Das Korallensterben in den Meeren schreitet durch die vergleichsweise schnelle Erwärmung unserer Ozeane, deutlich voran, sagt Meeresforscher Frank Schweikert. | Foto: pr

Am 10. März Gast in Gernsbach

Meeresforscher spricht von dramatischer Bedrohung der Ozeane durch den Klimawandel

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Drumherumreden ist sein Ding nicht. Frank Schweikert von der Deutschen Meeresstiftung Hamburg spricht auf Einladung der Kulturgemeinde Gernsbach am Dienstag, 10. März, um 19 Uhr in der Stadthalle über das Thema „Zum Überleben müssen wir unsere Ozeane retten“. BNN-Redakteur Thomas Dorscheid hat ihn vorab befragt.

Welche Verbindung haben Sie zu unserer Region und wie kam der Kontakt zur Kulturgemeinde Gernsbach zustande?

Schweikert: Mit der Region fühle ich mich eng verbunden, da ich meine gesamte Kinder- und Jugendzeit in Bühl verbracht habe und später in Baden-Baden auch gearbeitet habe. Im Rahmen des Klimanotstands in Bühl und der Ernennung meines früheren Gymnasiums zur Klimaschule hatte ich die Ehre, einen Vortrag zum Thema ’Klimawandel und Ozeane’ zu halten, der eine so große Resonanz hatte, das ich die Anfrage aus Gernsbach bekam, die ich sehr gerne angenommen habe.

Was bedeutet der Klimawandel für das Ökosystem Meer?

Schweikert: Unsere Ozeane unterliegen einer massiven Veränderung durch den Klimawandel, der durch die jetzige Geschwindigkeit der weltweiten Forschung nicht einmal ganz erfasst werden kann. Wir zwingen unsere Ozeane also zu einem gigantischen Experiment, dessen Ausgang ungewiss ist und für die Menschen mit Sicherheit zum großen Nachteil gereicht. Abgesehen von den Erhöhungen des Meeresspiegels, der drastischer kommt als der Weltklimarat bislang vorausgesagt hat, sind die Meere seit der Industrialisierung um 30 Prozent saurer geworden. Das bedeutet, dass sich insbesondere die kleinsten Lebewesen mit diesen dramatischen Veränderungen auseinandersetzen müssen und es könnte bedeuten, dass ganze Nahrungsketten komplett zusammenbrechen und sich verändern, an deren Ende im Ozean Fische und Meeressäuger und letztendlich ganz am Ende der Mensch steht. Durch die vergleichsweise abrupte Erwärmung unsere Ozeane werden vermutlich unsere gesamten Warmwasser-Korallensysteme aussterben.


Eine Ressource von noch ungeahntem Ausmaß, die letztendlich auch für unsere Gesundheit wichtig gewesen wäre. Mit dem global politisch immer wieder angesteuerten Zwei-Grad-Ziel – das wir in vielfacher Hinsicht verfehlen werden – ignoriert die Politik dieses wertvolle Ökosystem auf fatale Weise. Die Vernichtung der biologischen Vielfalt sowohl im Meer wie auch auf dem Land ist bereits heute eine weitreichende Folge des Klimawandels und kaum jemand nimmt dies zur Kenntnis. Jeden Tag sterben im Ozean Arten aus, die wir nie gekannt haben werden. Von den geschätzt knapp zwei Millionen Tier- und Pflanzenarten in den Ozeanen kennen wir bis heute lediglich etwa zehn Prozent. Die Ozeane werden sich immer an jede Veränderung anpassen, der wesentlich Leidtragende von all diesen Prozessen wird am Ende der Mensch sein, weil er in vielfacher Hinsicht auf die Ozeane angewiesen ist.

Was ist eigentlich belastender für das Meer – der Klimawandel oder die Vielzahl unterschiedlichster Verunreinigungen, denen die Ozeane ausgesetzt sind?

Schweikert: Der Klimawandel ist mit Abstand die dramatischsten Bedrohung für unsere Ozeane. Seit Beginn der Industrialisierung nehmen unsere Ozeane quasi 93 Prozent der gesamten durch fossile Brennstoffe erzeugten Wärme in sich auf – mit noch unübersehbaren Folgen für Strömungen, die die Grundlage unseres Klimas darstellen. Die Verunreinigung der Ozeane mit Plastik und auch lange stabilen Chemikalien ist letztendlich auch für alle ein gut sichtbares Zeichen, wie wir durch eine grundlegend falsche Wirtschaftsweise unsere gesamte Zukunft bedrohen. Es ist wichtig, dass global viele Initiativen zur Säuberung der Ozeane entstanden sind, dass sie quasi als Synonym für die gesamte Betreuung der Ozeane stehen und eine große mediale Aufmerksamkeit darauf richten.

In der Ankündigung zu Ihrer Veranstaltung in Gernsbach heißt es: „Der Meeresbiologe prophezeit: Venedig geht bald unter“. Ist die Lage wirklich so dramatisch?

Schweikert: Wir haben die Gabe, dass wir mit unserem Finger immer auf andere weit weg zeigen, wenn bestimmte Situationen brenzlig werden. Venedig ist eine Stadt, die noch in unserer Reichweite liegt und eines der ersten Opfer unseres globalen Klimawandels schon heute ist. Aber die Einschläge werden näher kommen, in Norddeutschland werden vermutlich über drei Millionen Menschen umgesiedelt werden müssen und der Hamburger Umweltsenator hat nach dem jüngst veröffentlichten Sonderbericht des Weltklimarats eingestanden, dass vermutlich ein Drittel von Hamburg bei steigendem Meeresspiegel aufgegeben werden muss. Diese Entwicklung betrifft alle großen Metropolen, die auf Meeresspiegelhöhe liegen. Jüngstes Beispiel ist die komplette Umsiedlung der Hauptstadt von Indonesien Jakarta an einen sicheren Ort, da durch den Anstieg des Meeresspiegels und durch unsachgemäßes Abpumpen des Grundwassers die Stadt zudem abgesunken ist.

Was erwarten Sie von den Entscheidungsträgern in unserer Republik?

Schweikert: Wir müssen zu einer reinen Sachpolitik zurückkehren. Es ist unmissverständlich, dass wir beispielsweise durch eine unmittelbare Umsetzung der Energiewende in circa zehn Jahren nicht nur auf fossile Brennstoffe aus anderen Ländern komplett verzichten könnten, sondern nach dieser Zeit würde es sogar gewinnbringend sein, uns mit selbst erzeugter Sonnen- und Windenergie autark und ohne politische Abhängigkeiten alleine zu versorgen. Eine umgehende und politisch gewollte Energiewende wäre technisch, personell und auch finanziell umsetzbar zum Wohle unserer eigenen Bevölkerung und der eigenen Wirtschaft – und würde außerdem die mit Abstand größte Hilfe für unsere Ozeane sein!

Was kann jeder einzelne Bürger tun?

Schweikert: Die Bürger haben es in der Hand, ob sie ihre Energieversorgung mit Solarstrom und Solarthermie umgehend in Angriff nehmen beziehungsweise nur noch solche Energien einkaufen. Das wäre die wichtigste Unterstützung für unsere Ozeane. Außerdem hilft ein Anruf bei dem zuständigen Abgeordneten, ob er bei den letzten Abstimmungen für die Energiewende gestimmt hat oder nicht. Daneben hilft selbstverständlich jeglicher Verzicht auf Plastikverpackungen, die für Umwelt und Ozeane und unsere Gesundheit schädlich sind.