast für die Kirche in Steinbach. Der Turm wurde auf Wunsch der Gemeinde anders gestaltet. | Foto: BNN-Archiv

Streit um den Turm

Erste Gespräche mit Oberbaurat Hermann Hampe, dem Leiter des Kirchenbauamtes der Badischen Landeskirche in Karlsruhe, wurden geführt. „Ich sollte eine Kirche mit 100 Sitzplätzen und einen Gemeindesaal bauen“, erinnert sich Quast im Gespräch mit dieser Zeitung. Er präsentierte den Steinbachern seine Pläne und ein Modell. „Konservative Gemeindemitglieder mochten den von mir entworfene frei stehende Glockenturm nicht“, berichtet Quast. „Er erinnerte sie angeblich an einen Wachturm.“

Der Architekt überarbeitete sein Konzept. Der Turm sollte ursprünglich als steil aufragende Pyramide, in der Kubatur ähnlich den Pyramidendächern gotischer Kirchen, gestaltet werden. Heute erhebt er sich zweigeschossig und in ganz konventioneller Stahlbetonskelettbauweise über einem senkrecht aufragenden, allerdings offenen Erdgeschoss.

Weniger elegant

Das Glockengeschoss darüber wird durch die zwischen den Eckpfosten eingespannten schwarzen Schallbretter in Gebäudebreite geprägt. Der Turm trägt ein hohes geschiefertes Pyramidendach. Diese Lösung ist weniger elegant als der ursprüngliche Vorschlag Quasts.

Die Grundprinzipien des Entwurfs für die Matthäuskirche wurden durch die Überplanung des Turms aber nicht berührt. Die Saalkirche an der Nordseite der dreiflügeligen Anlage und das im Westen im rechten Winkel anschließende kleine Gemeindezentrum hat Quast weitgehend unverändert ausgeführt. Durch den Turm an der Südseite entsteht ein kleiner Innenhof.

Aufwändiges Dach

„Ich wollte der Kirche einen ganz bestimmten Charakter geben, der vor allem durch das Dach bestimmt wird“, sagt Dieter Quast. „Das Kirchenschiff ist ein schlichter Bau, während das Dach aufwändig ist und vor allem die Wirkung des Innenraums bestimmt.“

Die Kirche trägt ein vielfach aufgefaltetes Satteldach, das in Wellstegträgern ausgeführt und mit Holz verschalt wurde. Die Giebel zwischen den Dachflächen sind voll verglast und erlauben herrliche Ausblicke. Der Pfarrer kann vom Altar aus den Blick auf die Yburg schweifen lassen. „Der Ausblick für die Gemeinde in die andere Richtung wurde inzwischen leider verbaut“, sagt Dieter Quast.

Blick ins Langhaus der Matthäuskirche in Steinbach (Richtung Haupteingang/Osten) | Foto: Ulrich Coenen

Blick in den Himmel

Im Innenraum entwickelt das aufgefaltete Satteldach mit seinen kleinen Seitenfenstern seine ganze Schönheit. „Ich wollte einen Raum gestalten, der sich nach oben öffnet“, meint Quast. „Der Besucher soll in den Himmel schauen. Durch die Oberlichter in den Giebeln und die kleinen Seitenfenster im Dach fällt das Licht in den Innenraum.“ Auch die Ausstattung der Kirche mit Altar, Kanzel und Bänken hat er entworfen. Die Bänke wurden von Handwerkern im Allgäu ausgeführt.

Gemeindezentrum erweitert

Während die Kirche ihr Erscheinungsbild bewahrt hat, wurde das Gemeindezentrum 1978 in Richtung Innenhof beziehungsweise Steinbacherstraße erheblich erweitert. Dieser wenig sensible Umbau stört den Gesamteindruck des Ensembles erheblich, weil der prägende Innenhof weitgehend überbaut wurde. „Dies ist ohne mein Wissen und Zutun geschehen“, sagt Dieter Quast. „Die Gesamtwirkung hat dadurch in jedem Fall gelitten.“

Zum 15-jährigen Bestehen der Kirche wurde Dieter Quast von der Gemeinde in Steinbach eingeladen. Als er den kleinen Sakralbau betrat, war er damals entsetzt. „Ich habe meinen Augen nicht getraut“, berichtet er. „Die ursprünglich weißen Innenwände waren grün gestrichen worden. Das war damals gerade modern. Jetzt ist der Innenraum wieder weiß. Das freut mich sehr.“

Folge 6

Hugo Schnell, der Nestor der Forschung zur modernen Sakralarchitektur, kennt das Œuvre von Dieter Quast und erwähnt es in seinem 1973 erschienenen Standardwerk „Der Kirchenbau des 20. Jahrhunderts in Deutschland“ gleich mehrfach. Neben der Kirche in Steinbach beschreibt Schnell, allerdings nur sehr kurz, die Kapelle auf dem Sand, die Johanneskirche in Bühl nennt er nicht. Die Berücksichtigung der beiden genannten Gebäude in einem Standardwerk unterstreicht die Bedeutung von Quasts Arbeit für die Gemeinde Bühl.

Matthäuskirche Steinbach: Blick zum Altar | Foto: Ulrich Coenen

Gelungene Lösung

Am ausführlichsten widmet sich Schnell der Matthäuskirche in Steinbach, die er als gelungene Lösung für eine kleine Gemeinde ausdrücklich hervorhebt. Neben den „großen und bedeutenden Bauten“ der evangelischen Landeskirche in Baden, zu denen er die Matthäuskirche in Pforzheim (Architekt Egon Eiermann, 1951-52) und die Trinitatskirche in Mannheim (Architekt Helmut Striffler, 1956-59) zählt, erwähnt Schnell „vorzügliche kleinere Kirchen im Rahmen des Diaspora-Hilfsprogramms, unter denen die Kirche in Steinbach bei Bühl in Erinnerung bleibt“. „Der junge Architekt Dieter Quast, der den Innenausbau des Karlsruher und des Mannheimer Schlosses geschmackvoll durchgeführt hat, überhöhte den einfachen Saal durch ein gefaltetes Spitzdach zum Festraum. Seitlich ist im Winkelhaken ein Gemeinderaum angelegt, der für die Sommergäste zum Altar der Kirche hin geöffnet werden kann.“

