Johann Josef Böker in der Lehrstuhlbibliothek des Fachgebiets Baugeschichte des KIT | Foto: Ulrich Coenen

Johann Josef Böker emeritiert

Großer Gotikforscher verlässt das KIT

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Für den Ruhestand hat Johann Josef Böker Ziele fernab der Architektur. Er wird in der Wallfahrtskirche Frauenberg an der Enns die barocke Orgel spielen. Der schöne Sakralbau liegt in der Nachbarschaft seiner Wahlheimat Liezen (Steiermark), wo der Professor für Baugeschichte am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) gemeinsam mit seiner Frau Regina, einer Österreicherin, vor vier Jahren die „Kleine Dumba-Villa“ gekauft hat. Das Gebäude aus der Mitte des 19. Jahrhunderts restauriert der Bauhistoriker mit viel Liebe zum Detail.

Aufsatz über Erwin für „Die Ortenau“

Selbstverständlich will Böker auch als Emeritus weiter publizieren. Demnächst erscheint sein Buch über den Kölner Dom, 2019 hat er für das Jahrbuch des Historischen Vereins für Mittelbaden („Die Ortenau“) einen Aufsatz über Erwin von Steinbach angekündigt.

18 Promotionen und vier Habilitationen am KIT

13 Jahre hat Böker an der Fakultät für Architektur des KIT gelehrt und geforscht. Die Bilanz ist auch jenseits der beachtlichen vier Habilitationen und 18 Promotionen, die er in dieser Zeit betreut hat, bemerkenswert. Mit Böker verlässt einer der renommiertesten Wissenschaftler die Karlsruher Universität. Sein Lebenslauf ist ungewöhnlich. Während es andere Hochschullehrer aus Deutschland wegen des höheren Gehalts und der besseren Ausstattung an die nordamerikanischen Elite-Universitäten zieht, ging Böker den umgekehrten Weg.

Ruf an die McGill Universität

Nur zwei Jahre nach seiner Habilitation an der Architekturfakultät der Universität Hannover wurde er 1989 mit erst 36 Jahren auf den neu eingerichteten Lehrstuhl für Baugeschichte der McGill Universität in Montreal berufen. McGill ist die beste Hochschule Kanadas und steht auf der Liste der führenden Universitäten im angelsächsischen Raum regelmäßig unter den ersten 20. In Montreal bildete Böker Architekten und Kunsthistoriker aus.

Johann Josef Böker im Jahr 2009 auf dem Münsterturm in Freiburg. | Foto: KIT

Kulturelle Unterschiede

Das akademische Leben ist in Nordamerika für Professoren und Studenten völlig anders als in Deutschland. „Ich fand in Kanada vieles einfacher in der Handhabung“, sagt Böker. „Einstellungen gingen schneller und unkomplizierter als in Deutschland.“ Allerdings haben die Professoren an der McGill keinen großen Mitarbeiterstab wie an deutschen Unis. „Der akademische Mittelbau fehlt“, berichtet Böker. „Für den Nachwuchs, der nach der Promotion vom Assistenzprofessor bis zum Lehrstuhlinhaber aufsteigen kann, gibt es mehr Sicherheit als in der Bundesrepublik.“ Die hier üblichen Zeitverträge, die für Wissenschaftler jenseits der 40 mit abgeschlossener Habilitation allzu oft ins berufliche Abseits führen, sind in Kanada kein Problem. „Verheizen“, nennt Böker das deutsche System.

Leistungsprinzip

Der Karlsruher Professor lobt das große Engagement der Studenten in Kanada, das dem in Deutschland überlegen sei. „Das hängt auch damit zusammen, dass jeder Student für jeden Kurs, den er belegt, zahlen und diesen auch bestehen muss“, erklärt er. „Nachprüfungen sind nur bedingt möglich.“ Auch für Professoren gilt das Leistungsprinzip. Lehre, Forschung und Außenwirkung der Hochschullehrer werden jährlich beurteilt und auf dieser Basis ihre Gehälter neu festgesetzt.

Großes Forschungsprojekt am KIT

Allerdings haben aus Sicht Bökers auch die deutschen Unis Vorteile. „Die Lehrstühle haben mehr Mitarbeiter, die auch große Projekte ermöglichen“, stellt er fest. Sein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) mit einer knappen Million Euro gefördertes Forschungsprojekt „Architekturzeichnungen der Gotik“ wäre wegen des großen Teams und der hohen Fördersumme in Kanada in dieser Form nicht möglich gewesen. Böker und rund ein halbes Dutzend deutscher und kanadischer Nachwuchswissenschaftler haben die zirka 650 erhaltenen gotischen Bauzeichnungen im deutschsprachigen Raum untersucht und in drei voluminösen Bänden unter dem Titel „Architektur der Gotik“ zwischen 2005 und 2013 publiziert. In diesem Zusammenhang wurde die Baugeschichte einer ganzen Reihe von Ikonen der deutschen Gotik, wie Freiburg, Wien, Straßburg und Köln, umgeschrieben.

Breites Spektrum

Bökers Karlsruher Lehrstuhl, der zu den forschungsintensivsten Einrichtungen an deutschen Architekturfakultäten zählt, hat darüber hinaus wichtige Beiträge zu anderen Epochen geleistet. Am bedeutendsten sind wohl die Arbeiten von Ulrich Maximilian Schumann zu Weinbrenner, aus denen eine Habilitation erwachsen ist. Mit dem Ende des Sommersemesters verlässt nun mit Böker einer der weltweit bedeutendsten Gotik-Experten das KIT.

Vor großer Kulisse referierte KIT-Professor Johann Josef Böker (links) im Juni im Friedrichsbau in Bühl über den hochmittelalterlichen Baumeister Erwin von Steinbach. OB Hubert Schnurr dankte ihm. | Foto: Ulrich Coenen

Es ist eine westfälisch/badische Geschichte. Kurz vor dem Abitur entdeckte Johann Josef Böker die Bücher des großen westfälischen Bauhistorikers Wilhelm Lübke, der von 1884 bis zu seinem Tode 1893 den Lehrstuhl für Kunst- und Baugeschichte an der damaligen Technischen Hochschule Karlsruhe innehatte. Mit Lübkes Standardwerk in der Hand begab sich der 1953 im westfälischen Dalhausen geborene Gymnasiast auf den Spuren seines Vorbilds auf die Wanderung durch seine Heimat und besuchte die dortigen Hauptwerke der Architektur. Ganz bewusst entschied sich Böker für das Studium an der Universitär Köln, weil das Kunsthistorische Institut dort das einzige in Deutschland mit einer eigenen Architekturabteilung ist. Günter Binding, der dortige Ordinarius für Architekturgeschichte, verstärkte seine Begeisterung für das Fach Baugeschichte. Drei Jahrzehnte später, nämlich im Jahr 2005, wechselte Böker von der McGill Universität in Montreal auf den Lehrstuhl seines Vorbilds nach Karlsruhe. Der Weg von der nordamerkanischen Elite-Hochschule nach Baden war ein ganz bewusster Schritt. „Es war für mich ein Traum, den Lehrstuhl meines Vorbilds zu übernehmen“, sagt Böker. „Gleichzeitig war ich nun auch wieder näher bei den gotischen Bauwerken und den Plansammlungen, die ich erforscht habe.“