Lagen-Expertin: Die Paradestrecke von Giulia Goerigk sind die 400 Meter Lagen.
Lagen-Expertin: Die Paradestrecke von Giulia Goerigk sind die 400 Meter Lagen. | Foto: imago images

Zielstrebig im Wasser

Giulia Goerigk ist Badens größte Schwimm-Hoffnung

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Die Olympischen Spiele in Tokio kommen für Schwimmerin Giulia Goerigk noch zu früh. Aber die Spiele 2024 scheinen ein realistisches Ziel für die 17-Jährige aus Bühlertal, die seit Herbst 2015 für die SGR Karlsruhe schwimmt.

Der deutsche Meistertitel. Die EM-Premiere in der offenen Klasse in Glasgow. Das sind die Momente, die Motivation und Energie liefern. In jenen Augenblicken zum Beispiel, „wenn du morgens nach dem Training weißt: Abends wird es noch mal härter“, wie Giulia Goerigk sagt. Und zwischendrin ist noch Schule.

Das sind so Tage, an denen neben Goerigk die Frage aus dem Wasser auftaucht: Warum mache ich das eigentlich? „Dann ist es wichtig, die Ziele, für die man trainiert, im Kopf zu haben“, sagt die 17 Jahre alte Schwimmerin der SGR Karlsruhe. Goerigk gelingt diese Kopfarbeit erfolgreich – zielstrebig ist sie auf dem Weg nach oben.

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Sprung in die offene Klasse

Die nächste Etappe ist ein Sprung, zu dem die Athletin aus Bühlertal schon im vergangenen Jahr vielversprechend angesetzt hat – nun gilt es, in der so genannten offenen Klasse tatsächlich zu landen.

Bei der Kurzbahn-EM in Glasgow im Dezember hat Goerigk erstmals international bei den „Großen“ Erfahrungen gesammelt, dieses Jahr visiert die in der Region aktuell größte Schwimm-Hoffnung seit Silke Lippok die Langbahn-Europameisterschaften an. Und es gilt, sich Schritt für Schritt an die internationale Klasse und bestenfalls deren Spitze heranzutasten.

Altmeister Rudi Schulz hat das Potenzial gleich gesehen

Dass Goerigk das Zeug dafür hat, das hat Rudi Schulz sofort gesehen. 2012 war das, da hatte Schulz die Pforzheimerin Lippok gerade erfolgreich auf Olympia vorbereitet. „Sie hat das Talent, es zu schaffen“, habe er sich gleich gedacht, erinnert sich Schulz heute.

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Nach Lippoks Weggang zum Bundesstützpunkt in Hamburg nimmt sich Schulz Goerigk an. Drei Jahre trainiert der auf die 80 zustrebende Altmeister die aufstrebende Athletin beim TV Bühl, im Herbst 2015 folgt für beide der Schritt zur Schwimm-Gemeinschaft Region Karlsruhe (SGRK). Schulz betreut dort den Nachwuchs. Und Goerigks Karriere nimmt im neuen Umfeld an Fahrt auf.

Wechsel nach Karlsruhe als logischer Schritt

„Für mich war klar, dass wenn ich weiterkommen will, ich bessere Trainings- und Rahmenbedingungen benötige“, erzählt Goerigk. Auch Leipzig und Berlin seien in der Diskussion gewesen, auch die Nähe zur Familie hat schließlich den Ausschlag für Karlsruhe gegeben.

„Anfangs war das eine große Umstellung, weil man so viel Eigenverantwortung hat. Aber das bringt einen auch weiter“, sagt Goerigk. In Karlsruhe wohnt sie mit Kanuten und Judoka im Sportinternat, strebt auf dem Otto-Hahn-Sportgymnasium dem auf 13 Schuljahre gestreckten Abitur entgegen – und: schwimmt. Ständig und ausdauernd.

Training auch schon einmal um 6.45 Uhr morgens

Achtmal zwei Stunden Wassertraining pro Woche stehen im Karlsruher Fächerbad auf dem Programm, zweimal dabei morgens um 6.45 Uhr. Dazu mehrfach Krafttraining. „In Bühl wäre das so nicht möglich gewesen“, sagt Goerigk, die im Gespräch einen ähnlichen Eindruck erweckt wie im Wasser.