Schöne Perspektive: Blick auf die Yburg aus dem Fenster der Matthäuskirche in Steinbach | Foto: Ulrich Coenen

Problematisch

Diese praktische Lösung war in der evangelischen Kirche in Deutschland damals keineswegs unumstritten. Hermann Hampe, der Leiter des Kirchenbauamtes der Badischen Landeskirche in Karlsruhe, verteidigt deshalb ausdrücklich die Matthäuskirche in Steinbach: „Es ist manches gegen einen solche praktischen Weg zur Erweiterung des Kirchenraumes gesagt und gedacht worden und gewiss wird eine solche Kombination oft problematisch bleiben. Für die kleinen, noch schwachen Gemeinden ist es immer wieder eine Frage ihrer Leistungsfähigkeit, bei Bau und Bewirtschaftung, die diese Lösung dennoch nahelegt. Wenn sie, wie hier, mit architektonischem Takt und zurückhaltendem Feingefühl gemeistert ist, erscheint sie durchaus positiv“.

Weit verbreiteter Typ

Die Matthäuskirche folgt in ihrer Gestalt baukünstlerischen Tendenzen, die sich bereits in den 1950er Jahren herausbildeten. „Stahlbetonskelette bilden das konstruktive Gerüst, während die Zwischenfelder mit unterschiedlichen Materialien gefüllt sind“, schreibt Barbara Kahle. Die Steinbacher Kirche entspricht dieser weit verbreiteten Lösung, öffnet sich mit den großen Dreieckfenstern an den Schmalseiten und den vielen kleinen Fenstern an den Langseiten unmittelbar unter dem Dachansatz aber zur Umgebung. Kahle spricht von einer „Aufbrechung und Dynamisierung des Raums“, den bereits Dominikus Böhm um 1930 als symbolerfüllte Lichtauszeichnung des Altarraums entwickelt habe und der nach dem Krieg im Kirchenbau beider Konfessionen verstärkt aufgegriffen werde.

Konservativer Grundriss

Im Hinblick auf ihre Grundrissform ist die Matthäuskirche aber konservativ. Der längsgerichtete Bau entspricht dem weit verbreiteten Typus der Wegkirche, die durch ihre strenge Ausrichtung zum Altar charakterisiert wird. Ihre Tradition reicht bis in die Spätantike zurück. Kahle stellt aber fest, dass Kirchen mit einem längsgerichteten und einem zentralisierenden Grundriss seit der Zeit um 1960 nicht mehr streng zu trennen sind, weil auch die Langhausbauten zunehmend zentralisierende Tendenzen aufweisen. So gibt es trapezoide Ausformungen wie bei St. Josef in Hasloch (Architekt Hans Schädel, 1956-58) oder Erweiterung des längsrechteckigen Schiffs durch eine trapezförmige „Pilgerhalle“ wie bei St. Anna in Düren (Architekt Rudolf Schwarz, 1955/56).

Die lebhafte Deckengestaltung in Steinbach steht im Gegensatz zum strengen Grundriss. | Foto: Ulrich Coenen

Lebhaft gestaltete Decke

Der Grundriss der Matthäuskirche in Steinbach beschreibt ein eher konservatives Längsrechteck, dessen Strenge durch die lebhafte Deckengestaltung gemildert wird. Die Gestaltung der Decken geriet, wie von Kahle ausführlich dargestellt, in der Mitte der 1950er Jahre wieder zu einem wichtigen architektonischen Anliegen.

Die Böhms als Vorbilder

Dabei spielten vor allem die von Dominikus und Gottfried Böhm gefundenen Lösungen eine prägende Rolle. Neben der zeitweilig dominierenden Flachdecke gab es Stahlrohrkonstruktionen, plastisch gestaltete Betondecken und offene hölzerne Dachstühle. Die plastisch durchgeformte Decke in Steinbach ist ein wichtiges Beispiel der Zeit um 1960.

Chor der Gnaden-Kapelle Neusatz (Originalzustand). Inzwischen wurde die Kirche profaniert. | Foto: Pfarrarchiv Bühlertal

Folge 7

Der zweite Sakralbau von Dieter Quast im Bereich der Kirchengemeinde Bühl ist mit Abstand der kleinste. Der Heidelberger Architekt durfte bei die Gnaden-Kapelle in Neusatz wieder unmittelbar mit seinem ehemaligen Schulfreund Fritz Joecks zusammenarbeiten, der seinerzeit für die Tochtergemeinde Bühlertal, zu der Neusatz gehörte, verantwortlich war.

Kapelle steht leer

Wie in einem aktuellen Beitrag außerhalb dieser Serie in der Ausgabe vom 3. Februar berichtet, wurden in der Kapelle, die sich in einer Kurve in der Otto-Stemmler-Straße auf halber Höhe zum Sportplatz erhebt, seit der Jahrtausendwende keine Gottesdienste mehr gefeiert. Das ungenutzte Gebäude wurde als erster Sakralbau im Stadtgebiet profaniert und seit den Jahren um 2005 zum Verkauf angeboten. Ein Privatmann, der bald darauf starb, erwarb das Gebäude 2013. Das von ihm geplante Seminarzentrum für Yoga und Meditation ließ sich nicht mehr realisieren. Die Zukunft der privatisierten Kapelle ist ungeklärt.

Pläne sind erhalten

Das Baugesuch für die Gnaden-Kapelle, das von Joecks und Quast unterzeichnet wurde, datiert vom 26. Juli 1962. Die Pläne in der Bauakte im Stadtgeschichtlichen Institut Bühl zeigen eine Kapelle über unregelmäßigem fünfseitigem Grundriss mit drei langen und zwei kurzen Seiten und einer Gesamtfläche von knapp 39 Quadratmetern. Der Entwurf wurde im wesentlichen unverändert verwirklicht. Am 22. Oktober 1962 wurde mit den Bauarbeiten begonnen.

In der Ausgabe vom 4. Dezember 1962 berichtet Theo Kemper, der damalige Leiter der Lokalredaktion Bühl des Acher- und Bühler Boten, über die offizielle Grundsteinlegung. Tatsächlich war der Rohbau zu diesem Zeitpunkt bereits weitgehend fertiggestellt.

