Aus dem Hauptraum der preisgekrönten Villa oberhalb der Stadt Bühl blickt der Besucher über die Rheinebene bis zu den Vogesen. | Foto: Kaufhold

Hugo-Häring-Auszeichnung

Schöner Wohnen in der Einsamkeit der Bühler Berge

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Es ist ein Haus gegen den Trend. Während es die Menschen immer mehr in die Stadt zieht, baute ein erfolgreicher Unternehmer und Kunstsammler im fortgeschrittenen Alter in der Einsamkeit des Schwarzwalds weit oberhalb des Bühler Stadtteils Neusatz eine Villa. Seine sogenannte Kunstscheune ist für ungebetene Gäste nicht ganz ohne Absicht schwer zu finden. Jetzt erhielt das Gebäude die Hugo-Häring-Auszeichnung, den wichtigsten Architekturpreis in Baden-Württemberg. Bereits vor drei Jahren wurde es von der Architektenkammer als „Beispielhaftes Bauen“ ausgezeichnet. Das 2011 erbaute Gebäude fand auch überregional Beachtung und wurde bereits 2012 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung besprochen.

Villa protzt nicht

Auf den ersten Blick ist nicht ersichtlich, dass der Bau mit erheblichem finanziellen Aufwand errichtet wurde. Er protzt nicht, sondern fügt sich hervorragend und beinahe bescheiden in die Landschaft ein. Die Kunstscheune schmiegt sich mit ihrem sehr niedrigen asymmetrischen Satteldach in einen Nordhang.
Ihre Außenhaut aus 70 000 Holzschindeln auf einer Holzrahmenkonstruktion orientiert sich an alten Hotels an der Schwarzwaldhochstraße. Auch in anderer Hinsicht führt der Neubau eine Tradition fort. Die Kunstscheune entstand in Massivbauweise (Kalksandsteinmauerwerk und Stahlbetondecken) auf dem Bruchstein-Kellergeschoss eines Vorgängerbaus. Das alte Fachwerkhaus, das den Ansprüchen des Bauherrn nicht genügte, wurde abgerissen, das Untergeschoss blieb bestehen.

Die Kunstscheune schmiegt sich in den Berghang des Schwarzwalds. | Foto: Ulrich Coenen

Die Kunstscheune entspricht dem Typus der Villa, weniger formal als im Hinblick auf ihre Dimensionen (379 Quadratmeter Wohnfläche), den baukünstlerischen Anspruch und den mehr als ein Hektar großen, zum Teil terrassierten Garten. Das lediglich eingeschossige Gebäude, das an der Talseite über dem alten Kellergeschoss vorkragt, erhebt sich auf annähernd quadratischem Grundriss. Die geschlossene geometrische Form wird für den Eingang an der Bergseite aufgebrochen. Die seitlichen Fassaden werden lediglich durch regelmäßig angeordnete schmale hochrechteckige Fenster gegliedert, die sich an der Talseite wiederholen. Wegen dieser sparsamen Einschnitte bestimmen die Schindeln den Charakter der Wand. Die Talseite wird vor allem durch ein großes Panoramaeckfenster geprägt. Der beinahe introvertierte Charakter des Gebäudes verstärkt sich, wenn die ebenfalls mit Schindeln verkleideten Schiebeelemente vor den Fenstern geschlossen werden.

Grandioser Ausblick

Im Inneren erstreckt sich der Hauptraum fast über die gesamte Breite des Hauses, ist bis zu fünf Meter hoch und vereint die Funktionen Wohnen, Essen, Bibliothek und Kunstsammlung. Letztere ist der Grund für die beachtliche Raumhöhe. Der Bauherr benötigt Wandfläche für die Präsentation der Gemälde. Die großzügige Verglasung an der Talseite erlaubt einen atemberaubenden Ausblick in die Rheinebene. Der Architekt malt ein grandioses Bild, das die Konkurrenz mit den Kunstwerken auf Leinwand nicht scheuen muss.
Die privaten Räume des Hausherrn (Schlafzimmer, Küche, Bad) schließen ein wenig abgeschieden rechts des Eingangs entlang eines Korridors an, im Untergeschoss befinden sich ein Gästezimmer, Technik- und Lagerräume. Sie sind weitaus weniger spektakulär, wurden von Thomas Bechtold aber ebenso sorgfältig detailliert.

Die Kunstscheune wurde über dem Untergeschoss eines Vorgängergebäudes errichtet. | Foto: Ulrich Coenen

Gelungene Symbiose

In ihrer gelungenen Symbiose aus Understatement, Landschaftsbezug und gestalterischer Qualität ist die Kunstscheune in der zeitgenössischen Wohnhausarchitektur Mittelbadens vermutlich einzigartig.
Neben der „Kunstscheune“ wurde bereits 2008 das von Bechtold entworfenen Wohn- und Atelierhaus für das Brillendesigner-Ehepaar Frost in Sasbach von BDA und Architektenkammer gleich doppelt prämiert. Bechtold spielt in seinem inzwischen umfangreichen Œuvre mit der Formensprache des legendären Bauhauses und verbindet diese mit einer baukonstruktiven und handwerklichen Präzision bis ins Detail. Mit der „Kunstscheune“ wurde allerdings ein Wohnhaus ausgezeichnet, das nicht unbedingt typisch für das geschliffene Design Bechtolds ist und deshalb eine gewisse Sonderstellung in seinem Schaffen einnimmt.