Einfamilienhäuser prägen historischen Baugebiete der Bühler Kernstadt, die in den ersten drei Jahrzehnten nach Kriegsende erschlossen wurden. Heute überwiegt der Geschosswohnungsbau. | Foto: Ulrich Coenen

Einfamilienhäuser im Fokus

Hat das traute Familienheim noch eine Zukunft?

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Ist das Einfamilienhaus ein Auslaufmodell? Wenn es nach Meinung der Gegner dieses Bautyps geht, ist das beschlossene Sache. Sie sprechen von einer überholten Wohnform und der damit verbundenen Zersiedelung der Landschaft. Der aktuelle Trend scheint diese Ansicht zu begünstigen. Seit der Jahrtausendwende zieht es nun auch junge Familien mit Kinder in die Großstädte.

Die Stadt lockt

Doch nicht nur die Metropolen, sondern auch mittelgroße Städte in wirtschaftlich prosperierenden Regionen wie Bühl erleben einen beachtlichen Zuwachs der Bevölkerung. Von knapp 25.000 im Jahr 1990 wuchs die Stadt auf inzwischen fast 30.000 Einwohner. Die gute Infrastruktur der Innenstadt lockt nicht nur junge Familien, sondern auch Senioren aus den Stadtteilen und den Umlandgemeinden, die im Rentenalter ihre Einfamilienhäuser in landschaftlich oft reizvoller Lage verkaufen, und in der Innenstadt eine Wohnung erwerben. Die Quadratmeterpreise für Neubauwohnungen in der City, die vor vier Jahren noch bei rund 3200 Euro lagen, sind deutlich gestiegen. Inzwischen müssen die Kunden zwischen 3500 und 3700 Euro pro Quadratmeter auf den Tisch legen. Das Thema Einfamilienhaus hat sich in der Kernstadt  bei Baulandpreisen zwischen 500 Euro und 800 Euro pro Quadratmeter weitgehend erledigt. Nicht nur die kaum mehr finanzierbaren Baukosten lassen diesen Bautyp in der Kernstadt aussterben, er hat auch keine Lobby mehr.

In den Bühler Stadtteilen bleibt das Einfamilienhaus wichtig. Die Villa „Kunstscheune“ nach Plänen des Bühler Architekten Thomas Bechtold erhielt 2017 die Hugo-Häring-Auszeichnung des BDA. | Foto: Ulrich Coenen

Auf den innerstädtischen Freiflächen, die sinnvollerweise erschlossen werden, entsteht leider nicht immer gestalterisch ansprechender Geschosswohnungsbau. Für Einfamilienhäuser, ganz gleich ob freistehend, als Doppelhäuser oder in Reihenbauweise, wie sie noch in den 1990er Jahren im Wasserbett üblich waren, scheint die Uhr abgelaufen. „Wir haben uns von dieser Idee verabschiedet, weil das innenstadtnahe Grundstück für frei stehende Einfamilienhäuser im Grunde zu wertvoll ist“, erklärte der damalige Technische Beigeordnete und heutige Oberbürgermeister Hubert Schnurr bereits am 24. September 2010 im Gespräch mit dieser Zeitung.

Ein Beispiel aus dem Baden-Badener Stadtteil Varnhalt: Planum Architekten bauten eine kleine Seifenfabrik zum Einfamilienhaus um. Das Projekt wurde 2008 von der Architektenkammer ausgezeichnet. | Foto: Ulrich Coenen

Ganz so „out“ ist das Einfamilienhaus aber doch nicht. Warum sonst sollte die Architekturgalerie am Weißenhof in Stuttgart ihm unter dem Titel „Kleine Häuser – großes Thema“ eine Ausstellung widmen, die übrigens noch bis 1. Juli zu sehen ist.  „Mag sein, dass es weder der Liebling der Architekturkritik noch der der Stadtplanung ist – die Zahl der Einfamilienhäuser in Deutschland wächst dennoch stetig“, spötteln die Ausstellungsmacher auf ihrer Homepage.

15,5 Millionen Einfamlienhäuser in Deutschland

Ein Blick in den aktuellen Baukulturbericht, den die Bundesstiftung Baukultur erarbeitet hat, bestätigt den Stuttgarter Eindruck. Gab es 2004 nur 14,4 Millionen Einfamilienhäuser in Deutschland, so waren es zehn Jahre später schon 15,5 Millionen. Das sind 83 Prozent der Wohngebäude in der Bundesrepublik, die aber nur 46 Prozent der Wohnungen beherbergen.

