Da dampfte es noch: Die Bühlertalbahn gegen Ende der Zeit des Personenverkehrs im Jahre 1956. | Foto: ABB-Archiv/Theo Kemper

Vor 60 Jahren dampfte es noch

Kampf um die Bühlertalbahn

Bahngeschichten gibt es in Bühl jede Menge. Bis 1956 konnte man angesichts von Bühlertalbahn und MEG von einem Bahnknoten sprechen. Das Empfangsgebäude gehört zu den ältesten erhaltenen seiner Art in Deutschland. Die Güterhalle war ein wichtiger Obstumschlagplatz. Die beschrankten Bahnübergänge und der Ausbau der Rheintalbahn sind weitere Kapitel dieser spannenden Historie, über die der Acher- und Bühler Bote in loser Folge berichtet.

„Bühlertal hat durch den Verlust der Bahn an wirtschaftlicher Bedeutung und auch als Kurort viel eingebüßt. Die spätere Zeit wird einmal die Frage aufwerfen, ob die verantwortlichen und maßgeblichen Männer alles unternommen haben, um die Bahn als Lebensader der Talgemeinden zu erhalten.“ Diese Worte wurden vor knapp 60 Jahren gesprochen – im Bühlertäler Kommunalparlament von der damaligen Gemeinderätin Maria Kern. Der Acher- und Bühler Bote hatte am 6. Oktober 1958 über die denkwürdige Sitzung berichtet, in der die Kommission zum Erhalt der Bahn ins Bühlertal ihre Erkenntnisse öffentlich machte. Da war das endgültige Aus der knapp sechs Kilometer langen Nebenstrecke längst beschlossene Sache.

Harsche Worte Richtung Betreiber

Bereits zum 31. Dezember 1956 – also genau vor 60 Jahren – hatte die Eigentümerin, die Deutsche Eisenbahn-Betriebsgesellschaft (DBEG) den Personenverkehr eingestellt und die Konzession dafür verkauft. Der Gütertransport auf der Schiene bekam noch eine Gnadenfrist von ein paar Monaten. Die Kommission findet deutliche Worte an den Betreiber. „Die Direktion in Hameln unternahm alles, um die Bahn zum Erliegen zu bringen. Die verlockende Aussicht – besonders günstigen Geländeverkauf für Industriebauten und für Straßenplanungen, das Verschachern des Personenverkehrs sowie die Verwertung der Schienen versprach weitaus besseren Erlös als die Fortführung der Bahn. Mit voller Absicht ließ man die Bahn verkommen. Beispielsweise: Die DBEG erhielt für ihre elf Nebenbahnen vom Land (Baden-Württemberg) Millionenbeträge als verlorene Zuschüsse.“

Bühlertäler kämpften für ihre Bahn

Es ist bemerkenswert, wie die Bühlertäler damals kämpften, wo doch viele andere Gemeinden ihre jeweilige Nebenbahn als rückständig loswerden wollten. Erst später erkannten die Verantwortlichen (oder auch nicht), dass so ein Bähnchen durchaus Potenzial haben kann, ob nun zur Entlastung der Straßen oder für den Tourismus. Zumindest bestand bis zum Schluss noch ein ordentliches Verkehrs-Angebot für die Passagiere, was sich aus dem DB-Kursbuch von 1956 ablesen lässt.

Sägewerksbesitzer holten Bahn ins Tal

Die Holzindustrie hatte einst dafür gesorgt, dass die Eisenbahn ins Bühlertal gebaut wurde. Bereits in den 1880er Jahren bemühten sich die Betreiber mehrerer Sägewerke um einen Bahnanschluss an die Staatsbahn in Bühl. Sägereibesitzer Kern war einer der führenden Männer, die eine Fachkommission zum Bau einer Nebenbahn nach Bühlertal bildeten. Mit nur einer Stimme Mehrheit bewilligte der Bühlertaler Bürgerausschuss den Zuschuss zum Bahnbau, die Genehmigung erfolgte am 4. Juni 1894. Geld für das Projekt kam von mehreren Sägereibesitzern, der bauausführenden Firma Lenz und Co (Stettin), den Gemeinden Bühlertal und Altschweier sowie dem Kreis Baden. Die Anliegerkommunen traten zudem kostenlos Gelände ab.