„Bescheidende Kapelle“

„Es ist eine bescheidene Kapelle, sieben mal sieben Meter im Geviert (Anmerkung: tatsächlich ist es ein Fünfeck), die sich nun im Rohbau in einer Straßenkurve erhebt“, schreibt Kemper. „Aber was gilt das vor dem Gefühl, dass die kleine evangelische Gemeinde bald ihr eigenes Gotteshaus haben wird… Die Kapelle ist unter dem Wort aus dem Epheserbrief erbaut: Aus Gnaden seid ihr selig geworden durch den Glauben.“

Eingefügt in die Landschaft

Das in Mauerwerksbauweise mit Hohlblocksteinen in steiler Hanglage ausgeführte Gebäude wurde am 15. Mai 1963 offiziell seiner Bestimmung übergeben. Es trägt ein asymmetrisches mit Blech gedecktes Satteldach mit 26-prozentiger Neigung und fügt sich unauffällig in die Landschaft und die lockere Nachbarbebauung in Dorfrandlage ein. Die Wände sind grob verputzt und weiß gestrichen. An der Talseite befindet sich das Portal mit rundbogigem Oberlicht, zu dem eine schlichte Betontreppe führt. Die weitgehend geschlossenen Wände öffnen sich nur mit wenigen kleinformatigen dreieckigen und rechteckigen Fenstern, die sich teilweise unmittelbar unter der Traufe befinden und den Charakter von Oberlichtern haben. Sie sind zum Teil bunt verglast.

Schlichter Innenraum

Der schlichte Innenraum ist verputzt und weiß gestrichen, der Fußboden mit roten Klinkerplatte belegt. Windfang, Einbauschränke und Gestühl sind in Buche oder Tanne ausgeführt. Für die Besucher stehen 33 Sitzplätze zur Verfügung. Der kleine um eine Stufe erhöhte Chor befindet sich in der Südostecke mit einem dreieckigen Altartisch in der Ecke und einem Lesepult. Darüber in der Wand befindet sich ein dreieckiges Oberlicht. Der offene Dachstuhl ist mit Holz verschalt.

Die Kapelle zum guten Hirten auf dem Sand ist eine beliebtes Ziel für zahlreiche Touristen, die die Schwarzwaldhochstraße besuchen. | Foto: Ulrich Coenen

Folge 8

Dass Dieter Quast die kleine Kapelle zum guten Hirten auf dem Sand an der Schwarzwaldhochstraße im Interview mit dieser Zeitung als seine Lieblingskirche bezeichnet, mag überraschen. Der heute 89-jährige Heidelberger Architekt hat im Laufe seines langen Berufslebens rund ein Dutzend Sakralbauten gebaut oder umgestaltet. Die Kapelle zum guten Hirten auf dem Sand, ist nicht sein größtes Projekt, sondern im Hinblick auf die Dimensionen eher bescheiden. Der 1964 begonnene Sakralbau wurde am Pfingstsonntag 1965 offiziell seiner Bestimmung übergeben.

Bartnings „Sternkirche“ als Vorbild

Die beiden evangelischen Kirchen in Steinbach und Bühl sind Wegkirchen, wie sie in der Architekturgeschichte meist üblich sind. Die Längsachsen dieser Sakralbauten sind auf den Chor ausgerichtet. Die Kapelle zum guten Hirten ist ein Zentralbau und entspricht damit einem sehr viel selteneren Typus. „Ich habe mich bewusst an der Sternkirche meines Lehrers Otto Bartning orientiert“, erklärt Quast im Gespräch mit dieser Zeitung .

Entwurf wirkte nach

Bartnings nicht realisierter Entwurf für die „Sternkirche“ datiert ins Jahr 1922. „Auch wenn dieser Entwurf selbst nicht verwirklicht wurde, wirkte er nach, auch in Bartnings eigenem Werk“, urteilt Thomas Erne, Direktor des Instituts für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart der Universität Marburg, in seinem Buch „Kirchenbau“.

Gemeinde als Einheit

Die Kunsthistorikerin Barbara Kahle beschreibt dieses von der zeitgenössischen Architekturkritik und der heutigen Forschung viel beachtete Projekt „als Widerspiegelung des Zusammenschlusses der protestantischen Gemeinde zu einer Einheit“.

Hauptwerk des Expressionismus

Die nicht realisierte „Sternkirche“ gilt als eines der Hauptwerke des deutschen Expressionismus. Wie bei der Kapelle auf dem Sand handelt es sich um einen Zentralbau, der allerdings gewaltige Dimensionen hat. Der Entwurf mit seinen gotisierenden Zügen wird im Inneren von schlanken und hohen Pfeilern geprägt und trägt ein geradezu atemberaubendes Faltdach. Die spektakuläre Architektur lässt sich deshalb mit dem sich behutsam in die Landschaft eingefügten kleinen Sakralbau auf dem Sand nur bedingt vergleichen.

„Hochzeitstorte“ in Essen

Hugo Schnell, der Nestor der Forschung zur deutschen Sakralarchitektur des 20. Jahrhunderts, weist mit Recht darauf hin, dass Bartning in den Jahren 1929 und 1930 beim Bau der evangelischen Auferstehungskirche in Essen auf sein Sternkirchenprojekt zurückgegriffen hat. Das in Stahl-Skelettbauweise errichtete Gebäude über kreisförmigem Grundriss ist 30 Meter hoch und wird wegen der vierfachen Staffelung des Zylinder-Motivs im Volksmund „Hochzeitstorte“ genannt. In Essen findet sich auch der offene Umgang im Untergeschoss, den Quast auf dem Sand aufgegriffen hat. Der Heidelberger Architekt schöpft also offensichtlich aus verschiedenen Vorbildern. Der Einfluss Bartnings ist aber unverkennbar.

Komplett aus Holz: Der Architekt Dieter Quast hat ein Faible für dieses Baumaterial. Hier den Innenraum der Kapelle auf dem Sand. | Foto: Ulrich Coenen

Zwölfeck auf dem Sand

Die Kapelle zum guten Hirten hat die Grundrissgestalt eines Zwölfecks. Der Holzbau fügt sich mit seinem hohen Zeltdach über einem niedrigeren Hauptgeschoss hervorragend in die Landschaft ein. Dieses wird ringsum von einem offenen Umgang begleitet. Der frei stehende Turm besteht aus einer offenen Stahlbetonkonstruktion, der die Glocke sichtbar lässt, und steht in einem bewussten Kontrast zur Holzarchitektur.