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Ihre Antworten sind klar und überlegt, nur selten muss Goerigk mal länger nachdenken. Etwa, wenn es um die letzten Netflix-Serien geht, die die Leistungssportlerin zum Abschalten abends ab und an schaut, wenn im Gemeinschaftsraum des Internats keiner ist oder sie „einfach platt ist“.

Sie ist der zielstrebigste Mensch, den ich in diesem Bereich bislang kennengelernt habe

SGRK-Chefcoach Jonas Holzwarth über Goerigk

„Sie ist der zielstrebigste Mensch, den ich in diesem Bereich bislang kennengelernt habe“, berichtet SGRK-Chefcoach Jonas Holzwarth, der Goerigk in Karlsruhe seit drei Jahren trainiert. Das hat auch schon Schulz beobachtet, Goerigks Trainingsfleiß sei enorm.

„Sie ist immer zu 100 Prozent dabei“, ergänzt Holzwarth. Wenn, dann richtig – das ist ihr Motto. „Und Training geht immer vor“, stellt Goerigk klar. Familie, Freunde, Freizeit – „sie stellt vieles dem Schwimmen hintenan“, sagt Holzwarth.

Ehrgeiz der Lagen-Expertin ist groß

Der Ehrgeiz der Lagen-Expertin ist groß, trägt aber keine verbissenen Züge, wie die Trainer berichten. „Man muss immer positiv bleiben. Das ist das Wichtigste“, findet die Teenagerin, die sich selbst eine gewisse Lockerheit in ihrem Sport attestiert: „Wenn etwas nicht klappt, geht davon die Welt nicht unter.“ Entsprechend gehe sie auch in dieses Jahr: Gelingt der Sprung in die offene Klasse nicht, „dann vielleicht nächstes Jahr“.

Einiges spricht aber dafür, dass die 1,72 Meter große Athletin nicht warten muss. „Giulia hat sich ja fast linear gesteigert“, stellt Holzwarth mit Blick auf die vergangenen Jahre fest. Zumal Goerigk offensichtlich auf die richtige Disziplin gesetzt hat.

Auf ihrer Paradestrecke 400 Meter Lagen zähle sie zu den Top drei in Deutschland, betont Holzwarth. Das belegt auch ihr Meistertitel über jene Strecke vom August 2019, bei der Junioren-EM war sie zuvor Sechste geworden.

Im Schmetterling noch „das größte Potenzial“

Dass die Lagen zu ihrer Spezialität wurden, „das kam einfach so. Keine der vier Arten war viel schwächer als die andere“, sagt Goerigk. Am liebsten ist sie in Rückenlage unterwegs, im Schmetterling sieht sie am meisten Verbesserungsbedarf. „Da ist noch das größte Potenzial“, sagt Holzwarth.

Wo Goerigk, die über ihre große Schwester vor zehn Jahren zum Schwimmen gekommen ist, Anfang des neuen Jahres steht, das wird sich an diesem Wochenende bei einem stark besetzten Wettkampf in Luxemburg weisen. Die Teilnahme dort ist auch die erste Möglichkeit, die EM-Norm zu schaffen.

Im April endet der Qualifikationsrahmen für die Langbahn-EM

Am 15. April endet der Qualifikationsrahmen, bis dahin stehen unter anderem noch Starts in Stockholm und Essen auf dem Programm. 2019 hat die 17-Jährige alle ihre Bestzeiten über 400 und 200 Meter Lagen auf Kurz- und Langbahn verbessert – so soll es 2020 weitergehen.

Bei 4:44,33 Minuten auf der Langbahn beziehungsweise 4:37,76 stehen aktuell ihre Bestmarken über die 400 Meter. Fünf, sechs Sekunden fehlen ihr derzeit, um „international Land zu sehen“, wie es Holzwarth sagt. Die Olympischen Spiele diesen Sommer in Tokio kommen also zu früh. Paris 2024 aber scheint ein realistisches Ziel.

Es ist nicht so, dass ich jetzt jede Nacht von Olympia träume

Giulia Goerigk

„Olympia hast du als Sportler natürlich im Kopf. Aber es ist nicht so, dass ich jetzt jede Nacht von Olympia träume“, sagt Goerigk, die dem Perspektivkader des Deutschen Schwimmverbands (DSV) angehört. Goerigk weiß, wie schwer es ist, dahin zu kommen: „Das ist ein extrem harter Weg.“

Giulia Goerigk wird sich davon sicher nicht abhalten lassen und auch abends voller Energie und Motivation zum Becken gehen, obwohl sie weiß: Es wird noch härter als morgens.