Vor ausverkauftem Haus referierte Professor Stephan Trüby bei den Trinationalen Architekturtagen in Bühl. | Foto: Bernhard Margull

Stephan Trüby in Bühl

Mit streitbarem Architekturtheoretiker auf Zeitreise

Anzeige

Er ist ein streitbarer wie exzellenter Architekturtheoretiker: Der Stuttgarter Professor Stephan Trüby referierte anlässlich der 19. Trinationalen Architekturtage in Bühl.  Und nicht wenige seiner Zuhörer werden wohl nun Gebäude mit etwas anderen Augen sehen.

Architektur steht nie im luftleeren Raum

Architektur steht nie im luftleeren Raum: Über Epochen hinweg demonstrierten Kirche und Adel über die Baukunst ihre Macht. Später übernahmen das die wohlhabenden Bürger sowie die Fabrikanten. Prinzipiell war und ist es eine Frage des Geldes, was sich die Bauherren leisten können. So wundert es nicht unbedingt, das die Banken (und damit das Kapital) die Sprache der Architektur dezidiert nutzten, Unternehmensphilosophie zu transportieren.

Mehr als 100 Zuhörer bei Architekturtheoretiker

Die Schalterhalle der Volksbank in Bühl war deshalb der geeignete Rahmen für den Vortrag von Professor Stephan Trüby innerhalb des Veranstaltungskanons der nunmehr 19. Trinationalen Architekturtage. „Moderne – Postmoderne – Altermoderne“ hatte der Direktor des renommierten Instituts für Grundlagen moderner Architektur und Entwerfen an der Universität Stuttgart überschrieben. Der streitbare Architekturtheoretiker nahm seine gut 100 Zuhörer mit auf eine spannende Reise durch die internationale Baugeschichte und zeigte mit eindrücklichen Beispielen auf, wann, wie und warum es zu den drei entscheidenden Zeitwenden kam.

Exkurs begann bei den frühen Modernisten

Der Exkurs begann bei den frühen Modernisten wie dem französischen Architekten Claude Perrault (1613-1688) und seinem damals von der Formensprache revolutionär erscheinenden Ostflügel des Louvre in Paris, machte unter anderem Station beim Kristallpalast von Joseph Paxton für die Weltausstellung in London 1851. Schließlich  lenkte er den Blick dann auf aktuelle Gebäude wie Heike Hanadas Bauhaus-Museum in Weimar. Claus Preiss, Vorstandsvorsitzender der Volksbank und damit Hausherr wie auch Bühls OB Hubert Schnurr freuten sich in ihren einführenden Worten, einen „der wichtigsten Architekturtheoretiker in Deutschland“ als Referenten begrüßen zu dürfen.

Artikel Trübys in der „FAS“ sorgte für gewaltige Diskussion

Wie mehrfach berichtet, entfachte Trüby mit seinem Artikel „Wir haben das Haus am rechten Fleck“ in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ eine Diskussion über Architektur und Politik, wie es sie in Deutschland seit langen nicht mehr gegeben hat.

Jedes Gebäude steht auf einem nicht sichtbaren Geldfundament

Trüby sieht in seiner Betrachtung nicht das isolierte Gebäude, ob es denn nun gelungen oder hässlich ist. Architektur habe einen konkreten Kontext, sie appelliere an die Sinne, so Trüby. Und: Sie ist nicht umsonst. „Jedes Gebäude steht auf einem nicht sichtbaren Geld-Fundament“, konstatierte Trüby, und genau das sei noch nicht hinreichend erforscht.

Vom Tresorcharakter zur Leichtigkeit

Er versprach in Sachen Bankarchitektur: „Wir werden diese Bauwerke gleich mit anderen Augen sehen.“ Die Bank – als Beispiel zeigte der Referent das in der Renaissance entstandene Gebäude der Banca di San Giorgio in Genua – zeigte über Jahrhunderte „Tresorcharakter.“ Noch die von Paul Schmitthenner geplante Rhein-Main-Bank in Stuttgart (1952, heute Königin-Olga-Bau) kündet von Solidität. Doch 1973 kam ein Bruch, erläuterte Trüby mit Verweis auf den US-amerikanischen Sozialtheoretiker David Harvey. (Trüby: „Liebes bürgerliches Publikum, nicht erschrecken, er ist ein marxistischer Theoretiker.“)

Ausdruckswandel in der Banken-Architektur

Denn ab da war der Dollar nicht mehr Leitwährung. Es gab „systemische Instabilitäten“, gefolgt von einem Bewusstseinswandel, was spätestens ab den 1990er Jahren Auswirkungen auf das Aussehen der Banken hatte. Ein Beispiel dafür ist die Europäische Zentralbank in Frankfurt, erbaut nach Plänen des avantgardistischen Büros Coop Himmelb(l)au (2010-2014), die beschwingte Leichtigkeit, wenn nicht ein gewisses Taumeln vermittelt. Bank heißt ab diesem Zeitpunkt nicht mehr allein Geld bunkern, es heißt Aktiengeschäfte, Risiko, neue Wege.

Die Sprache der Architektur ist immanent und allgegenwärtig

Die Sprache der Architektur, sie ist immanent und allgegenwärtig, das wurde in diesem spannenden Vortrag deutlich. Sie kann beeindrucken. Sie kann spalten, wie Trüby an einem Wohnprojekt aus den 1950-er-Jahren im marokkanischen Casablanca (kolonialistischer Kontext) erläuterte.
Sie kann die unterschiedlichsten Menschen aber auch zusammenführen, wie ein Platz in Kopenhagen beweist. Es gibt also Ansätze, die optimistisch stimmen. Auch bei den Banken – billigt man dem Handel völkerverständigendes Potenzial zu.