Platz für 100 Besucher

Im Inneren sind die Bänke für 100 Besucher in einem Dreiviertelkreis um den zentralen und erhöhten Altarraum angeordnet, dessen Rückwand von Jo Homolka (Königsfeld) als Holzmosaik gestaltet wurde. Von ihm stammt auch das Bronzekreuz auf dem schlichten Altar. Hinter der Rückwand befindet sich die Sakristei. Der Dachstuhl der Kirche ist offen. Oberhalb des umlaufenden Fensterbandes, dessen figürliche und ornamentale Glasmalereien Wilhelm Luib (Ulm) geschaffen hat, ist die kuppelartige Holzkonstruktion sichtbar.

Ein Fenster auf der rechten Seite zeigt Jesus als guten Hirten und illustriert damit den Namen der Kapelle. Die Orgel rechts neben dem Altar wurde von Georges Haintz aus Schiltach gebaut und erst im Jahr 1973 in Dienst gestellt.

Die Motive der Fenster der Kapelle auf dem Sand hat Wilhelm Luib aus Ulm entworfen. | Foto: Ulrich Coenen

Folge 9

Die Kunsthistorikerin Barbara Kahle weist in ihrem Buch „Deutsche Kirchenbaukunst des 20. Jahrhunderts“ darauf hin, dass die Diskussion um kirchliche Zentralräume wie bei der Kapelle auf dem Sand, die zuvor die Ausnahme bildeten, bereits in den 1950er Jahren verstärkt einsetzte. Das Zweite Vatikanische Konzil (1962-65) begünstigte mit seiner Forderung nach Nähe zu Gemeinde die Tendenz zu zentralen Grundrisslösungen.
Als erster Zentralbau nach dem Krieg gilt die 1951 vollendete katholische Heilig-Kreuz-Kirche in Mainz-Zahlbach (Architekt Richard Jörg) Auf evangelischer Seite hat die Zentralbauidee laut Kahle neben Otto Bartning „viele Anregungen und bemerkenswerte Lösungen durch den jung verstorbenen süddeutschen Architekten Olaf Andreas Gulbransson (1916-1961) erhalten.“ Ein frühes Beispiel ist die 1954 geweihte Christus-Kirche in Schliersee.

Die Kapelle zum Guten Hirten auf dem Sand ist ein intimer Zentralraum, der durch das Baumaterial Holz geprägt wird. | Foto: Ulrich Coenen

Kühne Konstruktionen

Der Kunsthistoriker Hugo Schnell konstatiert: „Die Entwicklung des deutschen Kirchenbaus beider christlicher Konfessionen zielt seit der Mitte dieses Jahrhunderts unbeirrt auf die Zentralisation.“
Obwohl der Grundriss der Kapelle zum guten Hirten auf dem Sand dem Zeitgeist der 1960er-Jahre entspricht, bleibt die Kapelle doch eine ungewöhnliche Lösung. Es sind nämlich gerade die modernen Baustoffe Stahl, Glas und Beton, die neue kühne Konstruktionen erlaubten und damit den Sakralbau der Nachkriegszeit prägten. Die Kapelle auf dem Sand ist aber ein für den Kirchenbau der 1960er-Jahre ungewöhnlicher Holzbau.

Der schlichte Turm der Kapelle auf dem Sand. | Foto: Ulrich Coenen

Barbara Kahle hebt in ihrem Buch in einem eigenen Kapitel die „Bedeutung der Baustoffe“ hervor und berichtet, dass die neuen Baustoffe „die althergebrachten Materialien Stein, Backstein und Holz nicht vollständig verdrängt“ haben. Tatsächlich nennt sie aber nur Beispiele, bei denen Bruch- und Backstein mit Stahl, Beton und Glas kombiniert wurden.

Herrliches Mauerwerk

Sie zitiert die Begeisterung von Rudolf Schwarz für den „herrlichen ottonischen Quadermauerbau“, der sich unter anderem bei St. Anna in Düren zeigt. Kahle kennt kein einziges Beispiel in Holz. Das unterstreicht, wie ungewöhnlich das kleine Gotteshaus auf dem Sand ist.

Baustoff aus dem Schwarzwald

Die Wahl von Holz für die Kapelle zum guten Hirten hat offensichtlich zwei Gründe. Zunächst hat der Architekt Dieter Quast, der vor dem Studium eine Schreinerlehre absolvierte, eine besondere Affinität zu diesem Baustoff. Der Standort der Kapelle an der Schwarzwaldhochstraße mag die Entscheidung für Holz begünstigt haben. Holz ist ein im Nordschwarzwald weit verbreitetes Baumaterial, das auch für die traditionsreichen benachbarten Höhenhotels Sand und Hundseck Verwendung fand. Holz steht als nachwachsender Rohstoff im Schwarzwald in großer Menge zur Verfügung, so dass eine Holzkirche auf dem Sand als eine in jeder Beziehung angemessene Lösung erscheint. Die Kapelle fügt sich auch durch die Wahl des Materials behutsam in die Landschaft.

Lob von Hugo Schnell

Hugo Schnell erwähnt den kleinen Sakralbau deshalb zu Recht in seinem Standardwerk über die moderne Kirchenarchitektur: „In vielen evangelischen Kirchen ist die Konzentrierung des Raumes und der Gemeinde um den möglichst in die Mitte gestellten Altar beispielhaft gelungen.“ Er listet unter anderem die Auferstehungskirche in Schweinfurt (Architekt Olaf Andreas Gulbransson, 1957) und die Pauluskirche in Salzgitter-Lebenstedt (Architekt Friedrich Berndt, 1960) auf.

Als ein gutes Beispiel für eine kleine Kirche nennt Hugo Schnell neben der Versöhnungskirche in Geretsried bei München (Architekt Franz Lichtblau, 1970) ausschließlich Kapelle zum guten Hirten. Übrigens besitzt auch die kleine Kirche in Geretsried eine Fassade aus Holzschindeln.

