Dirk Hebel ist Professor für Nachhaltiges Bauen an der Fakultät für Architektur des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT). | Foto: Ulrich Coenen

Klimanotstand ausgerufen

KIT-Professor Dirk Hebel prüft: Wie nachhaltig ist Bühl?

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Der Bühler Gemeinderat hat im vergangenen Jahr den Klimanotstand ausgerufen. Das Kommunalparlament und sein Technischer Ausschuss diskutieren oft und lange über die unterschiedlichsten Fragen des Umweltschutzes bei der Stadtentwicklung. Doch wie umweltfreundlich ist die Bühler Stadtplanung wirklich?

Unser Redaktionsmitglied Ulrich Coenen konfrontierte Dirk Hebel, Professor für Nachhaltiges Bauen am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), mit einigen aktuellen Projekten und Vorhaben in der Stadt.

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Der Abriss von großen Stahlbetonbauten aus den 1950er bis 1970er Jahren wird wegen der fehlenden Klimaneutralität diskutiert. In Bühl bleiben mit der Sparkasse und dem Windeck-Gymnasium gleich zwei große Gebäude aus den 1970er Jahren erhalten. In beiden Fällen wäre der komplette Neubau nicht teurer gewesen als Entkernen und Umbau. Ist das der richtige Weg?

Hebel: Das finde ich nachahmenswert. Wir gehen heute davon aus, dass zirka 50 bis 70 Prozent der grauen Energie, also des gebundenen CO2-Fußabdrucks eines Gebäudes, in der Tragstruktur stecken. In einem Think Tank des Bundes Deutscher Architekten (BDA) gemeinsam mit dem Deutschen Architektur Zentrum (DAZ) unter dem Motto „Sorge um den Bestand“, an dem ich kürzlich teilgenommen habe, wurde sogar der generelle Schutz von Bestand diskutiert. Müssten wir also in Zukunft nicht nachweisen, dass wir den Bestand in physischer oder stofflicher Form weiter(be)nutzen? Sollten wir nicht regeln, dass der Bestand zu einem extrem hohen Prozentsatz wirklich und nachweislich wiederverwendet oder wiederverwertet wird? Das ist zweifellos radikal. Der Gedanke, dass wir manchmal zu schnell abreißen, ist aber richtig. Wir können dort, wo es ökologisch, ökonomisch und gesellschaftlich Sinn macht, bestehende Systeme weiterentwickeln, umgestalten, die Materialien in Kreisläufe überführen und in neue Konzepte und Entwürfe integrieren. Das ist doch unsere Kernkompetenz.

Bauherren können vergleichen

Das Bauen im Bestand ist für Architekten eine anspruchsvolle Aufgabe. Die Sparkasse als privates Unternehmen hat deshalb einen Einladungswettbewerb, die Stadt für das Gymnasium einen offenen Wettbewerb ausgelobt.

Hebel: Das ist eine gute Lösung, weil es sich um eine gestalterische Aufgabe handelt. Durch den Wettbewerb erhalten die Bauherren mehrere Entwürfe und können abschätzen und vergleichen, wie groß das Potenzial der gegebenen Struktur des Altbaus in der Wiederverwendung oder Wiederverwertung ist. Etwa 35 Prozent der Gebäude in Europa sind älter als 50 Jahre und etwa 75 Prozent des Gebäudebestandes gilt als nicht energieeffizient. Hier liegen riesige Aufgaben und Chancen vor uns.

Verbrennung fossiler Quellen ist nichts zukunftsträchtig

Bühl hat ein Nahwärmenetz für seine öffentlichen Gebäude. Sollten daran auch zunehmend private Haushalte angeschlossen werden?

Hebel: Ich finde Nahwärmemodelle grundsätzlich gut, da ihnen der Gedanke einer Vernetzung von Systemen und Gebäuden zu Grunde liegt. Nur muss man sich immer die Frage stellen, woher die Wärme kommt. Stammt sie beispielsweise aus der Verbrennung fossiler Quellen, sehen wir gerade, dass dies nicht zukunftsträchtig sein wird. Wird sie jedoch aus der Kopplung von regenerativen Systemen gewonnen – dazu zählen auch Abwassersysteme und Abwärme – ist dies eine längerfristig tragende Lösung. Generell sollten wir Energiesysteme zukünftig vornehmlich über Nachbarschaften und Quartiere denken und nicht mehr über separate Objekte. Baustrukturen sollten grundsätzlich eine positive regenerative Energiebilanz aufweisen, so können sie anteilig auch andere im Verbund mitversorgen und Energie empfangen, wenn sie es brauchen. Die Energiewende muss unbedingt auch als Wärmewende verstanden werden.

