Das denkmalgeschützte Haus Schwanenstraße 1 in Bühl erhält eine neue Aufgabe. Aus dem Schmuck- und Uhrengeschäft wird eine Gastronomie. | Foto: Bernhard Margull

Baudenkmal in Schwanenstraße

Nach mehr als einem Jahrhundert wird Bühler Uhrengeschäft zur Gastronomie

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Eines der traditionsreichsten Geschäfte in Bühl hat den Besitzer gewechselt und erhält eine neue Aufgabe. Der Architekt Jürgen Grossmann (Kehl) hat über seine Swanone GmbH das denkmalgeschützte Wohn- und Geschäftshaus Schwanenstraße 1 gekauft, in dem sich das Juweliergeschäft Durst befindet. Wie Siegfried Durst gegenüber unserer Redaktion bestätigte, schließt das Juweliergeschäft, dessen Geschichte sich bis ins frühe 20. Jahrhundert zurückverfolgen lässt, aus Altersgründen zum Jahresende.

Sanierung geplant

„Geplant ist, das Ladengeschäft zu sanieren“, sagt Grossmann. „Ich führe diverse Gespräche mit interessierten Mietern aus dem gastronomischen Bereich.“ Die Neueröffnung ist zum 1. Juni 2020 geplant. Auch die beiden leerstehenden Wohnungen im Obergeschoss und im Dachgeschoss sollen renoviert werden. Grossmann will sie als möblierte Wohnungen an Geschäftskunden vermieten.

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Der aus Bühl stammende Grossmann, der mit seinen Entwürfen für eine kompromisslos moderne Formensprache (zum Teil mit High-Tech-Elementen wie beim Rathaus Meißenheim) steht, hat ein Faible für denkmalgeschützte Immobilien. In Bühl besitzt er die Turnhalle in der Schulstraße und den Badischen Hof, in Baden-Baden das Badhotel Hirsch, in Sasbach die Villa Erlenbad und in Lahr den „Löwen“. Schloss Rittersbach hat Grossmann gekauft, zu Wohnungen umgebaut und dann weiterverkauft. Seine Neuerwerbung nennt der Architekt „eines der schönsten Gebäude in der Schwanenstraße. Ich freue mich sehr, dass es mir gelungen ist, das Haus zu kaufen“, sagt er.

Uhrmacher war Bauherr

Das Juwelier- und Uhrengeschäft in der Schwanenstraße ist mehr als ein Jahrhundert alt. Bauherr war Uhrmacher Franz Merkel (1868-1911). Mit der Hilfe des Historikers Marco Müller vom Stadtgeschichtlichen Institut Bühl konnte die Redaktion die Besitzverhältnisse nachvollziehen. Nach Merkels Tod am 5. Oktober 1911 verkaufte seine Witwe das Wohn- und Geschäftshaus an den Uhrmacher Friedrich Schumacher (geboren 1877 in Pfullendorf, gestorben 1951 in Bühl). Dieser führte gemeinsam mit seiner Ehefrau Anna Taufenbach (gestorben 1961) das Uhren-, Juwelier- und Optikgeschäft 40 Jahre lang. Am 24. Mai 1952 eröffneten schließlich Uhrmacher Benno Lorenz (geboren 1926 in Bühl) und seine Ehefrau Verena Magdalena Röckel (geboren 1929 in Bühl) ihr Geschäft, das heute von Siegfried Durst und seiner Ehefrau geführt wird.

Der Entwurf für die prächtige Fassade des Hauses in der Schwanenstraße stammt von Friedrich Weis. | Foto: Stadtgeschichtliches Institut Bühl

Pläne sind erhalten

Die im Stadtgeschichtlichen Institut erhaltenen Baupläne stammen aus dem Jahr 1899 und sind von Bauunternehmer Friedrich Weis unterzeichnet. Ausgeführt wurde das Gebäude ein Jahr später. Der repräsentative Neubau ersetzte den schlichten Vorgänger von Karl Stempf senior. Der Buchbinder unterhielt dort eine Schreibmaterialienhandlung.

Der schlichte Vorgängerbau gehörte dem Buchbinder Karl Stempf senior und musste 1900 weichen. | Foto: Stadtgeschichtliches Institut Bühl

Die Kunsthistorikerin Wiltrud Heber lobt in der 1990 im Auftrag der baden-württembergischen Landesdenkmalpflege erarbeiteten Denkmalliste der Stadt Bühl die Qualität der Hauptfassade des Wohn- und Geschäftshauses Schwanenstraße 1. „Das Gebäude dokumentiert in seiner ausgewogenen historistischen Fassadengestaltung das Repräsentationsbewusstsein eines erfolgreichen Geschäftsmanns“, stellt Heber fest.

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Prächtige Fassade

Die Kunsthistorikerin erwähnt ausdrücklich, dass die originale Fassadengestaltung des Gebäudes auch im Erdgeschoss erhalten ist. Das ist keineswegs selbstverständlich: Bei vielen Wohn- und Geschäftshäusern wurden seit den 1950er Jahren im Erdgeschoss entstellende Vollverglasungen eingebaut.

Das Gebäude im Stil der Neurenaissance ist zweigeschossig. Das Erdgeschoss ist aufwändig mit Sandstein verblendet, das Obergeschoss ist verputzt mit Sandsteingliederung und jeweils einem Balkon in den beiden äußeren Fensterachsen. Im Zentrum der Fassade befindet sich die Inschrift „Zeit ist Geld“, die auf das Uhrmacherhandwerk verweist. Der Name des Bauherrn Franz Merkel findet sich unter dem Sprichwort. Der Schlussstein des von Säulen gerahmten Portals zum Laden ist inschriftlich in das Erbauungsjahr 1900 datiert.

Unterschiede im Detail

Der Fassadenentwurf von Friedrich Weis aus dem Jahr 1899 im Stadtgeschichtlichen Institut unterscheidet sich im Detail von der späteren Ausführung. Das Relief über dem Ladeneingang wurde nicht in dieser Form ausgeführt.

Marco Müller vom Stadtgeschichtlichen Institut Bühl macht außerdem auf einen Fehler in der Denkmalliste aufmerksam. Das Haus wurde nicht, wie dort behauptet, anstelle des Kornhauses errichtet. Die Kornlaube stand auf dem Anwesen Schwanenstraße 3, also in der unmittelbaren Nachbarschaft.

„Wegen seiner architekturgeschichtlichen Aussagekraft und wegen seiner qualitätvollen Gestaltung ist der Bau ein Kulturdenkmal und künstlerischen und wissenschaftlichen Gründen“, heißt es in der Denkmalliste.