Das Friedenskreuz in Bühl hat eine lange Geschichte.
Das Friedenskreuz in Bühl hat eine lange Geschichte. | Foto: Geißler

Weltkriegsende vor 75 Jahren

Vergebung nach SS-Massaker: Botschaft des Bühler Friedenskreuzes bleibt aktuell

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Das Bühler Friedenskreuz ist weithin sichtbar. Seit 1952 dient es als Mahnung vor dem Krieg, in dem es auch seinen Ursprung hat. Es geht zurück auf ein Gelübde im Zusammenhang mit dem SS-Massaker von Oradour.

Mehr Symbolik ist kaum möglich. Das 14 Meter hohe Bühler Friedenskreuz, auf halber Strecke nach Ottersweier gelegen, ist auch aus Baumaterialien entstanden, die vom Westwall und der Maginotlinie stammen. Verteidigungsanlagen, errichtet vor dem Zweiten Weltkrieg, militärische Anlagen, die für Tod und Zerstörung standen und später in ein Symbol der Mahnung und der Hoffnung einflossen.

Wenn an diesem Freitag der Blick zurück in jene Zeit im Frühjahr 1945 geht, als der Krieg vorüber war, dann rückt auch das Friedenskreuz in den Blick: Um 17 Uhr beginnt dort ein auf 100 Teilnehmer beschränkter ökumenischer Gedenkgottesdienst.

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642 Mordopfer bei SS-Massaker in Oradour-sur-Glane

Das Friedenskreuz ist ein Kind des Krieges, es ist aber auch, der Name verrät es, ein Ausdruck des Wunsches nach Frieden. Dabei geht es auf einen fürchterlichen Gewaltexzess zurück: das Oradour-Massaker im Juni 1944 mit 642 Mordopfern.

Einsatz gegen Kollektiv-Schuldgesetz

In dem französischen Dorf hat eine SS-Truppe fast alle Einwohner ermordet. Nach 1945 erlässt der französische Innenminister Graf Menthon ein Kollektiv-Schuldgesetz. Auch Adam Essinger aus Reichenbach im Odenwald wird auf dieser Grundlage zum Tode verurteilt.

Essinger gehörte der beschuldigten Einheit an, war zur Zeit des Massakers aber nachweislich in Urlaub und an dem Kriegsverbrechen nicht beteiligt. Für ihn setzt sich Pater Manfred Hörhammer von Pax Christi ein, der 1951 von dem Fall erfährt.

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Auf dem Hügel „Unteres Licht“

Der Bühler Caritas-Direktor Johannes Schmidt ist sein Freund, und der schlägt Hörhammer vor, am 30. April die 1. Mai-Predigt in der Wallfahrtskirche „Maria Linden“ zu halten, dort die Geschichte von Adam Essinger zu erzählen und dazu aufzurufen, ein Friedenskreuz von Bühl zu geloben, wenn es gelingen sollte, den Mann vor dem Tod zu retten.

Hörhammer folgt bei dieser Männerwallfahrt der Dekanate Achern und Bühl Schmidts Wunsch. Den möglichen Platz für ein solches Kreuz hat Schmidt schon ausgeschaut: auf dem Hügel „Unteres Licht“ zwischen Bühl und Ottersweier.

Todesurteil wird zurückgenommen

Der Einsatz für Essinger findet vielfache Unterstützung, auch unbewusste: Der Sohn von Graf Menthon schreibt als Austauschschüler in Bayern begeisterte Briefe nach Hause, in denen er ohne jedes Vorurteil die Menschen in seinem Gastland schildert.

Menthon, inzwischen Mitglied der französischen Nationalversammlung, ändert seine Meinung: Er distanziert sich von der Lex Oradour, das Kollektivschuld-Gesetz fällt, und weitere unschuldig zum Tode verurteilte, sieben Menschen, bleiben am Leben. Die im Vichy-Prozess zum Tode Verurteilten werden frei gesprochen.

„Der Hüter des Friedenskreuzes“

Jetzt muss das Gelöbnis eingelöst werden, und Johannes Schmidt – in Bühl auch als Initiator des Kinderheims „Sonneck“ auf Neusatzeck bekannt – geht sofort ans Werk. Das Friedenskreuz wird zu seiner Lebensaufgabe; Kurt Oser, der sich 1983 in einer Monografie mit der Geschichte des Kreuzes befasst hat, nennt ihn den „Hüter des Friedenskreuzes“.