Wie viel kann man aus einem Grundstück rauspressen?

Nachverdichtungen sorgen in Bühl regelmäßig für große Verärgerung bei den Nachbarn. Meist relativ kleine und doch oft architektonisch anspruchsvolle Bestandsgebäude aus dem aus der Zeit von 1900 bis 1970 müssen größeren Nachfolgebauten weichen. Macht die Nachverdichtung Sinn, weil der Druck auf dem Wohnungsmarkt sehr groß ist?

Hebel: Es geht oft einzig um die Frage, wie viel Nutzfläche kann man aus einem Grundstück rauspressen und wie viel Rendite kann man daraus anschließend generieren. Unter diesen Gesichtspunkten hat der Bestand häufig keine Chance. Daher müssen wir erweiterte Bewertungssysteme anwenden. Es geht, wie oben besprochen, um ökologische aber auch um soziale Fragen. Wie hoch ist die Akzeptanz innerhalb der Bevölkerung und wie wird die Gesellschaft an diesen Prozessen aktiv beteiligt? Dies kann durchaus zu Abriss und Neubau unter Schließung der Materialkreisläufe führen, es sollte aber ein breit getragener Konsens sein.

Neubauten sollten sortenrein rezyklierbar sein

Was können Stadtverwaltungen und Gemeinderäte tun, um das nachhaltige Bauen zu stärken?

Hebel: Es wäre aus meiner Sicht in der Tat eine Überlegung wert vor allem bei öffentlichen Bauwerken bereits bei der Ausschreibung neue Regulierungswerkzeuge einzuführen. Neubauten sollten zu 90 bis 95 Prozent sortenrein rezyklierbar sein. Das würde Unternehmen Anreize für neue Konstruktionsprinzipien und daraus neue Geschäftsmodelle bieten. Eine niederländische Teppichfirma (Desso) verkauft beispielsweise ihre Produkte schon gar nicht mehr, sondern stellt nur noch deren Nutzung in Rechnung, da ihr Produkt zu 100 Prozent wiederverwertbar ist. Warum sollte die Firma das Material also aus der Hand geben? Dies ist ihr Kapital. Wenn Kommunen solche Ideen und Modelle von Firmen unterstützen, fördert das Innovation hin zur Kreislaufwirtschaft.

Der Gesellschaft keine Lebenmodelle vorschreiben

Es geht aber bei Nachhaltigkeit nicht nur um einzelne Bauwerke, sondern auch um Stadtplanung. Darf es zum Beispiel noch Wohngebiete mit Einfamilienhäusern geben oder doch lieber Geschosswohnungsbau? In Bühl sollen Einfamilienhäuser in Zukunft nur noch in Neubaugebieten in den dörflichenStadtteilen möglich sein.

Hebel: Ich wäre sehr vorsichtig, wenn es darum geht, der Gesellschaft Lebensmodelle vorzuenthalten. Es muss auch in Zukunft Quartiere mit Einfamilienhäusern geben. Aber man muss sie neu denken. Wir müssen weg von den autark operierenden Objekten, hin zu intelligenten System, und zwar im Hinblick auf Materialien und Energieversorgung.

In Bühl gibt es eine Citylinie und ein Angebot für Carsharing. Welche Rolle spielt die Mobilität für eine mittelgroße Stadt in der Zukunft?

Hebel: Eines der wichtigsten Themen ist die Verbindung zwischen Immobilie und Mobilie. Das müssen wir unbedingt neu verhandeln. Die Mobilität der Menschen muss dabei gewahrt bleiben. Dies begreife ich aber vermehrt als kommunale und nicht als individuelle Aufgabe. Die Immobilien sollten als Plusenergieerzeuger in Zukunft vermehrt die mobilen Systeme versorgen. Wir brauchen zudem ein flexibles und gemeinschaftlich genutztes Mobilitätssystem. Dabei denke ich an ÖNV-Systeme unterschiedlicher Maßstäbe, an Sharing-Konzepte und die Weiterentwicklung heutiger Anruf-Sammeltaxis. Den Weg komplett weg vom eigenen Auto werden wir aber nicht so schnell schaffen. Für jüngere Generationen ist das Auto aber längst kein Statussymbol mehr, hier liegt eine Chance.

Weniger Autos und mehr Platz für Mikroklima

Welche Vorteile bringt ein solches Mobilitätskonzept für eine Stadt wie Bühl?

Hebel: Wenn das Abstellen des individuellen Besitzes entfällt, gewinnt die Stadt extrem viel Fläche zurück, weil Parkplätze in heutiger Anzahl nicht mehr nötig wären. Dadurch werden Flächen für kommunale Ereignisse und Bewirtschaftungen zur Verbesserung des städtischen Mikroklimas frei.