Dieses Wohnhaus im Bühler Stadtteil Kappelelwindeck nach Plänen von Thomas Bechtold wurde 2008 von der Architektenkammer ausgezeichnet. | Foto: pr

Nach Einschätzung des Bundesstiftung bleibt die Nachfrage groß. Man geht von rund 146.000 neuen Ein- und Zweifamilienhäusern pro Jahr aus. „Trotz ihrer negativen Auswirkungen auf den Flächenverbrauch, auf den Verkehr und auf vorhandene Ortskerne und trotz meist schlechter städtebaulicher Gestaltung in Neubaugebieten“, heißt es im Baukulturbericht.

Offensichtliche Probleme

Es gibt weitere Schattenseiten. Wachsende Einfamilienhausgebiete und Handelsstandorte am Ortsrand führten zu Leerständen im Ortskern. Man spricht vom Donut-Effekt. Probleme gibt es nach Einschätzung der Autoren, weil die Generation der um 1940 geborene Deutschen, die zu einem hohen Anteil in Einfamilienhäusern wohnt, vor der Haushaltsauflösung steht. Daraus resultiert ein Überangebot an Bestandsbauten, weil in den geburtenschwachen Jahrgängen deutlich weniger Kaufinteressenten zur Verfügung stehen. Außerdem will jeder fünfte Einfamilienhaus-Fans laut Baukulturbericht unbedingt neu bauen und keinen Bestandsbau kaufen. In Nordrhein-Westfalen, wo es entsprechende Untersuchungen gibt, soll deshalb 2025 jedes fünfte Einfamilienhaus leer stehen.

OB Schnurr glaubt an das Einfamilienhaus

Oberbürgermeister Hubert Schnurr glaubt fest an die Zukunft des Einfamilienhauses. Das hat ein Stück weit einen privaten Hintergrund. Schließlich wohnt der gelernte Stadtplaner mit seiner Familie in einem Einfamilienhaus im Stadtteil Altschweier . „Diese Form des Wohnens wird Bestand haben“, sagt Schnurr. Das gelte allerdings nicht für Innenstädte, nicht zuletzt wegen der hohen Bodenpreise. „Das kann sich niemand mehr leisten.“

In der Innenstadt favorisiert Schnurr den Geschosswohnungsbau. In der südlichen Hauptstraße wird demnächst sogar ein Einfamilienhaus dem Geschosswohnungsbau weichen. „Das macht auch aus städtebaulichen Gründen Sinn“, meint der OB.

Im Baden-Badener Stadtteil Steinbach wurde dieses Einfamilienhaus von Planum Architekten 2014 von der Architektenkammer prämiert. | Foto: Ulrich Coenen

In den Stadtteilen und auch an der Peripherie der Kernstadt wird es auch in Zukunft Einfamilienhäuser geben. Schnurr weist auf das geplante Neubaugebiet Kirchgassgraben zwischen Weststadt und Bundestraße 3 hin. „Im südlichen Bereich verengt sich dieses Gebiet“, berichtet er. „Deshalb sind dort aus stadtplaneischer Sicht Einfamilienhäuser und Doppelhäuser sinnvoll.“ Ansonsten soll der Geschosswohnungsbau das Neubaugebiet prägen.

Das Wolkenkuckuckshaus entstand nach Plänen von ÜberRaum Architects aus London in steiler Hanglage in Seebach. | Foto: Ulrich Coenen

„Die Neubaugebiete im gesamten Stadtgebiet werden von Einfamilienhäusern und Doppelhäusern dominiert“, analysiert Schnurr. „Das Reihenhaus hat sich im Stadtgebiet Bühl nicht richtig durchgesetzt.“

Zwei Doppelhäuser in der Baden-Badener Cité erhielten 2017 die Hugo-Häring-Auszeichnung des BDA. Sie entstanden nach Plänen von khp Architekten. | Foto: Ulrich Coenen

Architektur im Wandel

Der OB weist auch auf den Wandel hin, den die Architektur der Einfamilienhäusern in den vergangenen Jahren in Bühl erfahren hat. Neben die traditionellen Gebäuden mit Satteldach sind zunehmend Häuser mit Flachdach getreten, die bis vor einigen Jahren in einer ganzen Reihe von Baugebieten per Satzung gar nicht möglich waren. „Ich bin gespannt, wie diese Entwicklung in unserer Stadt weiter geht“, meint Schnurr.