Die Zukunft des Mutterhauses des Klosters Neusatzeck im Bühler Stadtteil Neusatz ist längst ein Streitfall in der Kommunalpolitik. | Foto: Ulrich Coenen

Mutterhaus Neusatzeck

Geschlechtertrennung sogar für Fledermäuse

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Das Mutterhaus des Klosters Neusatzeck im Bühler Stadtteil Neusatz ist längst ein Politikum. Ortschaftsrat Neusatz und  weite Teile der Bevölkerung in Neusatz lehnen die Konversion des größten Gebäudes im Dorf in ein Seniorenzentrum ab. Dabei hatte alles so gut angefangen. Die ersten Pläne für dieses Projekt fanden breite Zustimmung. Dann wurden artengeschützte Fledermäuse im Dachstuhl entdeckt und es musste umgeplant werden. Der BNN-Reporter blickt hinter die Klostermauern. 

Bernd Matthias ist nicht zu beneiden. Vernehmbar krachend dreht der Mann mit dem prägnanten grauen Haarschopf den Schlüssel im Schloss zum Eingang des alten Ökonomiegebäudes. Seit rund eineinhalb Jahren investieren er und sein Partner Gerd-Arno Stubbe ihre gesamte Energie und Arbeitszeit in die Konversion des Mutterhauses Neusatzeck in ein Seniorenzentrum. „Hätte ich gewusst, was mich erwartet, hätte ich es mir vielleicht anders überlegt“, sagt Matthias, während er entschlossen die schwere Tür öffnet. „Zwei andere Projekte habe ich dafür sausen lassen.“

Die Zimmer der Knechte im Ökonomiegebäude sind einfach. | Foto: Ulrich Coenen

Führung mit dem Projektentwickler

Obwohl sein Konzept in Neusatz alles andere als gut ankommt, hat der Jurist seinen Optimismus nicht verloren. Die meisten anderen hätten vermutlich längst das Handtuch geworfen. Matthias kämpft für seine Idee. Gerade hat er dem CDU-Ortsverband eine Führung zu einem Termin nach Absprache angeboten, der BNN-Reporter darf sofort hinter die Kulissen des großen Gebäudekomplexes schauen.

Aus dem Dachgeschoss des Mutterhauses geht der Blick zum denkmalgeschützen Josef-Bäder-Haus des Klosters Neusatzeck. Rechts das Ökonomiegebäude, das abgerissen werden soll. | Foto: Ulrich Coenen

Abrissreife Ökonomie

Matthias schreitet voran in die längst verlassenen weitläufigen Stallungen, die schon bessere Zeiten erlebt haben. Eigentlich wollte er das landschaftstypische Ökonomiegebäude erhalten und für das Seniorenzentrum nutzen. Doch das Gutachten der Statikerin machte ihm einen Strich durch die Rechnung. „Die Tragfähigkeit der bestehenden Stahlsteindecken sowie der dazugehörigen Tragkonstruktionen ist nicht mehr gewährleistet“, hat Heike Lagger in ihrem Gutachten geschrieben und den Abriss empfohlen. Matthias zeigt auf eine der schweren Stahlstützen, die hier im Untergeschoss die Decke tragen. Die Korrosion ist nicht zu übersehen. „Schade“, sagt er.

An den Stahlstützen im Erdgeschoss des Ökonomiegebäudes nagt der Rost. Die Statikerin empfiehlt den Abriss des Gebäudes. | Foto: Ulrich Coenen

Kleine Zimmer für Knechte

Weiter geht es durch die geflieste Schlachtküche und dann die Treppe hinauf. In den kleinen Zimmern entlang des Korridors, deren Türen alle offen stehen, haben die Knechte gewohnt. Der größte Raum am Ende des Flurs war für die Ordensschwester reserviert, die hier das Sagen hatte. Wieder einige Schritte weiter befindet sich auf derselben Ebene der Boden. Durch das große Tor sind früher die Traktoren mit den vollgeladenen Anhängern vom Hang an der Rückseite direkt in den Speicher gefahren. Jetzt herrscht hier Stille.

Speicher des Ökonomiegebäudes | Foto: Ulrich Coenen

Größtes Gebäude im Dorf

Nur einige Meter von der Ökonomie entfernt liegt das Mutterhaus, das größte Gebäude in Neusatz überhaupt. Es ist in drei Bauabschnitten zwischen 1928 und 1981 entstanden und sprengt mit seinen Dimensionen das enge Schwarzwaldtal. Eigentlich wollte Matthias dieses Bauwerk abreißen und durch einen Neubau ersetzen. Doch Fledermäuse haben ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht und ihm gleichzeitig riesige Probleme mit Ortschaftsrat und Dorfgemeinschaft beschert. „Wo die Wochenstube des Grauen Langohrs ist, zeige ich Ihnen später“, verspricht er.

