Der Bahnhof Bühl um das Jahr 1892. Im Hintergrund der Staatsbahnhof, vorne die Station der Straßburger Straßenbahn, ab 1923 MEG. | Foto: Stadtgeschichtliches Institut Bühl

175 Jahre Eisenbahn in Bühl

Selbst Revolutionäre fuhren mit dem Zug

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Die Rheintalbahn von Mannheim über Karlsruhe nach Basel war und ist eine der großen wie wichtigen Magistralen des Schienenverkehrs in Deutschland und Europa. Die badische Hauptbahn misst gut 400 Kilometer und ist die längste wie älteste Bahnstrecke der Deutschen Bahn. Und sie gehört heute zu den höchstbelasteten im Netz der DB. Seit genau 175 Jahren können auch die Bühler die Welt über die Schiene „erobern“.

Am 1. Juni 1844 begann zwischen Oos (Baden-Baden) und Offenburg der Betrieb. Damit gehört Bühl zu den Städten, die in Deutschland sehr früh mit der Eisenbahn in Kontakt kamen. Der erste Dampfzug rollte bekanntlich ab 1835 zwischen Nürnberg und Fürth.

Empfangsgebäude des Bühler Bahnhofs eines der ältesten in Deutschland

Das Empfangsgebäude des Bühler Bahnhofs entstand 1844 nach den Plänen des Architekten Jakob Paniani und ist damit ein Zeuge dieser Zeit, in der die Bahn für wirtschaftlichen Aufschwung stand. Und noch mehr: Die Eisenbahn ermöglichte den Menschen eine bislang nicht gekannte Form der Mobilität. In Baden setzte man sich sehr früh mit dem Thema Schienenverkehr auseinander, befördert von den Ideen der Eisenbahnpioniere wie Friedrich List, Ludwig Newhouse oder Karl Friedrich Nebenius.

Landtag von 1838 beschloss Bahnbau von Mannheim nach Basel

Bereits 1838 wurden – nach rund eineinhalb Jahren ministerieller Vorplanung – Nägel mit Köpfen gemacht. „Auf dem Landtage von 1838 wurde der Bau der großen badischen Bahn von Mannheim an die südliche Grenze des Landes bei Basel beschlossen“, schreibt Karl Müller in seinem 1904 erschienenen Werk „Die badischen Eisenbahnen in historisch-statischer Darstellung“. Das Gesetz zur  „Erbauung einer Eisenbahn von Mannheim bis an die Schweizer Grenze bei Basel“ wurde dann „Gegeben zu Carlsruhe in Unserem Staats-Ministerium, den 29. März 1838“ durch „Leopold, von Gottes Gnaden, Großherzog von Baden und Herzog von Zähringen“.

Zentrales Dokument im Generallandesarchiv Karlsruhe

Laut Artikel 1 des im Generallandesarchiv (GLA) in Karlsruhe aufbewahrten, zentralen Dokuments für die Historie des Schienenverkehrs in Baden wird eine Eisenbahn „von Mannheim über Heidelberg, Carlsruhe, Rastatt, Offenburg, Dinglingen und Freiburg bis zur Schweizer Grenze erbaut. Kehl wird durch eine Seitenbahn mit der Hauptbahn verbunden.“

Bahnbauer mussten regelmäßig Rapport liefern

Über Fortschritte und Kosten beim Bahnbau mussten die Verantwortlichen dem Landtag regelmäßig Rapport liefern. Interessanterweise war die Strecke gleich zweigleisig geplant, anfangs wurde aber überwiegend nur ein Schienenstrang verlegt. Die Zugdichte war natürlich in der frühen Zeit eine andere als heute. Die Lokomotiven wurden mit Dampf betrieben, und die Personenwagen glichen in ihren Aufbauten Kutschen.

Die Lokomotive Löwe gehörte mit der Greif zur „Erstausstattung“ auf der badischen Hauptbahn. | Foto: Thomas Gries

Sechs Zugpaare fuhren laut Winterfahrplan 1844/45 (Original im GLA) auf der badischen Hauptbahn zwischen Mannheim und Offenburg. In beide Richtungen gab es jeweils drei durchgehende Verbindungen. Wer damals vom Norden Badens in die Ortenau wollte, konnte um 7.10 Uhr in Mannheim starten und erreichte Offenburg um 12.36 Uhr. In „Carlsruhe“ kam dieser Zug um 9.45 Uhr an, verließ die Fächerstadt um 10 Uhr, fuhr ab Bühl um 11.36 Uhr und ab Achern um 11.54 Uhr.

25 Minuten von Bühl nach Oos

In die Gegenrichtung ging es durchgehend ab Offenburg um 11.10 Uhr, Bühl 12.14 Uhr, Steinbach 12.24 Uhr, Oos (Baden-Baden) 12.39 Uhr, Rastatt 12.58 Uhr. Mannheim wurde schließlich um 16.38 Uhr erreicht. Ein Regional-Express (RE) braucht heute für die Strecke von Offenburg nach Karlsruhe 47 Minuten, der ICE sogar nur eine gute halbe Stunde. Karlsruhe erreicht man von Bühl per RE in 28 Minuten. Für den Weg nach Baden-Baden werden sieben Minuten veranschlagt.

