Der Blick geht in Richtung Straßburg: Im Jahr 1844 vollendete der Bildhauer Andreas Friedrich die Skulptur Erwins von Steinbach und ließ sie oberhalb seiner angeblichen Geburtsstadt aufstellen. | Foto: Ulrich Coenen

Ausstellung in Steinbach

Erwins Turmentwurf kommt dreidimensional

Die Erinnerung an Erwin hat im Baden-Badener Stadtteil Steinbach eine riesige Bedeutung. Für die Mitgliedergruppe Yburg des Historischen Vereins für Mittelbaden war es deshalb überhaupt keine Frage, dass das Meister-Erwin-Jahr 2018 gebührend gefeiert werden muss. Am 17. Januar 1318 starb der Straßburger Münsterbaumeister, den die Steinbacher für den größten Sohn ihrer Stadt halten. Während man dieses Jubiläum in Straßburg sang- und klanglos verstreichen lässt, gibt es in Steinbach große Pläne.

Ausstellung eröffnet am 1. Juni

Höhepunkt ist eine Ausstellung im Rebland-Museum mit dem Titel „Meister Erwin von Steinbach – Leben und Wirken“, die spätestens zu den „Mittelalterlichen Winzertagen“ am 1. Juni eröffnet werden soll. „Ein früherer Termin ist wahrscheinlich wegen der Fülle der Arbeit nicht möglich“, erklärte Karl Keller, Vorsitzender des Historischen Vereins Yburg, im Gespräch mit dieser Zeitung.

Keine Aktivitäten in Straßburg

Mit ihrem Engagement haben die Steinbacher im Meister-Erwin-Jahr 2018 ein Alleinstellungsmerkmal. Nicht nur die Stadt Straßburg ignoriert das Jubiläum, auch in anderen Städten und Gemeinden, die den Namen Steinbach tragen, wird der Todestag des mittelalterlichen Architekten nicht beachtet. Das badische Steinbach ist das einzige, das den Anspruch erhebt, Geburtsort Erwins zu sein.

Mit Denkmal begann der Kult

Dabei könnte nach Forschungsergebnissen von Johann Josef Böker, Professor für Baugeschichte am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), vor allem Steinbach am Donnersberg im heutigen Rheinland-Pfalz Ansprüche erheben. Spätestens seit der Vollendung des Erwin-Denkmals von Andreas Friedrich 1844 gibt es im badischen Steinbach einen regelrechten Erwin-Kult. Ob dieser auf eine ältere Tradition zurückgeht oder damals erst entstanden ist, lässt sich nicht klären.

Geschichte als Hobby

Für Karl Keller, der selbst aus Steinbach stammt, ist klar, dass Erwin ein Bürger seiner Stadt ist. „Bereits als Kind habe ich gehört, dass sich Erwins Geburtshaus, das im Pfälzischen Erbfolgekrieg zerstört wurde, im Winkel der Stadtmauern befand“, berichtete der diplomierte Maschinenbau-Ingenieur, der sich als Rentner ganz seinem Hobby, der Geschichte, widmet. Statt wie früher die Entwicklung neuer Unimog-Modelle stehen seit vielen Monaten Leben und Werk Erwins im Mittelpunkt seines Alltags.

Vortrag bei Jahreshauptversammlung

Bereits im Spätjahr 2017 hat der Vorstand beschlossen, das Meister-Erwin-Jahr gebührend zu feiern. Anlässlich der Jahreshauptversammlung am Dienstag, 8. Mai, um 19 Uhr im Gasthaus Altenberg in Neuweier wird Keller einen Vortrag über Erwin halten, Höhepunkt des Programms ist aber die Ausstellung im Rebland-Museum in Steinbach.