Dreiachsige Tenderlokomotiven aus Karlsruhe

Den Alltagsbetrieb auf der Bahn leisteten zwei Dampfloks der Gattung T 3, sie wurden 1895/96 von der Maschinenbau Gesellschaft Karlsruhe geliefert. Diese dreiachsigen Tenderloks (C-Kuppler) gehörten bei vielen Nebenbahnen zur Standardausstattung. Im ABB-Bericht über die Eröffnung am 26. Januar 1897 – erschienen einen Tag später – ist vom „Lokomotivchen“ die Rede, das, wie die Wagen, mit reichlich Schmuck die Jungfernfahrt ins Bühlertal antrat.

Ein bisschen Bühlertalbahn-Flair verkörperte die Badenia, die jahrelang durchs Achertal dampfte. Sie trug einst den Kessel der Lok 1 der Bühlertalbahn.
Ein bisschen Bühlertalbahn-Flair verkörperte die Badenia, die jahrelang durchs Achertal dampfte. Sie trug einst den Kessel der Lok 1 der Bühlertalbahn. | Foto: Jörg Seiler

Und irgendwie mag man dem Autor der wenigen Zeilen den Hang zu einer gewissen Ironie nicht absprechen. „Die Herren mit Cylinder nahmen in Wagen II. Klasse, die übrigen in solcher III. Klasse Platz“, steht da zu lesen.

Festessen und Ehrenjungfrauen zur Eröffung

Im „Grünen Baum“ in Bühlertal gab es dann ein Festessen, „weiß gekleidete Ehrenjungfrauen“ und die „Honoratioren von Bühlertal“ gaben „den fremden Herren das Ehrengeleite hierher, um dann mit einem Extrazuge heimwärts zu segeln“. Bereits am 19. Januar 1897 berichtet das „Bühler Wochenblatt“: „Heute hat die endgültige Abnahme der Bühlertalbahn durch die Landesaufsichtsbehörde stattgefunden.“ In Kürze beginne nun die Aufnahme des Personen-, Stückgut-, Expressgut- sowie des Viehverkehrs.

1898 wechselt die Bahn erstmals den Besitzer

Die Bahn erlebte in der Folge Höhen wie Tiefen. 1898 wechselte sie erstmals den Besitzer, neue Eignerin wurde die Badische Lokal-Eisenbahn Gesellschaft (BLEAG), der aber schnell ihr chronischer Geldmangel zum Verhängnis wurde. 1932 verkaufte die BLEAG die Bahn an die Deutsche Eisenbahn Betriebs-Gesellschaft AG, wie Meinhard Döpner in seinem Standardwerk „Die Deutsche Eisenbahn-Betriebs-Gesellschaft AG: Geschichte, Strecken und Fahrzeuge“ schreibt. Die restlichen gut 20 Jahre rollte die Bahn, auch befördert von Entscheidungsträgern, zielstrebig aufs Abstellgleis.

„Cylinder-Herren“ im Abschiedszug

Am 31. Dezember 1956 fuhr der letzte, natürlich gut frequentierte Personenzug (mit Cylinder-Herren) ins Bühlertal. Der Güterverkehr endete dann im September 1958, noch im selben Jahr wurde die Strecke schnell abgebaut.   Es war „Eisenbahn-Romantik“ pur, was sich auf der kurzen Stichstrecke ins Bühlertal abspielte: Dampfbetrieb bis zum Finale mit zwei dreiachsigen Tenderloks der Gattung T 3. Die Maschinen erblickten 1895/96 in Karlsruhe das Licht der Welt, waren bis zu 40 Stundenkilometer schnell und hatten eine indizierte Leistung von knapp 300 PS.

Sonderzug auf der Bühlertalbahn: So sah es damals aus, als der MEC Wuppertal ins Badische kam, nachgebaut vom Modellclub 1:87 Lichtenau.
Sonderzug auf der Bühlertalbahn: So sah es damals aus, als der MEC Wuppertal ins Badische kam, nachgebaut vom Modellclub 1:87 Lichtenau. | Foto: Thomas Gries

Der 5,9 Kilometer lange Schienenstrang ins Bühlertal forderte von den Lokführern und Heizern Können, Fingerspitzengefühl und vorausschauende Fahrweise. Wer sich mit der Topografie der Strecke beschäftigt, weiß auch, warum. Laut Peter Michael Mihailescu und Matthias Michalke, den beiden Biografen der „Vergessenen Bahnen in Baden-Württemberg“, verläuft nur etwa ein Kilometer der Bahn eben. Die Bühlertalbahn begann südlich des „Staatsbahnhofs“ Bühl, dort wo heute das „Radhaus“ steht (früher Bahnmeisterei).

