Vor großer Kulisse referierte KIT-Professor Johann Josef Böker (links) am Mittwochabend im Friedrichsbau über den hochmittelalterlichen Baumeister Erwin von Steinbach. OB Hubert Schnurr dankte ihm. | Foto: Ulrich Coenen

Erwin von Steinbach

Legenden und Mythen auf dem Prüfstand

Anzeige

Der Professor wurde zum Detektiv. Bei seinem Vortrag im Friedrichsbau anlässlich des 700. Todestages Erwin von Steinbachs räumte Johann Josef Böker, Inhaber des Lehrstuhls für Baugeschichte am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), gründlich mit den Legenden auf, die sich in der Forschung um den mittelalterlichen Architekten gebildet haben. Mehr als 180 Gäste waren nach Bühl gekommen, um den bedeutenden Gotik-Experten zu hören.

Mehrere Großprojekte

Für Böker ist Erwin eine historische Person, der als leitender Architekt an gleich mehreren Großbauten im südwestdeutschen Raum beteiligt war. Neben Straßburg nannte er Freiburg, Breisach und Thann (die BNN berichteten am 5. Januar auf einer Sonderseite). Der Wissenschaftler stellte die wenigen schriftlichen Quellen vor, die von Erwin zeugen. Da ist zunächst sein Grabstein, der vom Tod seiner Ehefrau Husa 1316 und von Erwins Tod 1318 berichtet. Für Irritationen sorgte jahrzehntelang der Hinweis auf dem Grabstein, Erwin sei nicht Architekt (Magister), sondern Bauverwalter (Gubernator) gewesen. Damit wurde im Mittelalter ein hoher Verwaltungsbeamter bezeichnet, dem alle Mitarbeiter der Bauhütte unterstanden. Böker geht davon aus, dass Erwin Architekt war, diese Aufgabe wegen seines beträchtlichen Alters bereits seinem Sohn Johann übertragen hatte. Er selbst habe sich auf die Position des Verwaltungschefs zurückgezogen. Johann war unstrittig Architekt am Straßburger Münster.

Bauinschriften im Mittelalter

Böker präsentierte weitere Argumente, dass Erwin Baumeister war. Er verwies auf zwei Inschriften in Niederhaslach, wo Erwins Sohn Gerlach 1330 den Bau der Stiftskirche leitete. Er wird ausdrücklich als Sohn des Straßburger Münsterbaumeisters genannt.

Erfindung des Humanismus?

Der Humanist Jakob Wimpfeling (1450–1528) hat auf eine Inschrift über dem Mittelportal der Westfassade hingewiesen. Laut dieser begann Meister Erwin von Steinbach mit diesem Werk am 25. Mai 1277. Im 17. und 18. Jahrhundert sei – so Böker – diese Inschrift mehrfach in verschiedenen Veröffentlichungen erwähnt, bevor sie 1782 nicht mehr lesbar war. In dieser Inschrift taucht erstmals die Herkunftsbezeichnung „von Steinbach“ auf. „Manche Forscher behaupten, diese Inschrift sei eine Erfindung des Humanismus“, sagte Böker. Dies wies er entschieden zurück. Er zeigte einen Mauerstreifen über dem Portal, auf dem der Schriftzug gestanden haben könnte. Es handelt sich um einen der wenigen Bereiche der Fassade, der nicht in Maßwerk aufgelöst ist.

Böker während des Vortrags: Das Bild im Hintergrund zeigt das Hauptportal der Westfassade des Straßburger Münsters. Dort befand sich die Inschrift, die auf Erwin verwiesen hat. | Foto: Ulrich Coenen

Schlechte Presse

Böker stellte Dutzende Beispiele für solche Bauinschriften im frühen und hohen Mittelalter vor. Die Erwin-Inschrift in Straßburg sei also durchaus üblich gewesen, um das Selbstbewusstsein des Architekten zu demonstrieren. Die Feststellung des französischen Kunsthistorikers Roland R, der 1970 behauptet hat, Erwin sei nur ein romantischer Mythos und eine Erfindung des jungen Goethe wies Böker mit Nachdruck zurück.
Die Ursachen für dieses Missverständnis sah der Karlsruher Professor im 19. Jahrhundert. Er sprach von „schlechter Presse“. Damals wurde nämlich eine Sabina von Steinbach, Bildhauerin und angebliche Tochter Erwins, „entdeckt“. Sie ist tatsächlich ein Mythos. „Sabina wurde leichte Beute für die Erwin-Gegner“, konstatierte Böker.

Architekten-Dynastie

Der Familienname „von Steinbach“ taucht in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts mehrfach auf. Der Wissenschaftler sprach deshalb von einer Architekten-Dynastie. Historisch ist auch eine Lise von Steinbach, die Geliebte des Johann II. von Lichtenberg, die 1353 ermordet wurde. Sie könnte laut Böker die Tochter eines der Söhne Erwins gewesen sein.

Kaufvertrag von 1284

Eine wichtige Quelle ist eine Pergamenturkunde von 1284, in der Erwin als Zeuge eines Grundstücksverkaufs genannt wird. Allerdings steht sein Name dort in Rasur, wurde also erst nachträglich eingefügt. Das verleitete einige Forscher zur Annahme, Erwin sei 1284 noch gar nicht in Straßburg gewesen, sondern erst später dort angekommen. Das hält Böker für Unsinn, denn die Kaufvertrag sei ohne die genannte Zeugen gar nicht gültig. Erwins Name sei vielmehr wegen eines Schreibfehlers ausradiert und neu eingefügt worden.

Wo stand Erwins Wiege?

Eine Frage, die vor allem die zahlreichen Zuhörer aus Steinbach brennend interessierte, war die nach dem Geburtsort Erwins. „Wir müssen an die Echtheit der Quellen glauben“, sagte Böker. „Erwin stammte aus Steinbach.“ Aber welches Steinbach ist es? Der Wissenschaftler berichte gleich von hundert Orten mit diesem Namen. Allerdings bleiben bei genauerer Betrachtung nur wenige übrig, die tatsächlich in Frage kommen: Steinbach im Taunus und Steinbach im Oberelsass beispielsweise. Doch für das badische Steinbach spreche die „größte Wahrscheinlichkeit“. „So lange niemand einen anderen Beweis bringen kann“, meinte Böker