Begleiter auf einer Reise durch die Zeit: Michael Rumpf kommentierte die Szenen aus den Jahren 1958, 1968 und 1978; Klaus Martin Kühn untermalte sie mit vielfältigen musikalischen Ideen. | Foto: Lienhard

Elfte Filmnacht in Bühl

Eine immer wieder neue Variation des Bekannten

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Geschichte wiederholt sich nicht? Von wegen: Bei der mittlerweile elften Filmnacht des Fördervereins Stadtmuseum stellen sich die Déjà-vu-Erlebnisse in solch großer Zahl ein, dass Nietzsches Gedanke von der ewigen Wiederkehr des Gleichen nicht weit ist. 1958, 1968, 1978: Szenen aus diesen Jahren lässt Michael Rumpf, der Leiter des Stadtgeschichtlichen Instituts, beim Stadtmuseum über die Leinwand ziehen, und was die gut 400 Besucher zu sehen bekommen, ist eine immer wieder neue Variation des Bekannten: Es wird gebaut.

Es wird gebaut – und wie

Und wie: Auf der Bühlerhöhe entsteht die Kapelle Maria Frieden, die Spatenstiche für Volksschule und Handelsschule werden gesetzt (1958), es wird gebaut an der Bachschlossschule und am TÜV-Gebäude (1968), die Arbeiten für Schwarzwaldwohnstift und das Modehaus Pfeiffer, den Affentaler Winzerkeller und die Schlossberghalle in Neusatz beginnen (1978).

Déjà-vu am Kirchplatz

Der Tiefbau steht in nichts zurück: 1958 wird  der Autobahnabschnitt zwischen Baden-Baden und Bühl fertig,  der Zubringer von Altschweier nach Bühl ist im Bau (begleitet von Protesten der Obstbauern, die ihr Land hergeben mussten);  zehn Jahre später folgen der Ausbau der B 3 und die Erweiterung des Friedhofs; 1978 bringt Bilder von der Verdolung des Vimbucher Dorfbachs und der Kanalisation im Bühler Kirchgassweg. Nietzsche hätte sich aber vor allem bei jenen Bildern bestätigt fühlen können, die den Kirchplatz zeigten: „Wie üblich werden alle 20 Jahre die Bäume herausgerissen und das Pflaster erneuert“, sagt Michael Rumpf, und er blickt damit nicht auf das Jahr 2018, sondern auf 1958; tatsächlich kommt 20 Jahre später wieder ins Bild: Gebuddel in der Eisenbahnstraße und auf dem Kirchplatz.

Blick auf den Platz beim Stadtmuseum, der einmal im Jahr zum Freiluftmuseum wird. Foto: Lienhard

Applaus und Gelächter sind dem Kommentator da sicher; Humor gehört im Übrigen aber immer zur Filmnacht: Zu sehen sind Honoratioren, die bei einer Waldbegehung sich zu einem Nickerchen auf den Boden oder einen Liegestuhl legten; Bildschnitt zum nächsten Detail der Waldbegehung: leere Bierflaschen auf einem Tisch.

Zeiten des Aufbruchs

Die Filmnacht ist eben mehr als eine Geschichtsstunde in bewegten Bildern, mehr als eine chronologische Auflistung der vielfältigen Bauprojekte (die hier auch nur auszugsweise wiedergegeben sind). Sie lebt von der Erinnerung an die Menschen, die zu sehen sind, an Ereignisse wie das erste Bühler Stadtfest 1978 oder das Hochwasser vom Mai desselben Jahres, von kleinen Diskussionen über Bilddetails; sie lebt vom Flair und Geist, den die Bilder manchmal transportieren, wenn sie etwa einen Bühler Wintertraum 1958 zeigen (Rumpf: „ein Winter, wie wir ihn uns heute nicht mehr vorstellen können“), man glaubt geradezu den Taktschlag der Zeit zu spüren, wenn der „Enteköpfer“ durchs Bild zuckelt – auch wenn dies eine Projektion aus der hektischen Gegenwart auf eine vermeintlich ruhige, bessere Zeit sei dürfte. Ruhig war es auch vor 50 Jahren gewiss nicht immer, 1968 war der Jahr des gesellschaftlichen Aufbruchs; eine Ahnung davon erfasste auch Bühl: In Amalie Müller und Susanne Krämer zogen erstmals Frauen in den Gemeinderat ein.

Ideenreiche Begleitmusik

Und doch entfalteten all diese Bilder deutlich weniger an Faszination, wäre da nicht die so elegante wie unaufdringliche Begleitmusik: Klaus Martin Kühn, der stellvertretende Leiter der Bühler Musikschule, trägt mit seinem Klavierspiel mühelos in die Atmosphäre einer anderen Zeit und macht die Filmnacht zu einem optisch-akustischen Gesamtkunstwerk, immer mit passenden Liedeinfällen zum jeweiligen Geschehen auf der Leinwand. Er zitiert etwa bei einer Tagung des Schwarzwaldvereins 1968 in Bühl das Badnerlied, er begleitet die Einweihung des Bürgerheims mit einem bilanzierenden „My Way“ und das Armbrustschießen im Stadtgarten mit der tirilierenden Ouvertüre der Rossini-Oper „Wilhelm Tell“. Apropos Stadtgarten: 1958 pusten im Großherzog-Friedrich-Brunnen neue Wasserfontänen. „Das prägte das Bild des Stadtgartens für viele Jahre, und ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass das wieder einmal so sein wird“, sagt Rumpf. Schön wäre es am Ende doch, wenn sich Geschichte manchmal wiederholt.