Blick ins Atrium der Johanneskirche mit Gemeindezentrum Bühl (Zustand 2009, inzwischen ist die hübsche gärnterische Gestaltung im Atrium verschwunden) | Foto: Ulrich Coenen

Folge 10

„Bühl bleibt die echte Muttergemeinde, die wie eine echte Mutter zuletzt an sich denkt.“ So formulierte es Pfarrer Wolfgang Nickel 1968 in der Festschrift, die anlässlich der Vollendung der neuen evangelischen Pfarrkirche in Bühl erschien. In der Tat hatte die Kirchengemeinde Bühl im Laufe der 1960er Jahre zunächst für Sakralbauten in allen ihren Filialgemeinden gesorgt. Bühlertal, Steinbach, Neusatz, Sand hatten Kirchen erhalten. „Bühl stand nun im letzten Glied“, berichtet Nickel.

Gemeinde mit Schulden

Die Schulden für den Pfarrhausneubau in der Meister-Erwin-Straße lasteten auf der Gemeinde. Sie lagen 1961 bei 64 500 Mark. Ein Kirchenneubau schien unter diesen Voraussetzungen nicht finanzierbar. Die Gemeinde beauftragte deshalb den Architekten Dieter Quast Pläne für eine Sanierung der bestehenden neuromanischen Kirche zu erarbeiten. Bis 1963 legte Quast dem Kirchengemeinderat mehrere Sanierungs- und Erweiterungspläne für den Altbau vor, die intensiv diskutiert wurden.

Erste Pläne

Im Herbst 1963 fällte der Kirchengemeinderat eine wichtige Entscheidung und präsentierte diese in einer Gemeindeversammlung, über die der Acher- und Bühler Bote in seiner Ausgabe vom 21. Oktober 1963 ausführlich berichtete. Pfarrer Oswald Bernau stellte die Pläne Quasts für einen Kirchenneubau, ein Gemeindezentrum und einen Kindergarten am bisherigen Standort des Gotteshauses in der Krempengasse vor. Die alte Kirche sollte bis auf den Turm abgerissen werden. Als Gründe nannte Bernau neben dem erheblichen Sanierungsbedarf und den beengten Verhältnissen für die gewachsene Gemeinde ein weiteres zeittypisches Argument: „Die Kirche entspricht weder in ihrem Äußeren noch in ihren Raumverhältnissen und in ihrer Ausstattung im Inneren der heutigen Vorstellung von einem sakralen Raum.“

Nur Kitsch?

Die Baukunst des Historismus galt bis in die 1970er-Jahre als eklektizistisch und zumindest hart an der Grenze zum Kitsch, jedenfalls nicht als erhaltenswürdig. Viele Gebäude dieser Epoche, die den ersten Weltkrieg überlebt 1960er-Jahren, wurden bedauerlicherweise abgerissen. Auch die originalen Ausstattungen und Ausmalungen der Kirchen des Historismus waren betroffen. In den 1950er und 1960er Jahren gab es einen regelrechten Bildersturm. Altäre landeten auf dem Müll, Malereien wurden von den Wänden gekratzt oder übertüncht. Ein Negativbeispiel ist in dieser Hinsicht die katholische Stadtpfarrkirche St. Peter und Paul in Bühl.

Alter Kirchturm sollte erhalten bleiben

Der vom Kirchengemeinderat genehmigte Plan Quasts für eine neue evangelische Kirche, der im Oktober 1963 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, geht davon aus, dass der Turm erhalten, saniert und aufgestockt werden soll. Die Achse der Kirche sollte um 90 Grad gedreht werden, das neue größere Langhaus hätte also in Richtung Osten angeschlossen. Der alte Turm sollte die südliche Langhauswand flankieren. In der Verlängerung des Kirchenschiffs war der Gemeindesaal geplant, der sich zur Kirche hin hätte öffnen lassen.
An den Hauptbaukörper sollte im rechten Winkel (also in Richtung Süden) ein zweigeschossiger Nebentrakt anschließen, in dem der Kindergarten, eine Bibliothek und Jugendräume Platz finden sollten. Ähnlich wie in Steinbach wäre durch die zweiflügelige Anlage ein offener Hof entstanden.

Bürgermeister Burger mischt sich ein

Eine Initiative von Bürgermeister Erich Burger sorgte dafür, dass dieser Entwurf nicht zur Ausführung kam. Er machte die evangelische Kirchengemeinde darauf aufmerksam, dass die Familie Hoerth ein Grundstück an der Bühlot in sechs Baustellen aufteilen und verkaufen wollte. Am 13. September 1964 wurde beim Notar der Kaufvertrag für das 4 400 Quadratmeter große Gelände unterzeichnet. Der Weg für den Kirchenneubau an der heutigen Stelle war damit frei.

Dieses Modell zeigt den Wettbewerbsbeitrag des Heidelberger Architekten Dieter Quast für die Johanneskirche. Zwar siegte er damit bei der Konkurrenz, doch sein erster Entwurf wurde aus Kostengründen nicht realisiert. | Foto: BNN-Archiv

Folge 11

Nachdem die Bühler Kirchengemeinde am 20. Juli 1964 den Beschluss zur Trennung von den beiden Tochtergemeinden in Bühlertal und Steinbach gefasst hatte, war der Weg frei für den Kirchenneubau in Bühl. Im Rahmen eines Einladungswettbewerbs wurden drei Architekten um Pläne für eine Pfarrkirche mit Gemeindezentrum gebeten. Das Raumprogramm sollte neben der Kirche mit 240 Sitzplätzen einen großen Gemeindesaal für 180 Personen, einen Clubraum, Jugendräume, Teeküche, Räume für die Fürsorgerin, eine Wohnung für den Kirchendiener, ein Pfarrhaus und einen Kindergarten umfassen. Die Architekten sollten prüfen, ob sich das Projekt vollständig auf dem neu erworbenen Hoerthschen Gelände verwirklichen lasse oder ob Teile auf den bisherigen Standort in der Krempengasse verlagert werden müssten.

Wettbewerb mit drei Architekten

Am Wettbewerb beteiligten sich die Architekten Quast, Gierich (Ettlingen) und Stahl (Forchheim). Das Preisgericht, das sich aus Architekten und zwei Mitgliedern des Kirchengemeinderates zusammensetzte, wählte den Entwurf von Dieter Quast aus. Der Neubau wurde mit 1,8 Millionen Mark veranschlagt.
Der Acher- und Bühler Bote berichtete in seiner Ausgabe vom 26. Oktober 1965 von einem Eltern- und Gemeindeabend der evangelischen Kirchengemeinde, auf dem Pfarrer Joecks die Pläne öffentlich vorstellte. Er rief zu Spenden auf, weil der Neubau trotz der finanziellen Unterstützung des Oberkirchenrates sonst nicht zu schultern sei.

