Oswald Grißtede nahm aus den Händen von Oberbürgermeister Hubert Schnurr die Ernennungsurkunde zum Ehrenbürger entgegen. | Foto: Bernhard Margull

Neuer Bühler Ehrenbürger

Ein „Oscar“ fürs Lebenswerk

Wollte ein Autor ein Drehbuch für einen Film über Oswald Grißtedes Bühler Jahrzehnte schreiben, er müsste zwingend mit einer Fahrt von der Autobahn Richtung Stadt beginnen. Sie spielt im Jahr 1973, als das Ehepaar Grißtede Bühl erkunden möchte, wo dem jungen Pädagogen eine Stelle am Windeck-Gymnasium angeboten worden ist. Die Fahrt Richtung Schwarzwald, der Blick auf die Landschaft – das begeistert ihn und seine Frau Hildegard so sehr, dass die Entscheidung für Bühl schnell gefallen ist. „Nie hätte ich mir damals träumen lassen, was sich hier entwickeln sollte“, sagte Grißtede jetzt im Friedrichsbau: Dort ernannte ihn Oberbürgermeister Hubert Schnurr zum Bühler Ehrenbürger – für Oswald Grißtede, der in Eberbach im Odenwald als Sohn einer Kinobetreiberfamilie aufgewachsen und seither ein großer Filmfan ist, ist das wie ein „Oscar“ fürs Lebenswerk.

„Brücken geschlagen“

Bei der von Wilhelm Haas am Bass und Grißtedes Cousin Michael Laule am Piano musikalisch begleiteten Feierstunde erinnerte Hubert Schnurr an Grißtedes umfangreiches Engagement, mit dem er insbesondere die Menschen erreicht und persönliche und berufliche Brücken geschlagen habe. Er habe die Stadt mitgeprägt und ihr ein Gesicht gegeben. Als SPD-Stadtrat von 1984 bis 2017 (ab 1994 als Fraktionsvorsitzender) habe Grißtede mit Elan und Sachkenntnis für seine Vorstellungen und Ziele gefochten und dabei Weitblick und Sinn für das Machbare bewiesen. Schnurr sprach von einem „besonnenen und konstruktiven Politiker“, der mit Ruhe und Gelassenheit agiert, aber nichts auf die lange Bank geschoben habe. Die lange Reihe an wesentlichen Entscheidungen in Grißtedes Amtszeit zeigte, wie sehr sich Bühl in diesen 33 Jahren verändert hat – und dass diese Entwicklung in hohem Maße auch Grißtedes Handschrift trägt. Das gilt ebenso für das Windeck-Gymnasium (hier war er 20 Jahre lang auch Personalrat), das er 2007 als Studiendirektor verließ.

Engagement für die Tafel

Besonders hob Schnurr Grißtedes Engagement für die Bühler Tafel hervor, für das Grißtede bereits den ersten Ehrenamtspreis der Stadt erhalten hatte. Grißtede habe als Gründungsvorsitzender eine Idee zu einer konkreten Sache gemacht. Maßgeblich sei er an der Auswahl des richtigen Standorts für den Tafelladen beteiligt gewesen, und in seiner vierjährigen Amtszeit sei der Laden zu einer Erfolgsgeschichte geworden. Menschen, die finanziell am Rande der Gesellschaft leben, hätten dadurch ihre Lebenssituation stabilisieren können.

Respekt vor anderen Meinungen

Oswald Grißtede dankte für die seltene Ehrung und bezog darin auch seine Frau und die beiden Töchter ein, die manches Mal dem politischen Engagement Tribut gezollt hätten. Die kommunalpolitische Auseinandersetzung sei in Bühl stets geprägt gewesen vom Respekt vor anderen Meinungen. 1944 geboren, gehöre er einer Generation an, die eine sehr lange Friedenszeit erleben durfte. Die Welt habe sich aber in dieser Zeit auch rasant verändert, vieles von dem, was heute „normal“ sei, hätte in seiner Jugend noch als Science-Fiction gegolten. Sorge mache ihm indes manche weltweite Veränderung in Politik und Gesellschaft, die die Axt an demokratische Wurzeln lege. Ihm sei es stets wichtig gewesen, auch jene im Blick zu haben, denen es nicht so gut gehe; das sei auch die Motivation für das Engagement für die Bühler Tafel gewesen. Es war eines von zahlreichen Gebieten, auf denen sich Grißtede engagiert hat – und die dafür gesorgt haben, dass eine Fahrt über den Autobahnzubringer den Grundstein für ein „Bühler Lebenswerk“ gelegt hat.