Im Rebland-Museum in Steinbach ist ab Juni die Jubiläums-Ausstellung zum Meister-Erwin-Jahr zu sehen. | Foto: Ulrich Coenen

Unterstützung durch KIT-Lehrstuhl

Dafür arbeitet der Historische Verein mit verschiedenen Institutionen zusammen. Vom Lehrstuhl Bökers am KIT erhält der Verein eine hochauflösende Fotografie der Zeichnung des Freiburger Münsterturms, die im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg erhalten ist und für Furore gesorgt hat. Bisher galt sie als Studienzeichnung aus dem 15. Jahrhundert, doch Böker konnte sie und damit auch den Freiburger Turm Erwin zuschreiben. Der Karlsruher Hochschullehrer, der mit seinem Forscherteam alle rund 650 erhaltenen gotischen Bauzeichnungen im deutschsprachigen Raum gesichtet und ediert hat, hat nachgewiesen, dass Erwin auch in Breisach und Thann als Architekt tätig war. Nikolaus Koch, wissenschaftlicher Mitarbeiter an Bökers Lehrstuhl, hat eine Computeranimation des Breisacher Münsterturms erarbeitet, die Keller als dreidimensionales Modell ausdrucken lassen will. „Ich hoffe, das sprengt nicht unseren Etat“, meinte er.

Leihgaben aus Straßburg und Freiburg

Der Historische Verein erwartet außerdem Leihgaben des Münsterbauvereins und der Münsterbauhütte in Freiburg und des Münsterbauvereins in Straßburg. „Der Münsterbauverein Straßburg stellt uns originale mittelalterliche Steinmetz-Werkzeuge zur Verfügung“, berichtete Keller. Im Museumshof in Steinbach lagern neugotische Werkstücke aus dem frühen 20. Jahrhundert. Die Pfarrkirche St. Jakobus in Steinbach wurde in den Jahren 1906 und 1907 nach Plänen von Johannes Schroth, dem Leiter des Erzbischöflichen Bauamtes in Karlsruhe, erweitert. „Das Maßwerk aus dieser Zeit, das wir zeigen werden, ist ein Exponat zum Anfassen“, sagte Keller. Auch die Freimaurer, die die Erinnerungen an Erwin durch das von ihnen initiierte Denkmal 1844 geweckt haben, werden in der Ausstellung im Rebland-Museum eine Rolle spielen. Der Historische Verein arbeitet vor diesem Hintergrund mit einer elsässischen Loge zusammen.

Weitere Helfer gesucht

Die Vorbereitung der Ausstellung treibt Keller und sein Team an ihre Grenzen. „Wir sind nur eine Handvoll Helfer“, berichtete er. „Ich könnte noch den einen oder anderen Mitstreiter brauchen.“ Die Ausstellung im Rebland-Museum wird mindestens ein Jahr lang zu sehen sein.

Vortrag von Prof. Johann Josef Böker in Bühl am 20. Juni

Ein weiterer wichtiger Programmpunkt des Erwin-Jahres in Mittelbaden steht am Mittwoch, 20. Juni, in Bühl auf dem Programm. Johann Josef Böker, Professor für Baugeschichte am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), wird über Erwin referieren (wir berichteten).
Böker ist durch seine Forschungsarbeit zu den gotischen Bauzeichnungen international bekannt. 2009 ließ er exklusiv in dieser Zeitung die Bombe platzen, dass Erwin der Architekt des Freiburger Münsterturms ist. Der Karlsruher Hochschullehrer ist einer der bedeutendsten Gotik-Experten und Erwin-Forscher weltweit. Bevor er 2005 ans KIT berufen wurde, lehrte er 15 Jahre als Professor für Architekturgeschichte an der McGill Universität in Montreal.
Die Stadt Bühl als Veranstalterin rechnet für den Vortrag am 20. Juni um 18 Uhr mit einem riesigen Interesse, das wegen des Meister-Erwin-Jahres noch größer sein könnte als vor sieben Jahren bei einem Vortrag Bökers in Achern. 200 Plätze stehen für die Zuhörer im denkmalgeschützten Saal des Friedrichsbaus, den Johannes Schroth 1898 in neugotischen Formen errichtete, zur Verfügung. Rund 100 Plätze sind nach Auskunft der Stadt bereits vergeben.
Verbindliche Anmeldungen zum Vortrag von Professor Dr. Johann Josef Böker über Erwin von Steinbach nimmt die Stadt Bühl entgegen, und zwar per Email unter: wifoe@buehl.de. Anmeldungen sind auch auf dem Postweg möglich: Stadt Bühl, Abteilung Wirtschafts- und Strukturförderung/Baurecht, z. H. Inge Kist, Hauptstraße 41, 77815 Bühl. Nähere Informationen unter folgender Telefonnummer (07223) 935662. Der Eintritt ist frei.