Aufwändige Pläne

Der Acher- und Bühler Bote beschreibt Quasts Entwurf wie folgt: „Die Kirche mit einem 35 Meter hohen Turm, der Gemeindesaal, die Jugendräume, die Jugendbücherei, die Arbeitsräume für die Gemeindehelferin und die Fürsorgerin, die Kirchendienerwohnung und das Pfarrhaus gruppieren sich um einen weiträumigen Innenhof, wodurch die ganze Anlage sehr geschlossen wirkt. Die Kirche als Hauptbaukörper hebt sich aus dem Gebäudekomplex heraus. Auf dem Gelände der jetzigen alten Kirche, die abgerissen wird, entsteht der evangelische Kindergarten, der in seiner klaren und zweckmäßigen Gliederung ein besonderes Lob von der Gutachterkommission erhielt.“

Fotos von Modellen erhalten

Im Archiv des Acher- und Bühler Boten blieben Fotos der beiden Modelle von Kirche mit Pfarrzentrum und Kindergarten erhalten. Das dreiflügelige Pfarrzentrum öffnet sich zur heutigen Johannesstraße. Auf dem Innenhof steht völlig frei ein großer, flach gedeckter Zentralbau, der die niedrigen Nebengebäude deutlich überragt. An seiner Nordecke erhebt sich der Kirchturm. Im Hinblick auf die Grundrissdisposition erinnert der Entwurf an die Lutherkirche in Heidelberg-Bergheim, die Quast 1966 vollendete. Der eingeschossige Kindergarten besteht aus zwei gestaffelten Baukörpern über rechteckigem Grundriss mit einem auf zwei Stützen weit vorkragenden Vordach.

Projekt war viel zu teuer

Sehr schnell wurde deutlich, dass sich die beiden großen Bauvorhaben auf dem Hoerthschen Gelände und in der Krempengasse von einer Gemeinde mit 2 000 Mitgliedern wegen der damit verbundenen hohen Kosten nicht realisieren ließen. Am 4. März 1967 berichtete der Acher- und Bühler Bote über die reduzierten Pläne. Der Kindergarten in der Krempengasse war nun kein Thema mehr. Er sollte in das Gemeindezentrum auf dem Hoerthschen Gelände integriert werden.

Ein neuer Kindergarten sollte auf dem Gelände der alten Kirche in der Krempengasse entstehen. Auch diese Idee ließ sich aus Kostengründen nicht realisieren. | Foto: BNN-Archiv

„Im Gegensatz zu den früheren Plänen ist alles etwas kompakter geworden“, urteilt Theo Kemper im Acher- und Bühler Boten. „Durch die Konzentrierung wird der jetzige Kirchplatz – im Gegensatz zu früheren Plänen – nicht mehr für den Neubau des Kindergartens benötigt.“

Erster Spatenstich war 1967

Am 15. Juli des Jahres 1967 wurde offiziell der erste Spatenstich gesetzt. Am 10. November 1968 wurden Kirche und Gemeindezentrum ihrer Bestimmung übergeben.

Evangelische Pfarrkirche, Kindergarten und Pfarrhaus umschließen in Bühl ein Atrium. (Zustand 2009, inzwischen ist die hübsche gärtnerische Gestaltung im Atrium verschwunden) | Foto: Ulrich Coenen

Folge 12

Der zweite schließlich ausgeführte Entwurf von Dieter Quast für Pfarrkirche und Gemeindezentrum St. Johannes in Bühl hat mit dem Wettbewerbserfolg von 1965 nicht mehr viele Gemeinsamkeiten. Die Projektleitung in Bühl hatte übrigens Quasts inzwischen verstorbener Mitarbeiter Hofmeier.
Der Sakralbau der 1960er Jahre wurde in Deutschland durch zahlreiche spektakuläre Neubauten geprägt, deren wichtigstes Beispiel die 1968 geweihte Wallfahrtskirche in Neviges von Gottfried Böhm ist, die wie eine überdimensionale Skulptur erscheint. In den 1970er Jahren machte sich eine neue Bescheidenheit breit. Die Kunsthistorikerin Barbara Kahle spricht in diesem Zusammenhang von „Kirche als Haus der Gemeinde, das in einfachen, schlichten Bauten seinen architektonischen Ausdruck findet“.

Einschneidende Sparmaßnahmen

Die in Bühl notwendigen Sparmaßnahmen, die die Baukosten von 1,8 auf 1,4 Millionen Mark drückten, nahmen diese Entwicklung wohl ein Stück weit vorweg. Doch auch, wenn die ausgeführte Johanneskirche nicht mehr wie der Wettbewerbserfolg steil und hoch aus der Mitte des Gemeindezentrums aufragt, sondern nur noch ein Teil von diesem ist, setzt sie einen wichtigen städtebaulichen Akzent. Dabei spielt die Ensemblewirkung des neuen Gemeindezentrums eine entscheidende Rolle.

Lange Tradition

In der evangelischen Kirche haben Gemeindezentren eine lange Tradition, die bis in das frühe 20. Jahrhundert zurückreicht. Als frühes Beispiel für ein Gemeindezentrum nennt Kahle die Melanchthon-Kirche von Theodor Merrill in Köln-Zollstock (1930/31). Weil neben den gemeinsamen Gottesdiensten das Bedürfnis nach einem Gemeindeleben wuchs nahm die Zahl der Gemeindezentren seit den 1950er Jahren zu. Diese Tendenzen wurden seit den 1960er Jahren von der katholischen Kirche aufgegriffen. An die Stelle von additiven Lösungen, bei denen sich die Bauten des Pfarrzentrums dem Sakralbau unterordneten, traten seit der Mitte der 1960er Jahren integrative Gesamtformen.