Im Dachspitz des Mutterhauses nistet im Sommer das Graue Langohr. | Foto: Ulrich Coenen

1500 Quadratmeter weniger

Erst einmal geht es in den sogenannten Pförtnerbau, der 1965 fertiggestellt wurde. Die östliche Hälfte des unattraktiven Gebäudes soll der Bagger platt machen. Damit will Matthias den Wünschen der Neusatzer entgegenkommen, die einen größeren Abstand zum geplanten großen Neubau über Z-förmigen Grundriss im Bereich des Ökonomiegebäudes wünschen. „400 Quadratmeter verliere ich dadurch“, klagt Matthias. „Eigentlich sollten hier Tagespflege und Physiotherapie untergebracht werden.“ Er musste umplanen, wie schon so oft für dieses Projekt. Insgesamt bietet die zweite Variante 1500 Quadratmeter Nutzfläche weniger als die erste. Das kostet die Investoren bei der Vermarktung der Wohnungen viel Geld. Außerdem sorgt das neue Konzept für Missstimmung im Dorf. Denn Projektentwickler und Neusatzer wünschen beide eigentlich Variante 1 mit dem Abriss des Mutterhauses.

Endlose Korridore

Die großzügige geschwungene Treppe hoch geht es in die oberen Stockwerke und dann in den Ursprungsbau aus den 1920-er Jahren. Unterwegs wird immer mehr klar, wie riesig und verwinkelt dieser Komplex ist. 6370 Quadratmeter, 89 Zimmer und endlose Korridore, in denen die Schritte hallen, gibt es. Dort entlang gibt es hübsche Details. „Die Wandschränke will ich erhalten“, berichtet Matthias. Die Räume, die in Zukunft als Wohnungen für das Personal dienen sollen, lassen sich hingegen in dieser Form nicht mehr nutzen. Das einfache Leben der Ordensfrauen ist heute nicht mehr angesagt. „Ich werde jeweils zwei Zimmer zusammenfassen“, erklärt der Projektentwickler.

Spartanisch einfach: Die ehemaligen Zimmer der Ordensfrauen im Altbau von 1928 | Foto: Ulrich Coenen

Wo sind die Fledermäuse?

Und wo sind die Fledermäuse? „Irgendwo geht hier die Treppe zum Speicher hoch“, sagt Matthias. Aber wo? Auch nach eineinhalb Jahren Planung kann man sich in dem ausgedehnten Gebäude noch verlaufen. Matthias denkt kurz nach: „Kommen Sie mit!“ Dann führt der Weg nach oben auf den Speicher und über eine steile Holztreppe noch höher auf den Spitzboden. Die schwere Tasche mit den Wechselobjektiven lässt der besorgte BNN-Reporter am Fuß der Stiege zurück, nur die Kamera darf mit.

Kein Graues Langohr zu sehen

Unter dem First ist weit und breit kein Graues Langohr zu sehen. „Die Fledermäuse kommen erst im Mai, wenn sie Nachwuchs haben“, berichtet Matthias. Es sind nicht viele. „Ein halbes Dutzend“, sagt er. Die Naturschützer waren gleich zweimal da, um nach den Nachtschwärmern zu suchen. „Das zweite Mal, ohne mich um Erlaubnis zu bitten, obwohl ich hier Hausrecht habe“, erinnert sich der Jurist. Die Verärgerung ist ihm deutlich anzusehen.

So kennen die wenigsten Neusatzer das Mutterhaus. Das Foto zeigt die Rückseite des Gebäudes. | Foto: Ulrich Coenen

46 Seiten Gutachten

46 Seiten umfasst das Gutachten, das das große Projekt mit seinen bereits fertigen Plänen gekippt hat. „Dabei nisten im Dachstuhl des Mutterhauses nur die Weibchen“, sagt Matthias. „Die männlichen Tiere sind im Ökonomiegebäude zu finden, das wegen Baufälligkeit ohnehin abgerissen werden muss.“ Offensichtlich war die strenge Trennung der Geschlechter im Kloster auch für Tiere obligatorisch.

Spezielle Einflugluken

Wenn der Gemeinderat den überarbeiteten Plänen für das Seniorenzentrum zustimmen sollte, werden die Grauen Langohre hohe Folgekosten verursachen. „Wir müssen spezielle Einflugluken für die Tiere bauen“, erzählt Matthias. „Außerdem darf in den Sommermonaten, wenn die Weibchen hier nisten, im Bereich des Dachstuhls nicht gearbeitet werden.“

Kapelle des Mutterhauses Neusatzeck | Foto: Ulrich Coenen

Elektrokabel über Putz

Zuletzt geht es in den jüngsten Trakt, der erst 1981 vollendet wurde. Hier war früher das Altenpflegeheim des Ordens. Nach heutigen Maßstäben ist das Gebäude für diese Zwecke aber nicht mehr zu brauchen. Jeweils zwei Zimmer teilen sich eine Nasszelle. Auch hier wird Matthias kräftig umbauen. Unschön sind die Elektroinstallationen, die über Putz verlegt wurden.

Abendsonne in der Kapelle

Krönender Abschluss der Führung ist die Kapelle im Erdgeschoss des Mittelbaus von 1928: ein rechteckiger Raum mit seitlich belichtetem Chor, in den die Abendsonne strahlt. Die hässliche Deckenverkleidung aus den 1980-er Jahren verdirbt den Eindruck. „Keine Sorge“, sagt Matthias. „Daraus mache ich einen schönen Veranstaltungsraum. Das soll ein offenes Haus für alle Neusatzer werden.“ Ob es so kommt, ist aber längst noch nicht entschieden.