Spurweite betrug anfangs 1600 Millimeter

Von Offenburg nach Mannheim benötigt ein ICE heute laut Fahrplan 58 Minuten, nur mit Regionalzügen sind es mit Umsteigen in Karlsruhe knappe zwei Stunden. Da war die Bahn vor 175 Jahren doch etwas länger unterwegs. Die Spurweite der Gleise betrug 1 600 Millimeter. Die ersten Lokomotiven kamen, da in Baden die Erfahrung im Bau dieser Maschinen fehlte, aus England und hießen Greif sowie Löwe.

„Badenia“ die erste „eigene“ Lokomotive

Die Karlsruher Maschinenfabrik Kessler lieferte 1842 mit der „Badenia“ die erste, in Südwestdeutschland produzierte Lok. Das mit der Breitspur erwies sich für die Badener sehr bald als Problem, denn die Majorität im schnell wachsenden internationalen Hauptbahnnetz war eine Spurweite von 1 435 Millimetern. So wurden die Gleise in Baden 1854/55 umgerüstet.  1870 war die direkte Verbindung von Mannheim nach Karlsruhe über Graben-Neudorf vollendet. Fairerweise muss man deshalb dazusagen, dass früher mit der Trassenführung über Heidelberg (mit Blick auf den heute zudem möglichen, direkten Weg von Karlsruhe nach Mannheim) ein Umweg gefahren wurde.

Baden wird ein Weltmarktplatz werden

Die Eisenbahn brachte in der Folge das, was Vordenker Ludwig Newhouse prognostizierte: „Baden wird ein Weltmarktplatz werden.“ In Bühl trat zum Beispiel das mittelbadische Obst aus der 1894 erbauten und 2001 abgerissenen Güterhalle seine Reise „in alle Welt“ an und sorgte für Wohlstand. Und per Bahn konnte nun auch der Bühler vor seiner Haustür auf Tour zu fernen Orten gehen.

Ab Sommer 1845 bis nach Freiburg

Bereits ab Sommer 1845 lagen die Gleise bis nach Freiburg, am 30. Juli war der Abschnitt von Offenburg in die Breisgau-Metropole fertig gestellt.  Ab 1848 standen in Baden die Zeichen auf Revolution. Die Bahn, gerade ein paar Jährchen in Betrieb, diente plötzlich militärischen Zwecken: Sprich Truppenverschiebungen. Und natürlich nutzten auch die Freischärler die Möglichkeit, mit dem Zug vergleichsweise schnell zu reisen. Die Eisenbahn wurde militärisch-strategischer Faktor. Gleich mehrfach gab es vor diesem Hintergrund Anschläge von Revolutionären auf die Gleisanlagen. Vielleicht klingt es ein bisschen makaber, aber die Bedeutung des Schienenverkehrs war ab diesem Zeitpunkt vollumfänglich in sämtlichen Bereichen der Gesellschaft angekommen.

Sehr stark an Pferdekutschen erinnerten die Aufbauten der ersten Personenwagen. | Foto: Thomas Gries

Viel Material zu badischen Bahngeschichte

Zur Geschichte der Eisenbahn in Baden gibt es sehr viel Material. „175 Jahre Eisenbahn am Oberrhein“ wurden bereits 2013 in Karlsruhe gefeiert und zwar mit einer Ausstellung im Foyer des Generallandesarchivs (GLA) in Karlsruhe. Dazu erschien auch ein sehr informativer Begleitband, der anschaulich und mit vielen Illustrationen die Entwicklung der Eisenbahn in Baden beschreibt und ihre Protagonisten vorstellt.  Überhaupt ist das GLA in Sachen Eisenbahnarchivalien die erste Adresse für alle, die in diesem Themenbereich ernsthaft forschen. Im Verkehrsmuseum Karlsruhe lässt sich die badische Eisenbahngeschichte ebenfalls besichtigen, dort gibt es zum Beispiel das Modell der Lok Löwe samt den dazugehörigen Waggons. 

Umfangreiche Beschreibung durch Karl Müller

Es gibt zahlreiche Quellen, ein Teil ist digitalisiert und lässt sich im Internet abrufen. Friedrich Lists programmatische Schrift „Das deutsche National-Transport-System“ zum Beispiel ist bei Wikisource eingestellt. Sehr viel Material zum Thema Eisenbahn in Baden bietet das 1904 erschienene Werk von Karl Müller „Die badischen Eisenbahnen in historisch-statistischer Darstellung“. Es findet sich unter den Digitalisaten der Uni Köln.

„Eisenbahn-Fieber“ in vielen Facetten

Die themenspezifische Literatur ist breit gefächert, angefangen von den Werken Albert Kuntzemüllers bis hin zu Publikationen diverser Fachverlage. Sehr umfassend und empfehlenswert ist das Werk „Eisenbahn-Fieber. Badens Aufbruch ins Eisenbahnzeitalter“ mit Beiträgen von Wolfgang von Hippel, Joachim Stephan, und anderen, das 1990 im Verlag Regionalkultur (Ubstadt-Weiher) erschien. Informative Beiträge zur badischen Hauptbahn gibt es ebenfalls in der Online-Enzyklopädie Wikipedia.