Die evangelische Gnadenkapelle in Neusatz ist die erste Kirche im Stadtgebiet Bühl, die an einen privaten Investor verkauft wurde. Ein Konzept für die Folgenutzung gibt es aktuell nicht. | Foto: Ulrich Coenen

Kapelle in Neusatz verkauft

Keine neue Nutzung für privatisierte Kirche

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Es ist eine traurige Premiere. Die evangelische Gnaden-Kapelle im Bühler Stadtteil Neusatz ist der erste Sakralbau im Stadtgebiet und im südlichen Landkreis Rastatt, der profaniert wurde. Die Umwidmung verläuft zwar geräusch-, aber alles andere als reibungslos.

Keine Bauvoranfrage

Durch die umfangreichen Recherchen zur Serie anlässlich des 50jährigen Bestehens der Johanneskirche in Bühl wurde die Redaktion darauf aufmerksam, dass die Gnadenkapelle bereits im März 2013 an einen Privatmann verkauft wurde. Nach Auskunft des zuständigen evangelischen Pfarramtes in Bühlertal ist dieser aber inzwischen verstorben, so dass aus seinen Plänen für die neue Nutzung der Kapelle, die sich in der Otto-Stemmler-Straße auf halben Weg zum Sportplatz erhebt, nichts geworden ist.

Kontakt zu den Erben haben weder das Pfarramt noch die Stadt Bühl. „Bei uns liegt keine Bauvoranfrage im Hinblick auf eine Nutzungsänderung vor“, erklärte Oberbürgermeister Hubert Schnurr auf Anfrage dieser Zeitung.

Drei Kirchen in der Gemeinde

Die BNN haben zuletzt in seiner Ausgabe vom 20. Juli 2011 über die Verkaufsabsichten der evangelischen Kirche berichtet. Der damalige Bühlertäler Pfarrer Tobias Walkling erklärte damals, dass alle Versuche das Gotteshaus zu veräußern gescheitert seien. Auch ohne die Gnadenkapelle unterhält die Gemeinde immerhin drei Kirchen in Bühlertal, Sand und Ottersweier.

Dieter Quast ist der Architekt

Die finanziellen und personellen Ressourcen reichten seit Ende der 1990er Jahre in der großen Flächengemeinde und angesichts der ständig sinkenden Zahl der Gläubigen nicht mehr aus, zusätzlich die Gnadenkapelle zu betreuen. Diese wurde 1963 nach Plänen des Heidelberger Architekten Dieter Quast errichtet, der in der damaligen evangelischen Kirchengemeinde Bühl auch die Gotteshäuser in Steinbach, auf dem Sand und in Bühl gebaut hat.

Chor der Gnaden-Kapelle Neusatz | Foto: Pfarrarchiv Bühlertal

Käufer ist gestorben

Der Brief eines Neusatzer Bürgers vom 11. November 2011, der der Redaktion vorliegt, muss Pfarrer Walking wie ein Segen erschienen sein. Dieser bot an, die Gnadenkapelle zu kaufen und zu einem Seminarzentrum für Yoga und Meditation umzugestalten. Der ursprüngliche Charakter des Gotteshauses sollte gewahrt bleiben. Außerdem bot der Neusatzer an, die Kapelle am Wochenende für die Allgemeinheit zur Besichtigung zu öffnen. Der notarielle Kaufvertrag wurde 2013 gemacht, leider scheiterte das Projekt, weil der Käufer starb.

Viele Gespräche

Die Suche der evangelischen Kirchengemeinde nach einer neuen Nutzung für die Gandenkapelle in den Jahren zuvor war mühsam und erfolglos. Es gab unter anderem Gespräche mit der Stadt, der Ortschafts Neusatz und den Dorfvereinen.

Stadt hat kein Interesse

Bereits 2008 signalisierte die Stadt, dass sie kein Interesse an der Kapelle habe. Pläne, in dem kleinen Sakralbau eine Ferienwohnung einzurichten, scheiterten nach Auskunft des Pfarramtes auch am mangelnden Entgegenkommen der Stadtverwaltung, die sich geweigert habe unmittelbar anschließend an den Sakralbau den Bau eines Carports mit Dachterrasse zu ermöglichen.

Schnurr will helfen

Oberbürgermeister Hubert Schnurr betonte gegenüber dieser Zeitung, dass er an den damaligen Verhandlungen nicht beteiligt war. „Selbstverständlich unterstützen wir eine Umnutzung der Gnadenkapelle, wenn der aktuelle Eigentümer auf uns zukommt“, sagte er. „Auch ein Carport mit Dachterrasse ist möglich, weil sich dies in die Art der Nutzung in der Nachbarschaft einfügt.“ Ein Problem ist aus Sicht Schnurrs allerdings, dass es in der Kapelle keinen Anschluss für Sanitäranlagen gibt.

Weil die entsprechende Infrastruktur in der Otto-Stemmler-Straße vorhanden sei, gebe es aber technisch keine Probleme, entsprechende Zu- und Ableitungen herzustellen. „Die Stadt wird die Kapelle aber definitiv nicht selbst nutzen“, sagte Schnurr.