Das Geld für den Bau wird gesammelt: Kinder spenden, Kranke, Witwen, Waisen, Heimatvertriebene, aber auch Menschen, die nach dem Krieg ihr Zuhause noch hatten; Bischöfe aus Deutschland, Österreich, Italien und Japan geben ihr Scherflein.

Das Friedenskreuz kurz vor der Aufrichtung. Foto: Stadtgeschichtliches Institut Bühl

Eine Brücke der Völkerverständigung

Kunstmaler Ludwig Barth entwirft das Kreuz, der 83 Jahre alte Oberingenieur Ferdinand Eberhardt legt im Oktober 1951 die statischen Berechnungen vor. Für Kurt Oser ist Eberhardts Mitwirken auch ein ökumenisches Zeichen, schließlich ist der Techniker Mitglied der evangelischen Kirche, so wie im Übrigen auch einige der im Vichy-Prozess Freigesprochenen.

Wie so viele andere, so verzichtet auch Eberhardt bei seiner Arbeit auf eine Bezahlung: „Früher habe ich Brücken über den Rhein gebaut“, sagt er, „jetzt baue ich zum Abschluss meines Lebens diese Brücke der Völkerverständigung. Dafür will ich keinen Lohn.“

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Einweihung am 4. Mai 1952

17 Männer richten das Kreuz auf. Auch französische Pioniere beteiligen sich am Bau. Im Inneren birgt das Kreuz Felsstücke von Montecassino und ab 1963 auch von Golgotha.

Die Einweihungsfeier am 4. Mai 1952 lockt 10.000 Gäste nach Mittelbaden; unter ihnen ist auch Adam Essinger. Manfred Hörhammer skizziert die Vorgänge, die zum Kreuzbau geführt haben. Das Bühler Friedenskreuz, sagt er, solle zu einem Brückenkopf der Völkerverständigung werden und die „Wacht am Rhein“ überflüssig machen.

Friedenskreuz wird verhüllt

Frieden ist auch das, wofür in den folgenden Jahrzehnten immer wieder am Fuß des Kreuzes gebetet wird. 1956, als die Geschehnisse in Ungarn und am Suezkanal die Menschen in Atem halten und ängstigen, wird das Friedenskreuz verhüllt.

Erst wenn das Weltgeschehen wieder zur Ruhe gekommen ist, soll es wieder sichtbar werden. Oft wehen die Fahnen der Staaten des Nahen Ostens am Friedenskreuz, um an einen Krisenherd der Weltpolitik zu erinnern.

Die Jugend ist Stammgast

„Stammgast“ ist die Jugend der Welt. Heranwachsende aus Wales kommen 1959 nach Bühl, im Jahr darauf schreiben sie: „Wir werden jene Nacht am Bühler Friedenskreuz nie vergessen, noch die wundervolle Idee, die hinter dem Friedenskreuz steht.“

1961 versammeln sich im Namen des Weltfriedens mehr als 1.000 Bühler Schüler am Friedenskreuz. Viele Jahre kommt die Jugend zum Mittwoch-Friedensgebet, veranstaltet sie Nachtwachen und Nachtwallfahrten.

Bühler Friedenskreuz wird weltberühmt

Das Friedenskreuz wird weltweit bekannt. 1962 kommt der Erzbischof von Jerusalem, Gabriel Abou-Saada. 1967 ziert das Friedenskreuz das Titelbild einer japanischen Broschüre. Auch die elektronischen Medien tragen die Kunde vom Bühler Friedenskreuz hinaus in die Welt. ARD und ZDF senden von hier, Rundfunkstationen strahlen 1962 die „Botschaft des guten Willens“ in vieler Herren Länder aus.

Großveranstaltungen am Friedenskreuz sind mittlerweile sehr selten geworden. Vielleicht auch deswegen, weil Deutschland seit 75 Jahren keinen Krieg mehr erlebt hat. Die Welt aber ist weiter ein sehr kriegerischer Ort, und deshalb bleibt die Botschaft des Bühler Friedenskreuzes aktuell.