Wichtige Vorbilder

Als wichtiges Beispiel nennt Kahle St. Walburga in Hausberge/Porta Westfalica (Architekten Emil Stefan, Gisbert Hausmann, 1966–69). Bereits in den 1980er Jahren endete der Bauboom für Gemeindezentren wieder. Die Gleichstellung der Kirche mit anderen Funktionen wurde nun als Selbstauflösung interpretiert und galt, wie Wiebke Arnholz 2010 in ihrer an der Universität Düsseldorf angenommenen Dissertation über moderne Wallfahrtskirchen berichtet, der Bauaufgabe nicht mehr als angemessen.
Johanneskirche und Gemeindezentrum in Bühl entsprechen dem Geist der späten 1960er Jahre. Dieter Quast beschreibt die Gesamtanlage in der anlässlich der Eröffnung erschienen Festschrift 1968 ausführlich. Dabei betont er deren städtebauliche Bedeutung: „Der Turm steht im Blickpunkt von Johannesplatz und Bühlertalstraße. Er beherrscht die neue Straße.“

Der Entwurf von Dieter Quast für die Johanneskirche sah ursprünglich einen anderen Turm vor, der sich am Steinbacher Vorbild orientiert. Dieses Modell von 1967 zeigt die erste Lösung des Heidelberger Architekten. | Foto: BNN-Archiv

Kirche und Gemeindezentrum gruppieren sich um ein vierflügeliges Atrium mit der Kirche und dem unmittelbar anschließenden Gemeindesaal an der Nordseite, östlich schließt der niedrigere zweigeschossige Trakt mit Kindergarten im Erdgeschoss und Jugendräumen im Obergeschoss an.
Den Südflügel bildet das ebenfalls zweigeschossige Pfarrhaus. An der Westseite öffnet sich das Atrium zur neuen Johannesstraße. Ihr ist an der Südwestecke der fünfgeschossige Glockenturm vorgelagert. Quast bezeichnet ihn in als „Wächter der Kirche“. Das ist das Bauwerk mit seinen 22 Meter Höhe, das aus zwei unterschiedlichen hohen Sichtbetonscheiben (80 und 40 Zentimeter stark) besteht, in der Tat.

Elegant und transparent: Der frei stehende Turm der Bühler Johanneskirche. | Foto: Ulrich Coenen

Vorbild in Steinbach

Das 1967 vorgestellte Modell sah noch einen schlichten, fast plumpen Glockenträger nach dem Vorbild der Steinbacher Kirche vor, der glücklicherweise durch diese wesentlich elegantere und auch aufwändigere Lösung ersetzt wurde. Charakteristisch sind die Betontreppe, die um die schmalere und niedrigere Sichtbetonscheibe herumführt und Blicke über Stadt und Landschaft in alle Himmelsrichtungen erlaubt, und die Glockenstube im vierten Geschoss, die ebenso wie das Erdgeschoss mit Ziegeln ummauert ist und im reizvollen Kontrast zu den drei offenen Stockwerken steht.

Festakt zur Vollendung der Johanneskirche: Der Architekt Dieter Quast übergibt Hans Heidland, dem Landesbischof der evangelischen Landeskirche in Baden, am 10. November 1968 offiziell den Schlüssel. | Foto: BNN-Archiv

Folge 13

Kirche und Gemeindesaal in Bühl sind unter einem asymmetrischen Satteldach zu einem lang gestreckten Baukörper zusammengefasst, der die übrigen Trakte des Gemeindezentrums deutlich überragt. Das Dach ist in westliche Richtung, also vom Chor an der Johannesstraße zum Gemeindesaal vierfach abgestuft. Der Gemeindesaal ist also deutlich niedriger als der eigentlich Sakralbau, seine geringere Bedeutung für die Liturgie wird dadurch ablesbar.

Schönes Ziegelmauerwerk

Das Tragwerk von Kirche und Gemeindesaal bilden einhüftige, freistehende Leimbinder mit Doppelstützen, die im Inneren frei sichtbar sind. (Einhüftig bedeutet, dass das Satteldach an den beiden Langseiten in unterschiedlicher Höhe ansetzt.) Drei Meter hohe Außenwände aus dunkelbraunem Vormauerziegeln ummanteln die Konstruktion, zwischen dem Dach und der Wand vermittelt an jeder Seite ein breites Lichtband, lediglich der unregelmäßige dreiseitige Chor wurde bis zum First aufgemauert. Er erfährt seine indirekte Belichtung von rechts.

„Intimer Bereich zur Sammlung“

Das eine Treppenstufe niedriger angesetzte Kindergartengebäude und das Pfarrhaus bestehen aus demselben Ziegelmauerwerk und tragen flache Satteldächer. Alle Dächer sind mit schlichten Wellplatten aus grauem Faserzement gedeckt. Das vierflügelige Atrium, das alle Baukörper verbindet, bezeichnet Quast als „intimen ruhigen Bereich, der zur Sammlung vor dem Gottesdienst und zum Gespräch nach dem Gottesdienst einlädt“.

Die Johanneskirche prägt die Johannesstraße in Bühl | Foto: Ulrich Coenen

Vorbild in Köln

Das Bühler Gemeindezentrum mit seinem Atrium ist ein typischer Vertreter der 1960er Jahre. Vorhöfe dieser Art finden sich insbesondere im Werk von Emil Steffanns. Die 1961 geweihte und 2017 außer Dienst gestellte katholische Kirche St. Laurentius in Köln-Lindenthal ist ein wichtiges Beispiel und besitzt wie das Bühler Gemeindezentrum einen quadratischen Innenhof, der in Anlehnung an ein römischen Atrium von einem überdachten Umgang mit zentralen Brunnen gerahmt wird.

Johanneskirche und Gemeindezentrum folgen in ihrer Gestalt baukünstlerischen Tendenzen, die sich bereits in den 1950er Jahren herausbildeten. Typisch sind nach Ansicht der Kunsthistorikerin Barbara Kahle Stahlbetonskelette als Tragwerk, die Zwischenfelder werden mit unterschiedlichen Materialien gefüllt. Als frühes und wichtiges Beispiel für eine Ziegelausfachung nennt sie katholische Kirche St. Antonius in Essen, die von Rudolf Schwarz erbaut und 1959 konsekriert wurde.