KIT forscht zu Kirchenschließungen

Das Thema Kirchenschließungen ist in Mittelbaden angekommen. Wissenschaftler, Architekten und Stadtplaner beschäftigen sich bereits sehr viel länger mit der Frage, wie es weitergeht.
Kerstin Gothe, Professorin für Regionalplanung und Bauen im ländlichen Raum an der Fakultät für Architektur des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT), forscht seit vielen Jahren zu diesem hochaktuellen Aspekt.

Banal statt sakral

„Vom Sakralen zum Banalen? Heilige Räume im Wandel“, lautet der provokante Titel eines Buch, das sie im Jahr 2012 mit zwei anderen Editoren herausgegeben hat. Am 17. März 2011 gab Kerstin Gothe dieser Zeitung ein Interview. Sie rät den Kirchen, sich zunächst von anderen Immobilien und nicht von ihren Kirchengebäuden zu trennen. Die Karlsruher Stadtplanerin vermutet aber, dass sich trotzdem nicht alle Kirchengebäude halten lassen.

Suche nach Partnern

Im Zuge ihrer Forschung zum Thema Kirchenschließung besuchte Kerstin Gothe England. „Die haben das Problem schon länger“, berichtet sie. „Aus dieser Erfahrung kann ich nur empfehlen, nicht zu warten, bis es hineinregnet.“ Die Stadtplanerin hält in vielen Fällen Lösungen mit anderen Partnern für sinnvoll. „Die Pfarrgemeinde behält die Schlüsselgewalt über das Gebäude und sieht sich sozusagen nach einem Untermieter um“, erklärt die Karlsruher Professorin. „Geeignete Partner findet man aber nicht von jetzt auf gleich. Neue Nutzungskonzepte müssen langfristig aufgebaut werden. Daraus resultiert dann die gemeinsame Nutzung und Verantwortung für ein Kirchengebäude. Das ist in jedem Fall besser als der Verkauf eines Sakralbaus.“

Kommentar zum Thema

Beten alleine hilft nicht! In den säkularisierten Großstädten sind Kirchenschließungen schon lange ein Thema. Doch nicht nur in den Metropolen, sondern auch in der Provinz verlieren die beiden großen christlichen Konfessionen in dramatischem Umfang Mitglieder, damit schwinden gleichzeitig die Steuereinnahmen. Der Verkauf der evangelischen Gnadenkappelle in Neusatz ist eine Konsequenz dieser Entwicklung. Die Dominikanerinnen in Neusatzeck wollen sich ebenfalls vom ihrem Mutterhaus trennen und suchen seit 2010 vergeblich einen Käufer.
Im Landkreis Rastatt ist aktuell vor allem die evangelische Kirche betroffen. Im Murgtal schlagen die Wogen der Empörung hoch. Die Kirche in Weisenbach wurde bereits 2016 entwidmet, die Johanneskirche in Bad Rotenfels soll in diesem Jahr folgen.
Wenn die Kirche sich von ihren Immobilien trennt, gibt es nur zwei Lösugen. Die Sakralbauten werden für profane Zwecke umgenutzt oder abgerissen. Selbst Architektur-Ikonen sind nicht sicher. In Berlin musste 2005 die Kirche St. Raphael, immerhin ein Werk des bedeutenden Architekten Rudolf Schwarz, dem Bagger weichen. Das zuständige Denkmalamt kam zu spät.
Dass nicht alle Gotteshäuser zu halten sind, ist in Großstädten längst traurige Wahrheit. Abrisse oder Verkäufe mit zum Teil abenteuerlichen Folgenutzungen sind das traurige Ergebnis. Die sind dann oft mit einem besonderen Kick für die Gäste verbunden. Restaurants und Diskotheken sind durchaus üblich, in den Niederlanden soll es sogar einen Teppichhandel in einem früheren Sakralbau geben.
In Dörfern und Kleinstädten haben die Kirchen als stadtbildprägende und identitätsstiftende Bauwerke einen hohen Stellenwert. Einen Verkauf oder eine unangemessene Nutzung der oft denkmalgeschützten Gebäude werden die Bürger nicht widerspruchslos hinnehmen, auch wenn sie nicht kirchlich gebunden sind. In Neusatz ist die Profanierung nicht gut gelaufen. Die Stadt hat sich für das Thema Kirchenumnutzung viel zu wenig interessiert, die Pfarrgemeinde hätte die Öffentlichkeit, und zwar nicht nur kirchenintern, stärker an dem Prozess beteiligen müssen.
Gottfried Böhm, Deutschlands bedeutendster lebender Architekt und Kirchenbaumeister, meinte im Interview mit dieser Zeitung: „Wenn viele Menschen heute weniger glauben, ist es trotzdem schön, wenn wir in unseren Städten Zeichen haben, die unser Leben auf eine höhere Stufe stellen. Das fehlt mir beispielsweise in Amerika, wo es Ortschaften ohne Kirchturm gibt, die nichts zu sagen haben, was den Menschen etwas höher hinauf hebt.“