Dampfloks bisweilen nicht stark genug

Bisweilen waren die C-Kuppler auf der letzten Etappe ins Tal überfordert, wenn die (Güter)-Last am Haken zu mächtig war. Dann wurden in Bühlertal (Untertal) ein oder mehrere Wagen abgekuppelt und später geholt.  Bisweilen rückte die zweite Lokomotive an und leistete Schubdienst. Der Skiverkehr generierte schon vor dem Zweiten Weltkrieg ein hohes Passagier-Aufkommen auf der Bühlertalbahn. In der Fachliteratur (Döpner) ist die Rede von Zügen mit bis zu 1 000 Wintersportlern, die von Mannheim direkt nach Oberbühlertal fuhren. Zuglok und Vorspann bildeten die T 3, Schublok war die Reichsbahnmaschine, die den Zug aus der badischen Industriemetropole in den Schwarzwald befördert hatte.

Ausnahmezustand durch Wintersportler

Auch die Bediensteten des Bahnhofs in Bühl konnten vom Wintersporttrubel ein Lied singen: „Wenn der Sportverkehr im Winter einsetzt und die Leute von den Höhen des Schwarzwalds zurückströmen, dann muss notgedrungen Polizei und Gendarmerie aufgeboten werden, um die Leute zurückzuhalten, damit sie nicht über die Bahnsteigsperre hinüberspringen“, heißt es in einem Schreiben des Bühler Bürgermeisteramts an die Reichsbahnverwaltung vom 12. September 1932, das im Stadtgeschichtlichen Institut aufbewahrt wird.

Sonderzüge durch Tourismus

Der Tourismus bringt bis zum Ende des Personenverkehrs Sonderzüge ins Bühlertal. So ergaben Recherchen des Bühlertalbahn-Spezialisten Thomas Gries, dass am 29. Mai 1954 rund 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Ölgesellschaft Mannheim nach Oberbühlertal kamen.

23 Minuten bis Oberbühlertal

Noch im Sommer des Jahres 1956 verkehrten auf der Strecke Bühl (Baden) – Oberbühlertal insgesamt 16 Zugpaare. Einige der Verbindungen waren auf Werktage beschränkt, andere auf Sonn- und Feiertage, aber sechsmal pro Tag ging immer ein Zügle in jede Richtung. So dampfte Zug 2 jeden Morgen um 7.30 Uhr von Bühl ins Tal, Zug 16 machte (20.16 ab Bühl) den Schluss. 23 Minuten benötigte das Bähnle für die Fahrt, ebenso viel wie in die andere Richtung.

Letzter Zug startete in Bühl an Werktagen um 19.16 Uhr

Von Oberbühlertal fuhr jeden Tag Zug 3 bereits um 6.53 Uhr nach Bühl und kam dort um 7.16 Uhr an. Den Schluss des regulären Services bildetet Zug 15. Der fuhr an Werktagen um 19.16 Uhr ab Oberbühlertal sowie an Sonn- und Feiertagen um 19.31 Uhr. Als das Amtliche Kursbuch der Deutschen Bundesbahn für Sommer 1956 erschien, aus dem die genannten Zeiten stammen, läutete das Sterbeglöckchen für die Bühlertalbahn bereits heftig.

Liebesbrief zum Finale

Zum Finale hatte ABB-Redakteur Theo Kemper für die „Liebe, kleine Bimmelbahn“ einen Liebesbrief verfasst. „Nun ist es gewiss: Du liebe, kleine Bimmelbahn, Bühlertalbahn, wie man Dich amtlich nennt, wirst ausgerechnet am Silvesterabend 1956 zum letzten Male einen Personenwagen hinter Deine Lokomotive hängen und den, der mag, von Bühl nach Oberbühlertal bringen. Sang- und klanglos wird man den einen Wagen dann auf ein Abstellgleis schieben, und niemand kann mehr eine Fahrkarte lösen, wenn der Schlag der Glocken das neue Jahr angekündigt hat.“