Holzkonstruktion ist ungewöhnlich

Der Vergleich mit Bühl offenbart die Eigenständigkeit des Entwurfs von Dieter Quast. Ziegelmauerwerk kam auch dort zum Einsatz, allerdings bildet eine eher ungewöhnliche Holzkonstruktion mit offenem Dachstuhl das Tragwerk. Über die Vorliebe des gelernten Schreiners Dieter Quast für Holz wurde in Folge 9 bereits gesprochen. Seine kleine Kirche in Steinbach ist ein konventioneller Stahlbetonbau, der als Wegkirche formal durchaus Ähnlichkeit und Vorbildfunktion für Bühl hat. Durch die Wahl von Holz und Ziegel als prägende Baustoffe setzt Quast in Bühl aber einen völlig anderen Akzent, der durch den dreiseitig gebrochenen Chor organischer wirkt als der Grundriss in Steinbach. Auch das Gemeindezentrum, das in Steinbach nur aus einem Seitentrakt besteht, gewinnt mit der großen Atriumanlage in Bühl an Bedeutung.
Barbara Kahle widmet der „Bildhaftigkeit des neuen Kirchenbaus“ in ihrem Buch ein eigenes Kapitel. Damit beschreibt sie eine den Sakralbauten „innewohnende Symbolik“. Für die 1950er und 1960er Jahre nennt sie Motive wie Weg, Zelt, Fels, Höhle, Arche und Burg mit oft monumentalem Anspruch, wie beispielsweise im Werk von Gottfried Böhm.

Bildhaftigkeit der Architektur

Die Bildhaftigkeit der Architektur von Dieter Quast ist eine andere. Sein Ensemble in Bühl ist Sinnbild der Gemeinde, wobei die deutlich überhöhte Kirche bewusst eine beherrschende Position einnimmt.
Auch wenn es der Johanneskirche und dem Gemeindezentrum bewusst an Monumentalität fehlen und beide damit formal bereits auf die Sakralbaukunst der 1970er-Jahre verweisen, prägen sie das neue Quartier, das an der Johannesstraße entstanden ist.

Das Atrium der Johanneskirche wurde in den vergangenen Jahren umgestaltet. Statt eines Gartens mit Wasserbecken präsentiert es sich nun mit Betonpflaster. | Foto: Ulrich Coenen

Folge 14

Während die Johanneskirche im Originalzustand bis heute besteht, wurden Pfarrhaus und Kindergarten durch Umbauten und Sanierungen teilweise entstellt. Zunächst wurde 1990 an der Westseite des zweigeschossigen Pfarrhauses ohne Rücksprache mit Dieter Quast ein eingeschossiger Erweiterungsbau für das Pfarramt angefügt, der den Gesamteindruck erheblich beeinträchtigt. Außerdem entstand an der Innenhofseite des Ostflügels ein unschöner und langgestreckter Abstellraum. Der teilweise offene und teilweise verglaste Umgang des Atriums wird damit an einer Seite geschlossen, der Raumeindruck zerstört. Gleichzeitig erhielt der Kirchturm ein schönes Kreuz, das von Quast entworfen wurde.

Pfarrhaus wurde gedämmt

Mindestens ebenso einschneidend war die sogenannte energetische Sanierung des Pfarrhauses 2010, bei der das Gebäude in Styropor eingepackt und anschließend neu verklinkert wurde. Die Tiefe der Fensterbrüstungen wuchs durch Dämmung und Klinker um beachtliche 18 Zentimeter. Außerdem wurde der lang gestreckte Balkon an der Gartenseite, weil er eine Wärmebrücke bildet, abgesägt.
Durch die Verwendung eines Klinkers, der dem originalen Mauerwerk zumindest einigermaßen ähnelt, wird der Gesamteindruck des Ensembles glücklicherweise nicht völlig entstellt. 2011 folgte die energetische Sanierung des Kindergartens.

Kein Einzelfall

Das evangelische Gemeindezentrum ist kein trauriger Einzelfall, sondern Teil eines riesigen Problems. Die Dämmung von herausragenden Bauwerken der Nachkriegsmoderne wie in diesem Fall im Bühl ist immer problematisch, weil dabei die feingliederige Architektur zerstört wird.

Expertin warnt

Ira Mazzoni warnte bereits 2011 in der Süddeutschen Zeitung „warum es falsch ist, unsere Gebäude und Städte hinter uniformen Wärmedämmplatten zu verstecken. So hat landauf, landab die Gleichmacherei begonnen. Nivelliert werden regionale Bautraditionen, Schmuckformen genauso wie singuläre Architekturen, ganze Stadtviertel oder Kulturlandschaften.“

Die energetischen Sanierungen von Bestandsbauten sind oft nur extrem kostspielig, wegen der relativen Kurzlebigkeit der Dämmmaterialien nicht nachhaltig und deshalb, wenn es sich um bedeutende Nachkriegsbauten handelt, nicht sinnvoll.

Die Außenwände von Pfarrhaus (vorne) und Kindergarten wurden gedämmt und verklinkert. | Foto: Ulrich Coenen

Maßvolle Eingriffe sind sinnvoll

In der Regel reichen die Sanierung beziehungsweise die Dämmung des Daches und der unteren Geschossdecke, die Erneuerung der Fenster und die Dämmung von Heizkörpernischen. Damit sind die überwiegenden Teile der Gebäudehülle gedämmt. Den Rest erledigt eine moderne Heizung. Diese Chance wurde beim evangelischen Gemeindezentrum in Bühl vertan.

Auch das Atrium, das Dieter Quast als „intimen ruhige Bereich, der zur Sammlung vor dem Gottesdienst und zum Gespräch nach dem Gottesdienst einlädt“ bezeichnet, wurde purifiziert. Die hübsche gärtnerische Gestaltung wurde in mehreren Schritten rückgebaut. Zunächst wurde das Wasserbecken trockengelegt. Bei der letzten Sanierung wurde der kleine Innenhof mit trostlosen Betonsteinen gepflastert.

Kein Denkmalschutz

Kirche und Pfarrzentrum stehen trotz ihrer Bedeutung für die Sakralarchitektur der 1960er Jahre in Mittelbaden nicht unter Denkmalschutz, so dass weitere Umbauten jederzeit möglich sind. Dieses Zögern der Denkmalschutzbehörden ermöglicht unnötige Veränderungen am Werk von überregional bedeutenden Architekten wie Dieter Quast.

Dadurch bleibt es mehr oder weniger dem Zufall überlassen, welche Gebäude der Nachwelt unverändert übergeben werden. Wenn Eigentümer wie in diesem Fall die evangelische Kirchengemeinde Bühl über eine ausreichende Kapitalausstattung verfügen, sind energetische Sanierungen, die das notwendige und vernünftige Maß überschreiten, wahrscheinlich.