Martin Strotz stammt aus Bühl und wohnt heute mit seiner Familie in Altschweier. Unser Foto zeigt den Archäologen vor der Pfarrkirche St. Peter und Paul in Bühl. | Foto: Ulrich Coenen

Archäologe Martin Strotz

Keine Spur von Indiana Jones

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Er wurde auch schon mal als Indiana Jones vorgestellt. Martin Strotz grinst. Sein Beruf hat mit dem der Hollywoodfigur nämlich nicht das Geringste zu tun. Während Harrison Ford als US-amerikanischer College-Professor auf allen Erdteilen unterwegs ist, geht es bei dem aus Bühl stammenden Mittelalterarchäologen sehr viel weniger spektakulär zu. Seit 2016 arbeitet der 49-Jährige für das baden-württembergische Landesamt für Denkmalpflege an dessen Dienstsitz in Karlsruhe. Dort betreut er als Gebietsreferent die Landkreise Rastatt und Freudenstadt und als Inventarisator zusätzlich vier weitere Kreise.

Nur wenige Stellen

Für Archäologen, für die das Stellenangebot übersichtlich ist, gilt die Festanstellung in der Denkmalpflege als Traumjob. Bevor Strotz den bekommen hat, musste er sich mehr als eineinhalb Jahrzehnte lang in verschiedenen Denkmalbehörden von Land und Kommunen sowie an Universitäten mit zeitlich befristeten Verträgen durchschlagen. Die Aufgaben waren zwar meistens sehr interessant, boten aber keine wirtschaftliche Sicherheit. Dieses Los teilte Martin Strotz mit vielen seiner Berufskollegen – kein bisschen Abenteuer wie bei Dr. Jones.

Ein neuer Zwitter

Damit hat auch seine aktuelle Stelle nichts zu tun. Zwitter wie ihn, die die Erfassung von Denkmälern (Inventarisation) und deren praktische Betreuung als Gebietsreferent vereinen, gibt es im Landesdenkmalamt erst seit einigen Jahren. Vorher waren diese Aufgabenbereiche strikt getrennt. „Es hat Vor- und Nachteile“, meint Strotz. „Früher hatte man keine zwei getrennten Blickwinkel. Problematisch ist jedoch, wenn man für das Tagesgeschäft, beispielsweise die Bearbeitung von Bauanträgen, wichtige Arbeiten im Bereich der Denkmalerfassung liegen lassen muss.“

Neue Methoden

Die Inventarisation hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert. An die Stelle der klassischen Listenerfassung der 1990er Jahre ist ein neues System getreten. Damals wurden die archäologischen Denkmäler (die sich im Gegensatz zu den Baudenkmälern im Boden befinden) erstmals erfasst und in Papierlisten eingetragen. An deren Stelle ist die interne Datenbank ADABweb getreten, auf die nicht nur die Mitarbeiter der Landesdenkmalpflege, sondern auch die Kommunen als Untere Denkmalschutzbehörden Zugriff haben. Hieraus lassen sich tagesaktuell Denkmallisten generieren. Allein im Landkreis Rastatt gibt es hunderte archäologische Denkmäler, wobei die Denkmalpflege zwischen Prüffällen, Fundstellen und Denkmalflächen mit archäologischen Kulturdenkmalen unterscheidet. Der Oberrhein, der bereits in der Antike von Römern besiedelt war, gehört zu den ältesten Kulturlandschaften Deutschlands. In diesen zwei Jahrtausenden haben sich im Boden viele Artefakte angesammelt. Strotz ist allerdings nur für das Mittelalter und die frühe Neuzeit zuständig.

Im Hänferdorf in Bühl gab es kürzlich eine Ausgrabung des Landesamtes für Denkmalpflege, bei der ein Keramikgefäß aus dem Spätmittelalter gefunden wurde. Das Quartier ist offensichtlich älter als bisher angenommen. | Foto: Ulrich Coenen

Moderne Technik

Der Inventarisator arbeitet mit moderner Technik. An die Seite der Luftaufnahmen, die bis in die 1970er Jahre eine wichtige Rolle spielten, ist Lidar (light detection and ranging) getreten. Aus der Luft wurde Baden-Württemberg flächendeckend mit Laserstrahlen erfasst. „Man erhält ein digitales Geländemodell der Erdoberfläche, und auf diese Weise werden auch archäologische Strukturen erfassbar“, sagt Strotz. „Das eröffnet völlig neue Möglichkeiten.“ Auch die alten Karten im Generallandesarchiv Karlsruhe sind inzwischen digitalisiert und über das Internet zugänglich. Sie geben für die Recherche wertvolle Hinweise. So entdeckte Strotz auf alten Plänen und auf Lidar plötzlich Schanzen (Festungswerke) aus dem 17. und 18. Jahrhundert, von denen niemand wusste.

Mitwirkung bei Bebauungsplänen

Als Gebietsreferent ist Strotz an allen Bebauungsplanverfahren beteiligt. Er wird von den Gemeinden zu einer Stellungnahme aufgefordert und prüft, ob archäologische Denkmäler betroffen sind. „Zum Teil setze ich Sondierungsgrabungen an, um abzuschätzen, wie groß das Bodendenkmal ist“, erklärt er. „Droht die Zerstörung durch einen Neubau, muss der Investor auf seine Kosten eine größere Grabung finanzieren.“
Einen Handkratzer hat Martin Strotz immer noch im Kofferraum. „Der Einsatz beschränkt sich aber auf wenige Minuten“, meint er. „Heute brauche ich für meine Arbeit mehr eine funktionierende Tastatur und das Internet beziehungsweise Intranet des Landesamtes.“

Archäologe wurde Martin Strotz im Grunde durch ein Missverständnis. Wie alle Jungen interessierte er sich für Dinosaurier. Weil seine Eltern die Beschäftigung mit den Giganten aus der Kreidezeit für Archäologie hielten, schenkten sie ihm entsprechende Bücher. Später verschlang er Cerams „Götter, Gräber und Gelehrte“. Von 1991 bis 2000 studierte Strotz in Freiburg und Glasgow Frühgeschichtliche Archäologie, Mittelalterliche Geschichte und Ältere deutsche Literatur. Seine Magisterarbeit schrieb er über die Ausgrabungen in Schloss Waldsteg in Neusatz. Heute lebt der gebürtige Bühler mit seiner Frau und zwei Töchtern in Altschweier. Dass er seine unmittelbare Heimat archäologisch betreut, hat viele interessante Aspekte. Jüngst gab es im Bühler Hänferdorf (Hänferstraße) eine Sondierungsgrabung, bei der ein Keramiktopf aus dem 15. Jahrhundert gefunden wurde. Das Hänferdorf ist also älter als bisher angenommen und existierte außerhalb des mit einem Grabensystem befestigten Marktfleckens bereits im Spätmittelalter.
Auch der Bühl-Stollhofener Linie, einem Befestigungssytem aus dem frühen 18. Jahrhundert, begegnet Strotz immer wieder. In alten digitalisierten Plänen des Generallandesarchivs hat der Archäologe eine Schanze bei Vimbuch entdeckt, die bisher in der Forschung nicht bekannt war.
„Von der Befestigungslinie gibt es nur marginale Reste“, berichtet Strotz. „Wirklich gut erhalten ist nur eine Schanze bei Leiberstung, von der ich inzwischen vermute, dass sie entweder älter oder jünger ist. Der Forschungsstand ist im Wesentlichen immer noch der des frühen 20. Jahrhunderts, weil das Thema Militärgeschichte zwischenzeitlich aus der Mode war.“