BLICK IN DIE KLOSTERHOF SCHWARZACH: Die Gebäude rechts gehören zur Gemeindeverwaltung. In der Mitte ist die ehemalige Klostergaststätte zu sehen, die für das Bauamt umgebaut werden soll. Alle Gebäude auf der linken Seite der Straße Klosterhof, die beim ehemaligen Tor der Abtei (hinten Mitte) beginnt, sind in Privatbesitz. | Foto: Ulrich Coenen

Erweiterung im Klosterhof

Gemeinde Rheinmünster will sieben Millionen Euro ins Rathaus investieren

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Das Rathaus der Gemeinde Rheinmünster wird mit großem Aufwand erweitert. Rund sieben Millionen Euro will die Kommune investieren, um weitere Teile des ehemaligen Wirtschaftshofs der 1803 aufgelösten Beneiktiner-Abtei für Verwaltungszwecke zu nutzen.

Geschichte spürt man hier nicht. Das Rathaus der Gemeinde Rheinmünster versprüht den wenig attraktiven Charme der 1970erJahre. Die Innenarchitektur, die in der jetzigen Form im Jahr 1980 entstanden ist, lässt nicht einmal ahnen, dass die Gemeindeverwaltung im barocken Wirtschaftshof der früheren Benediktinerabtei Schwarzach in unmittelbarer Nachbarschaft des romanischen Münsters untergebracht ist.

Mit den Umbau- und Erweiterungsplänen, die Bürgermeister Helmut Pautler und sein Architekt Bernd Bistritz vorstellen, wird sich das entscheidend ändern.

Wir erfüllen die gesetzlichen Vorgaben nicht

Helmut Pautler, Bürgermeister

Anlass für das mit knapp sieben Millionen Euro nicht billige Projekt sind funktionale Gründe. „Die Gemeindeverwaltung hat akuten Raumbedarf und ist nicht barrierefrei“, erklärt Pautler. „Wir erfüllen wegen dieser Enge in vielen Bereichen nicht einmal die aktuellen gesetzlichen Vorgaben im Hinblick auf den Datenschutz.“

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Der Handlungsbedarf ist also offensichtlich. Dass das Rathaus auf eine sehr gelungene und sinnvolle Weise erweitert werden kann, liegt am vorausschauenden Handeln einer früheren Generation von Kommunalpolitikern.

Bereits 1986 kaufte die Gemeinde die Klostergaststätte mit Remise, die direkt an die Verwaltungsgebäude anschließen. 2014 erwarb sie das bis dahin zu Wohnzwecken genutzte Torgebäude. Nun waren alle Gebäude des nördlichen Klosterhofs in kommunalem Besitz. Damit bot sich für Pautler und seinen Bauamtsleiter Konrad Reith eine einmalige Chance.

Das Rathaus befindet sich seit vielen Jahrzehnten im ehemaligen Wirtschaftshof der früheren Benediktinerabtei Schwarzach, die 1803 aufgelöst wurde. | Foto: Ulrich Coenen

Der Bürgermeister weiß, dass nicht alle im Ort die notwendige Modernisierung der Verwaltung gut finden. Deshalb betont er, dass er zunächst sämtliche Kindergärten und Schulen saniert hat und das Rathaus zuletzt angehen will. Die Tatsache, dass der Kommune derzeit staatliche Zuschüsse in der Größenordnung von 50 Prozent winken, dürfte ihn sicher beflügeln.

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Demokratische Architektur

Das Rheinmünsteraner Rathaus wird durch die Erweiterung um Klostergaststätte, Remise und Torbau kräftig wachsen, vor allem aber wird es transparenter. Diese offene Architektur, die in historischer Bausubstanz entsteht, ist einer Demokratie zweifellos angemessener als der Bestand, in dem Büros zu beiden Seiten eines langen dunklen Korridors aneinandergereiht sind.

Im Saal der früheren Klostergaststätte sammelt das Fundamt der Gemeinde zurzeit verlorene Fahrräder. Dort werden Büros entstehen. | Foto: Ulrich Coenen

Standesamt und Ratssaal, der auch für Trauungen genutzt werden kann, werden ebenso wie die publikumsintensiven Abteilungen Melde- und Sozialamt ins Erdgeschoss umziehen. In Bereich der Klostergaststätte, wo das Fundbüro heute Fahrräder aufbewahrt, werden die Büros des Bauamtes, die bisher über das gesamte Rathaus verstreut sind, konzentriert.

Diese funktionale Optimierung geht mit einem geschickten Bauen im Bestand einher, der sich wohltuend vom Rathausausbau von 1980 abhebt. „Wir wollen die Geschichte des Ortes erlebbar machen“, sagt Bernd Bistritz.

Der Innenhof des nördlichen Klosterhofs. Im Hintergrund ist die Klostergaststätte zu sehen, vorne die Remise. Beides wird für die Verwaltung umgebaut. | Foto: Ulrich Coenen

Vor allem die Remise mit Bausubstanz des 18. bis 19. Jahrhunderts hat es ihm angetan. Um das historische Tragwerk zu stabilisieren, wird der Architekt aus Rheinstetten in das frühere Wirtschaftsgebäude eine Stahlkonstruktion einbauen. Im Erdgeschoss wird ein großes Foyer entstehen, anschließend daran der Ratssaal.

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Das Foyer wird an beiden Seiten von Galerien gerahmt. Eine weitere zweigeschossige Galerie begleitet die Remise an der nördlichen Außenfassade. Die historischen Torbögen der Remise an der Südseite will Bistriz öffnen und großzügig verglasen. Damit erzeugt er Offenheit und Transparenz. „Schöne Details wie barocke Stützen will ich ganz bewusst sichtbar machen“, erklärt er.

Das barocke Klostertor stammt aus dem 18. Jahrhundert. | Foto: Ulrich Coenen

Der bisherige Rathauseingang im Eckgebäude mit der Infothek bleibt erhalten, doch das neue von Galerien gesäumte Foyer, das barrierefrei in den Ratssaal führt, hat mit dem ebenfalls neuen Nebeneingang die Chance, das neue Hauptportal der Gemeindeverwaltung zu werden. Baubeginn soll im November sein, die Bauzeit beträgt 18 Monate.

Das spätromanische Münster in Schwarzach aus der Zeit um 1200 überragt das Dorf in der Rheinebene. Dieses späteste Beispiel der berühmten Hirsauer Bauschule ist einer der bedeutendsten Sakralbauten am Oberrhein. Glücklicherweise ging den Benediktinern, die die romanischen Abteigebäude ab 1723 abreißen und nach Plänen des nicht minder berühmten Peter Thumb durch schlossartige Neubauten ersetzen ließen, das Geld aus. Nur deshalb blieb die Kirche erhalten.
1803 wurde die Abtei unter dem Einfluss von Napoleon Bonaparte, wie alle übrigen Klöster im Land, aufgehoben und vom badischen Staat verkauft. Die Klausurgebäude (also die Klostergebäude, die den Mönchen vorbehalten sind) wurden abgerissen.
Erhalten blieb lediglich der Wirtschaftshof des Klosters mit dem prächtigen Portal. Dieser Wirtschaftshof teilt sich wiederum in einen nördlichen Hof, in dem sich heute die Gemeindeverwaltung Rheinmünster befindet, und einen südlichen, der in Privatbesitz ist und zu Wohnzwecken dient.
Das barocke Klostertor und die Zufahrt zur Abtei (heute Straße „Klosterhof“) teilt die beiden weitgehend symmetrisch angeordneten Vierflügelanlagen.